Widersprüche

Widersprüche sind die Triebkraft jeder Entwicklung.
Innere Widersprüche im Bewusstsein eines Menschen wachsen in dem Maße, wie die vom Einzelnen täglich erlebte Wirklichkeit mit offiziösen bzw. staatlicherseits erwünschten oder medial vermittelten Dogmen kollidiert. Daher erwächst bei den meisten Menschen erst dann ein staatskritisches mündiges Bewusstsein, wenn sie die Schule verlassen bzw. die Ausbildung oder das Studium abgeschlossen haben und letztlich in den normalen Alltag und ins Arbeitsleben eintreten. Erst wenn man seine Rechnungen selbst bezahlt, wird man ein wahrhaft mündiger Bürger. Bis dahin plappert man notgedrungen leider allzu oft nur das nach, was Lehrer, Eltern oder Mediensternchen vorbeten.

In der DDR kam man im Verlauf privater Gespräche mit Freunden oder Bekannten irgendwann zwangsläufig auf Themen oder Angelegenheiten zu sprechen, die ihre Ursache direkt oder indirekt in der sozialistischen Plan- bzw. Mangelwirtschaft hatten: Man bekomme keine Wohnung, der Wohnungsantrag sei aussichtslos, dieses oder jenes gebe es nicht zu kaufen, es sei auch ohne Beziehungen nirgendwo zu bekommen, im Betrieb sei der Materialnachschub wieder einmal gestört, auf Arbeit oder im Dienst sei dieser oder jener Kollege oder Vorgesetzte ständig betrunken usw. usf. Meist nicht direkt als politische Kritik am Sozialismus gemeint (da jeder doch irgendwie für den Sozialismus war, natürlich einen mit „menschlichem Antlitz“), hat es sich natürlich trotzdem auf das politische Bewusstsein ausgewirkt.

Mittlerweile gibt es auch ein Thema, das mit all seinen nachteiligen Auswirkungen immer präsent ist, auch wenn es mittlerweile aus Furcht vor Repression oder Rechtsverdacht von vielen nicht offen angesprochen wird. Bei jedem Treffen mit Freunden, jeder familiären Zusammenkunft oder (hinter vorgehaltener Hand) bei gelegentlichen Gesprächen im Fitnessstudio oder in der Bahn: immer wird es, das eine Thema, mehr oder weniger sanft angedeutet.
These/Behauptung: Im Verlauf jedes vertrauten Gesprächs oder jeder freien Diskussion berührt die Rede eines Teilnehmers das Kernthema, an dem die betreffende untergehende Gesellschaft unheilbar krankt.

Platz da!

Thomas von Aquin hatte im Mittelalter die theoretische Frage aufgeworfen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Wenn ich mich recht erinnere, einigte man sich nach langen Diskussionen auf die Antwort: So viele wie wollen.

Die moderne Entsprechung dieser theologisch bedeutsamen Frage ist: Wie viele Migranten oder sog. Flüchtlinge kann ein Land wie Deutschland aufnehmen?

So viele, wie man hereinlässt? Nein, denn das würde eine potenzielle, wenn auch unwahrscheinliche Begrenzung bzw. einen möglichen künftigen Willen zur Zurückweisung implizieren. Falsch, Kinder. Man ist natürlich versucht, die Frage nach der maximalen Zahl außereuropäischer Migranten, die sich in Deutschland tummeln können, analog der vorerwähnten theologischen Engelsfrage zu beantworten. Dennoch lohnt es, dieser schwammigen Aussage der Pfaffen mit einem gebotenen Schuss Skepsis und Kritik zu begegnen.
„So viele wie wollen“ wäre eine unangemessene Antwort, d. h. begrifflich zu niedrig angesetzt, denn a) was ist mit denen, die (noch) nicht wollen?; und b) übersteigt das heutige Gebiet Deutschlands schließlich die Fläche einer Nadelspitze um ein Quantilliardenfaches (und womöglich noch mehr). Man muss daher eine erweiternde Formulierung finden, die dem räumlichen Mehrangebot in Deutschland gegenüber einer Nadelspitze Rechnung trägt. Aus heutiger Sicht lautet die korrekte Antwort daher: alle. Und wenn man zusammenrückt, sogar noch mehr …

Bim-Bom?

