Steinernes Bekenntnis (I)

Meine Schule war eine gute Schule. Ein altehrwürdiges Gebäude, mit dicken Mauern aus rot gebranntem Backstein; alle Klassenzimmer hatten dicke, schwergängige Türen aus massivem Holz. Statt Türklinken waren noch altertümliche Ziehgriffe mit Bügeln aus Messing angebracht. Schwere Türen, dunkel gebeizt. Ich weiß noch, dass mich als Kind die breiten steinernen Treppenstufen in meiner Schule vom ersten Tag an faszinierten. Die Füße vieler Schülergenerationen hatten im Laufe der Jahrhunderte unübersehbare Spuren im Granit der Treppenstufen hinterlassen und sie abgeschliffen, so dass flache Kuhlen in der Mitte der Stufen entstanden waren. Steter Tritt höhlte den Stein. So hatten Millionen schlurfende Füße all der müden, gelangweilten, schüchternen oder aufsässigen, klugen oder nicht so klugen Schüler an den meistbetretenen Stellen der Steinstufen dünne Schichten des harten Granits abgetragen, während der harte Stein wiederum Schicht für Schicht vom Material der Schuh- oder Stiefelsohlen abgeschliffen und als feinste Abriebpartikel in die Umwelt entlassen hatte. Fuß auf Stein bildete die alltägliche Reibpaarung, an der auch ich zwölf Jahre lang, wenn auch oft lustlos und gegen meinen Willen, beteiligt war. Ja, oft gegen meinen Willen, doch ich gehorchte. Ich tat, was alle taten. Ich tat, was man von uns verlangte. Treppen hinauf- und hinabsteigen, immer wieder, jeden Tag (außer sonn- und feiertags). Continue reading Steinernes Bekenntnis (I)