Einheit

In meiner ehemaligen Heimatstadt, im Beitrittsgebiet gelegen, wurden Anfang der 90er Jahre viele Straßennamen ausgetauscht. Erst ein paar, dann immer mehr. Der Marx-Engels-Platz wurde zum Rathausplatz, die Leninstraße wurde zur Kennedy-Allee, und auch der schmalen, von Kastanien gesäumten Wilhelm-Pieck-Straße wurde irgendein anderer Name verpasst – bestimmt Willy-Brandt-, vielleicht auch Konrad-Adenauer-Straße.
Unter den Straßennamen, die aus praktischen Gründen unangetastet blieben, war die „Straße der Einheit“ – die gab es nämlich längst, allerdings bezog sich der Name auf die Vereinigung zwischen KPD und SPD in den Ostsektoren 1946, was später aber in Vergessenheit geriet. Der Name passte. Zeitlos. Die Straße der Einheit war in meiner Jugendzeit eine recht holprige Straße voller Schlaglöcher, alle paar Jahre wurden die schlimmsten Stellen notdürftig und recht lustlos mit Splitt und kochendem Teer geflickt. Als Teenager bin ich auch mal mit dem Moped dort in der Kurve gestürzt. Übermut …
Nach dem Anschluss wurde die Straße der Einheit natürlich zu einer sauber asphaltierten Straße ausgebaut; da waren die Menschen auch froh, hatten sie doch jetzt freie Fahrt und konnten ordentlich Gas geben. Ebenmäßig glatt, bei Regen schwarz glänzend, schnurgerade liegt sie da und führt bis zum städtischen Jobcenter. Man kann jetzt da hinfahren, ohne dass die Stoßdämpfer leiden. An wenigen Stellen ist sie jedoch wieder von Rissen, flachen Mulden und Absätzen durchzogen, wurde mehrfach wegen der Rohr- Kabel- und Erdarbeiten aufgeschnitten, aufgerissen, ähnelt dort allmählich dem straßenbaulichen Flickenteppich in Berlin – … An einem Teilstück der Straße befindet sich auch ein moderner Supermarkt, auf einer eingeebneten Fläche errichtet, wo sich früher das „Stadion der ewigen Arbeit“ befand. Hieß eigentlich anders, aber man nannte dieses zu meiner Zeit nur noch ansatzweise als Stadion erkennbare, allmählich verfallende Gelände so, da es nie fertig gestellt wurde. Mittel waren knapp, nicht so wie heute.  In der Nähe lag der damalige Ehrenfriedhof übrigens. Zu Ehren der Gefallenen. Ich mochte dieses halbfertige Stadion sehr. War ein guter Abenteuerspielplatz, haben wir später für unsere Parcours-Runden genutzt.