Zur Zeit der russischen Revolution war der Clown Bim-Bom in ganz Moskau sehr beliebt, eine lokale Berühmtheit gewissermaßen – seine Vorstellungen waren stets ausverkauft. Was ihm zum Verhängnis wurde: Er riss gern Witze über die Bolschewisten und deren Anführer, zu denen viele der damals noch dort Lebenden eine skeptische oder feindselige Haltung pflegten. (Später sollte sich das natürlich ändern.) Die Witze kamen beim Publikum besonders gut an. Besagter Clown Bim-Bom verspottete jedenfalls die Repräsentanten der jungen Sowjetmacht nach Herzenslust. Der Saal tobte, und den Zuschauern standen oft vor Lachen die Tränen in den Augen. Der Clown dachte bestimmt, er sei auf der sicheren Seite, und er schnitt ja auch lustige Grimassen, wenn er seine Spitzen gegen die Bolschewisten abfeuerte. Das Lachen wirkte befreiend, und jedem musste schließlich klar sein, dass das alles nur Klamauk und Satirekunst war. Wenn er Briefe oder Karten an seine Freunde und Verwandten schrieb, zeichnete er bestimmt lustige kleine Fratzen neben seine Grüße. Alle Zuschauer liebten ihren Clown Bim-Bom. Fast alle. Doch diktatorisch herrschende Regimes und ihre Schergen, damals wie heute, sind gänzlich humorlos, zumindest wenn ein Witz auf sie gemünzt ist. Hätte sich der falschwitzelnde Clown doch darauf beschränkt, lediglich die Deutschen, die Monarchisten, die Menschewiki oder die Nationalrevolutionäre oder die Kulaken zu verspotten, so wäre alles in Ordnung gewesen. Vorerst jedenfalls, denn irgendwann hätte man ihn wahrscheinlich ohnehin abgeholt. Satire hat schließlich ihre Grenzen, das weiß man heute. Muss man auch wissen. Eines Tages, 1918 war das, da wurde Clown Bim-Bom direkt in der Manege erschossen, denn der feige Kasper wollte auch noch flüchten, sich den Konsequenzen seiner beanspruchten Kunstfreiheit entziehen, als ihn die revolutionstreuen Tschekisten zwecks Klärung eines Sachverhalts (und zu seinem Schutz) in Gewahrsam nehmen wollten. Zu seiner Beerdigung sollen Hunderte Leute gekommen sein. „Was für ein würdeloser Tod; abgeknallt haben sie ihn wie einen räudigen Hund“, sagten die Leute und konnten sich wahrscheinlich in ihren schlimmsten Alpträumen noch nicht vorstellen, dass viele von ihnen selbst bald in den Folterkellern der Lubjanka, vor den Erschießungskommandos oder in irgendeinem Gulag landen würden. Bim-Bom hatte bestimmt auch einen richtigen Namen, aber wen kümmert schon ein längst vergessener Clown? Man will ja keinen Opfermythos begründen, denn dazu taugt der ja nicht …

Bestandserhaltung

Die Familie einer früheren Freundin hatte einst eine fremde Haushaltshilfe engagiert. Die war leider alkoholkrank, was sie jedoch anfangs gut verbergen konnte, und so vergriff sich die gute Frau auch an der Flasche mit dem teuren Whiskey (vielleicht war es auch Kognak), die gleichsam als ständige Versuchung auf einer gläsernen Vitrine im Wohnzimmer stand.  Es muss für diese bedauernswerte Frau wie eine grausame Folter gewesen sein, diese Flasche täglich zu sehen. Damit die Fehlmenge nicht auffiel, füllte sie die sich allmählich leerende Flasche (denn sie trank ja immer nur einen winzigen Schluck) immer wieder auf – mit kaltem Tee. Der Tee hatte in etwa die gleiche Farbe und man sah schließlich von außen nicht, dass ein Teil des Whiskeys verschwunden war.  Also wo war das Problem? Eine klassische Win-Win-Situation. Die Trinkerin konnte sich den Whiskey schmecken lassen, und für die anderen Bewohner blieb der Bestand dennoch erhalten. Optisch jedenfalls. Erst als man sich mal ein gutes Gläschen gönnen wollte, merkte man, dass der kostbare Alkohol verdünnt und verwässert war bzw. letztlich nur noch aus Tee bestand.  Aber hochprozentiger Alkohol ist sowieso ungesund und sicherlich auch klimaschädlich. Ach, hätten sie die volle Wiskeyflasche doch einfach da zur Zierde stehen lassen, wo sie stand. Warum mussten sie, die Besitzer, auch unbedingt davon kosten? So haben sich diese Unmenschen ihre Illusion der vollen Flasche selbst zerstört und der armen Frau gekündigt, ihr ihren Job genommen …

Die sich keinen Wolf schwimmen …

Erich Honecker ging nur selten ins Wasser und wenn, dann schwamm er nie weit hinaus. Ein einziges Mal, das war im Schwarzen Meer vor der Krim, wo er auf Einladung des damaligen sowjetischen Parteichefs Breshnews einige Tage verbrachte, bevor er von ihm empfangen wurde, bekam er beim Schwimmen Probleme. Die Wasseroberfläche war fast glatt, nur leicht gekräuselt, doch unsichtbar unter Wasser zerrte eine Strömung an den Körpern, drohte, sie hinaus aufs Meer zu ziehen. Sein Leibwächter, der unseren damaligen Partei- und Staatschef auch beim Schwimmen begleitete, bemerkte Honeckers Schwäche, kraulte zu ihm hin und fragte: „Geht’s noch, Genosse?“.
„Klar doch“, keuchte Honecker, der keine Unsicherheit oder gar Schwäche zeigen wollte. „Wie weit noch bis zum anderen Ufer?“ Irritiert fragte der mitschwimmende Personenschützer: „Welches andere Ufer?“ Er mag vielleicht kurz mit dem Gedanken gespielt haben, ihm den Kopf unter Wasser zu drücken. Hätte er tun können. Nicht schwer. Sie waren schon weit draußen. Doch in Wahrheit dachte er das Undenkbare nicht. Vermutlich nicht. Ich kann es ja nicht wissen. „Irgendeins. Ist wichtig, ein Ziel zu haben“, presste der Schwimmer heraus. Honecker schwamm verbissen weiter. Beide Schwimmer wurden von einer Strömung weit abgetrieben und erreichten den rettenden Strand nur mit Mühe und Not. Als er ans Land stieg, knickten Honeckers Beine ein … „War knapp“, könnte er gedacht haben, noch immer schwer atmend. Irgendetwas in der Art. Er erholte sich jedoch schnell und blieb danach noch etliche Jahre in Amt und Würden, wie wir wissen.
Frau Merkel kann natürlich auch schwimmen. Sie schwimmt auf Sicht, immer parallel zum Strand, in sicherer Entfernung, nie hinter der Boje. Sie badet auch gern. Lau, sicherlich. Das kennt man. Da kann nichts passieren. Denn Frau Merkel schwimmt immer oben und geht nie unter …