Der enttarnte Plagiator als Opfer der Digitalisierung

Ich schaue mir gerade ein Bild auf „Welt Online“ an, das mutmaßlich kurz nach der Bekanntgabe des Rücktritts der A. Schavan aufgenommen wurde.

Eingerahmt durch zwei aufgepflanzte schwarz-rot-goldene Flaggen marschiert Frau Ex-Bildungsministerin mit trotzigem Gesichtsausdruck, fest zusammengepressten Lippen und locker schwingenden Armen vom Podium hinweg, dicht gefolgt von Frau Merkel, mit einem verkniffenen Lächeln auf den Lippen, sichtbar um Haltung ringend und den Blick über die Köpfe der ausharrenden Pressevertreter auf einen nur ihr bekannten Punkt in der Ferne des Raumes gerichtet. In der Hand hält sie wohl das gerade abgelesene Blatt mit der üblichen Dankesbekundung und Loyalitätserklärung an die Adresse der aus dem Amt scheidenden ministerialen Plagiatorin.

In dem dazugehörigen Artikel werden nun reichlich Krokodilstränen vergossen, WO-Chefkommentator Krauel schwadroniert von einer „Rechtssprechung per Computer“, Schavan sei ohne persönliche Anhörung verurteilt worden, so als ob es um einen Gerichtsprozess bzw. strafrechtliche Verantwortung und nicht lediglich um den völlig selbstverständlichen Entzug eines durch betrügerische Vorgehensweisen erschlichenen akademischen Grades ginge.

Schavan sei „Opfer der digitalen Welt“ geworden, beklagt der Welt-Kommentator, da es erst durch massierten Einsatz von Computern – übrigens die Erfindung eines gewissen Herrn Jobs, wie man zu berichten weiß, bedient durch digitale Machtbürger in letzter Konsequenz dem Pöbel ermöglicht worden sei, die gottgleiche Frau Ministerin mit den vielen Verdiensten vom Sockel zu stoßen.

Der Grundtenor dieser und auch einiger anderer Artikel ist, dass anonyme Wutbürger aus Neid und Missgunst eine Art Hexenjagd veranstaltet hätten, um ausgewiesen kompetente Repräsentanten der politischen Elite wegen der Verletzung kleinlich ausgelegter Zitierregeln wie waidwundes Wild zur Strecke zu bringen.

Eine Hexenjagd an der Grenze zur juristischen Niedertracht, so sieht es Herr Krauel, dessen Karriere einst als Berater im Bundestag und Bundeskanzleramt angeschoben wurde. Man kann nur mutmaßen, warum sich der Chefkommentator des Springer-Blattes hier so ins Zeug legt.

Generell hört und liest man, dass die Politik ihr „Anerkennung und Respekt“ zollt, den Rücktritt „bedauerlich und tragisch“ nennt, während mir ein schaler Geschmack im Munde verbleibt…

Die Verklärung eines Täters zum Opfer hat sich von jeher als klassischer Kunstgriff zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung bewährt. Ist es denn aber aus Gründen der Staatsräson notwendig, eine Betrügerin, die sich durch vorsätzliches und systematisches Ausgaben fremder gedanklicher Leistungen als eigene, sprich plumpes Abschreiben, vor 30 Jahren Studienabschluss, Doktorgrad und die Basis für ihre spätere Karriere erschlichen hat und mutmaßlich fähigeren Mitbewerberinnen durch illegitime Mittel den Weg verbaut hat, in gespielt-empörter Manier zum Opfer der Umstände der Digitalisierung zu verklären?

Quelle: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article113512184/Schavan-ist-ein-Opfer-der-digitalen-Welt.html

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