Moment …

Ich sah vorhin diesen seltsamen Mann in der Straßenbahn, als ich in die City fuhr. War nur eine Momentaufnahme. Unauffällige Erscheinung. Leicht schütteres Haar, trug einen blauen Anorak und verwaschene, abgewetzte Bluejeans, die er mit seinem Hintern nicht ganz ausfüllte. In der Hand hielt er einen zerknitterten Stoffbeutel mit irgendeinem Aufdruck. Der Mann wirkte selbst für Berliner Verhältnisse ärmlich gekleidet und fiel mir auf, da er sich von der Menge der anderen Fahrgäste irgendwie abhob, die deutlich besser und moderner gekleidet waren, auch selbstbewusster wirkten. Einige waren jünger, mehr Schwarze als gewohnt, doch auch südländischer Teint ist in meinem Stadtbezirk mittlerweile stark vertreten, viele trugen Markenklamotten, Top-Sneakers dem Anschein nach, einige telefonierten, unterhielten sich oder starrten auf ihre Smartphones; bunt durchmischt, und die Geräuschkulisse – ein babylonisches Sprachgewirr. Oh, dachte ich, als ich dem hier verloren wirkenden Mann hinterherblickte, wie er etwas linkisch auf den Halteknopf drückte und zögerlich, nein, eher umsichtig nach rechts auf die Straße blickend, ausstieg, und schalt mich zugleich für meinen Gedanken: Ein Deutscher noch …

Über Risse und Gegensätze ….

Entwicklungen in der Natur und in der Gesellschaft fußen auf Widersprüchen. Auch reine Vernunft als solche ist in sich widersprüchlich. Hegel und Marx ist diesbezüglich zuzustimmen. Widersprüche in menschlichen Gesellschaften, die als Gegensätze zwischen konkurrierenden Seiten, Parteien, Interessengruppen, Akteuren oder sozialen Klassen zu Tage treten, wirken als Triebkräfte des Wandels. Idealerweise sollte nach Marx die Auflösung derartiger Widersprüche eine stetige Höherentwicklung bewirken. Eine Gesetzmäßigkeit historischer Entwicklungen oder eines allgemein aufstrebenden gesellschaftlichen Fortschritts wird man aus heutiger Sicht – als grober Nachweis genügt vielleicht schon ein Blick aus dem Fenster – verneinen müssen. Nicht jede Entwicklung ist aus Sicht der Allgemeinheit positiv. Gesellschaftliche Widersprüche – und es gibt derer viele – sind jedoch nicht alle kritischer Natur.

Unversöhnliche Widersprüche, die sich nur durch einen Bruch der bestehenden Ordnung auflösen lassen, nannte Marx antagonistische Widersprüche.

Die sich aufbauenden Spannungen zwischen den europäischen Staaten, Euro-/Schulden- und Migrationskrise, Islamisierung, zunehmende Kriminalität, Säbelrasseln gegen Russland usw. und schließlich die daraus resultierende Spaltung der europäischen Gesellschaften – all die unschönen Begleiterscheinungen und „Verwerfungen“ des „multi-ethnischen Experiments“ könnten nur das äußere, für uns sichtbare Abbild eines tiefen antagonistischen Klassenwiderspruchs sein: Eine globalistische Herrschaftsklasse, eine kleine Schicht privilegierter Konzernbosse und superreicher Oligarchen und Spekulanten, die sich ein philanthropisches, moralisierendes Mäntelchen umhängen, steht allen national, ethnisch und kulturell in Europa (bzw. in der westlichen Welt) verwurzelten Bevölkerungsgruppen feindlich gegenüber. Continue reading Über Risse und Gegensätze ….

Nennt mich Ismael … (I)

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Oder meinetwegen Max. Spielt aber eigentlich keine Rolle.
Als wir Kinder waren, nahm uns unser Großvater oft mit auf den See hinaus zum Angeln. Opa besaß noch einen dieser alten schweren Angelkähne, ein eisernes Ungetüm, komplett aus Stahlplatten gefertigt, mit dicken Schweißwülsten an den Nahtstellen und Rändern, unhandlich, schwer zu rudern und ziemlich pflegeintensiv. Wie es seine Art war, pflegte Großvater auch diesen alten Eisenkahn sehr sorgfältig, zog ihn regelmäßig im Herbst aus dem Wasser und lagerte ihn mit der Unterseite nach oben am Ufer; im Frühjahr schliff er Roststellen ab und verpasste dem Bootskörper einen neuen Anstrich. Erst trug er eine Rostschutzfarbe oder Grundierung auf, danach wurde die Oberfläche mit einer wetterbeständigen blauen Farblackierung versehen und versiegelt. Der Blauton variierte mit den Jahren, war mal heller und mal dunkler. Wenn im Jahresverlauf etwas Farbe abblätterte, kamen darunter liegende alte Farbschichten zum Vorschein, die an Jahresringe von Bäumen erinnerten. Das Boot muss ziemlich alt gewesen sein, wahrscheinlich älter als der von ihm befahrene See, der erst in den 30er Jahren durch einsickerndes Grundwasser nach intensivem Kiesabbau entstanden ist. Der Kahn war schwer, aber nicht plump zu nennen, sah sogar ästhetisch, formschön aus. Massiver dicker Stahl, an keiner Stelle durchgerostet. Ich habe Großvater nie gefragt, woher er den Kahn eigentlich hatte. Ich hing sehr an diesem stählernen Boot, obwohl es im Unterschied zu den modernen und leichteren Plastikkähnen schwer zu rudern war. Der Eisenkahn reagierte nur schwerfällig auf Steuerversuche, und man konnte sich auch leicht die Finger an den Halterungen der Ruderblätter einklemmen. Er lag tief im Wasser und ließ sich ohne fremde Hilfe kaum und wenn überhaupt, dann nur mit provisorischen Betonrollen aus dem flachen Wasser auf den Bootsablageplatz am nahen Ufer ziehen. Um das Boot mit der am Bug befestigten Kette an Land zu ziehen, brauchte man eigentlich zwei Männer. Heute bräuchte man noch mehr. Mein Großvater schaffte es allein. Dennoch liebte ich dieses schwere Boot. Solange es möglich war, ruderte ich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit, manchmal auch bei schwerem Wellengang, allein auf den See hinaus. Von allein wäre es wohl nie gesunken.

Irgendwann – das war aber erst viel später – leistete sich Großvater ein neues Ruderboot aus glasfaserverstärktem Kunststoff, eines, das geräumiger, handlicher, bequemer und sicherer war. Das benutzte er dann aber nur noch eine Saison lang …