Zur Frage der moralischen Impfpflicht

Hat man eine moralische Pflicht gegenüber der Gesellschaft, sich einen mRNA- oder Vektor-Impfstoff injizieren zu lassen?

Selbst wenn die derzeit verspritzten Impfstoffe tatsächlich im Sinne der Erfinder wirksam (infektionsverhindernd) und sicher (weitgehend frei von schweren Folge- und Nebenwirkungen) wären und für sterile Immunität sorgen würden (so dass Impflinge als Virenüberträger ausgeschlossen wären) – wobei sich alle drei Verheißungen oder Hoffnungen nicht erfüllt haben, wäre es immer noch die freie Entscheidung jedes mündigen, (vernunftbegabten) Bürgers, ob er sich spritzen lässt und wissentlich oder unwissentlich alle Konsequenzen dieser Entscheidung oder Unterlassung trägt. Moralismus ist nicht hilfreich.

Nein, eine moralische Pflicht zur mRNA-Vakzinierung lässt sich ebenfalls nicht begründen. Dazu muss man Kant noch nicht mal vom Kopf auf die Füße stellen.
“Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz.” (Immanuel Kant)
Nur die Vernunft ermöglicht uns, das (Sitten-)Gesetz zu erkennen. Doch Vernunft impliziert Verstand. Wir wissen auch: “Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen” (Schiller).
Die meisten Menschen handeln unter restriktiven oder repressiven Bedingungen zwar “pflichtgemäß”, aber nicht “aus Pflicht”, was Kant unterscheidet. Eine Handlung aus Pflicht wäre somit eine Handlung allein aus Achtung für das Sittengesetz. Pflicht soll das Motiv für das Handeln sein, jedoch nicht Freude, Abwendung von Übel, Repressionen, Zwang o.ä.
Wem das Gewissen gebietet, auf eine bestimmte Weise zu handeln und eine Impfung zu verweigern, der hat folglich auch die moralische Pflicht, den Ärmel bedeckt zu lassen und sich nicht zu beugen. Ein universelles Sittengesetz könnte, so man sich darauf berufen wollte, die Wahrung der bzw. das Recht auf Unversehrtheit des menschlichen Körpers und die Verweigerung medizinisch-pharmakologischer Experimente an gesunden Menschen fordern.

Eine lediglich “pflichtgemäße” Handlung, die nicht aus Achtung vor dem universellen Sittengesetz, sondern aus Neigung (in unserem Fall etwa aus Folgsamkeit oder Ängstlichkeit) oder gar aus rationalem Kalkül (etwa um endlich wieder richtig “feiern und reisen” zu dürfen) geschieht oder um staatliche Repressionen zu umgehen, hat keinen positiven moralischen Wert. Der gehorsame Impfling, der sich (vorwiegend) aus selbstsüchtigen Motiven spritzen ließ, um in den Genuss seiner lange entbehrten Partys oder Puffbesuche zu kommen, handelte somit nicht moralisch.

Der Impfling hingegen, der reinen Gewissens aus rein altruistischen Motiven – auch wenn sich dies als Fehler oder Trugschluss erweisen könnte – zur Impfbox schreitet, könnte durchaus zu dem Schluss kommen, aus Pflicht gehandelt zu haben. Aber höchstens für sich selbst konstatierend, nicht fordernd im Sinne eines spritzenden Imperativs.