Alles kommt anders! (optimistisches Szenario)

Schon eine seltsame Spezies – diese ganzen Pessimisten, Fundamentalkritiker und Untergangspropheten, die früher das Internet bevölkerten. Aus Sicht des Jahres 2016 kann der moderne Weltbürger über derlei unfundierte Vorstellungen nur noch den Kopf schütteln. Unverbesserliche Schwarzseher, deren geistige Beeinträchtigungen man nun endlich durch wirksame pharmakologische Behandlungsmethoden kontrollieren kann.
Denn 2016 ist eines der besten Jahre der Menschheit seit dem Ende des zweiten Weltkriegs.

„Könnte eigentlich nicht besser laufen“, denkt sich James Howard und lächelt zufrieden. Wie ein Mann, der vollends mit sich im Reinen ist, blickt James versonnen in den Abendhimmel, während er es sich mit einem Gin-Tonic in der Hand in seiner Hängematte auf der Veranda seines spanischen Domizils bequem macht. Ja, ganz aus eigener Kraft hat er es geschafft und kann sein Leben jetzt endlich genießen.
James’ kurz zuvor erworbenen Firmenbeteiligungen und Kapitalanlagen entwickeln sich prächtig. Genießerisch schlürft der attraktive Mittvierziger seinen Cocktail aus dem kostbaren Kristallglas und lehnt sich zurück.
Eine gute Entscheidung war es gewesen, für eine kleinere Tranche seiner Bitcoins die Mehrheit an diesem Schweizer Nahrungsmittelkonzern zu erwerben, der diese neuartige pflanzliche Fertignahrung aus Algen herstellt, nach der sich alle die Finger lecken. Was da genau an Inhaltsstoffen drin ist, muss ihn nicht wirklich interessieren. James lässt nur sein Geld für sich arbeiten und bevorzugt ohnehin eher höherwertige Bio-Nahrungsmittel aus den fruchtbaren, noch nicht kontaminierten Polarregionen.

Seit Jahren geht es nun in der Welt wieder aufwärts. Dank der konsequenten Bemühungen des US-amerikanisch-chinesischen Weltrats und der französischen Kommissare, die nun die europäische Union mit straffer Hand führen, floriert die Wirtschaft in der gesamten europäischen Verwaltungszone wieder. Selbst Deutschland hat unter sanftem Druck der europäischen Wachstumsregulierer seine Reformmüdigkeit überwunden und Millionen neuer Jobs geschaffen.
Völlig neue Wirtschaftszweige wie der private Organhandel, die Produktion von Schutzanzügen und Atemmasken und die Herstellung von Helikopterdrohnen für zivile Zwecke sind entstanden, die in Verbindung mit den umfassenden und regelmäßigen Geldspritzen der Notenbanken eine Phase dauerhaften Wachstums und exponentiell steigenden Wohlstands ausgelöst haben.
Aktienkurse und Vermögenspreise sind mittlerweile in früher unvorstellbare Höhen gestiegen und haben wie erhofft auch der Konjunktur neue Schubkraft verliehen.
Dank des Klimawandels erblüht u. a. die Sahelzone, und durch die höheren Temperaturen in Nordeuropa können Heizkosten und Baustoffe eingespart werden.

Die schier endlose Finanzkrise der Jahre 2008 bis 2013 wurde durch eine Kette entschlossener Währungsreformen endgültig überwunden. Die Währungsturbulenzen, denen auch Euro und Dollar zum Opfer fielen, hat allein die Kryptowährung Bitcoin unbeschadet überstanden. In der Zeit nach dem Währungskollaps waren die ihrer Sparvermögen ledigen Bürger froh, endlich mit dem neuen Kryptotaler, einer stabilen und werthaltigen Währung, zahlen zu dürfen, über deren Umlauf nun die renommierte Bank Silverman Sachs wacht. Auf Bargeld wird nun aus hygienischen Gründen ganz verzichtet, auch dies ein Ergebnis der schlimmen Epidemien der letzten Jahre, deren Ursache Wissenschaftler des Weltgesundheitsrats auf den Bargeldumlauf zurückgeführt hatten.

Ja, in der Tat. Er, James Howard, hat es geschafft. Für den ehemaligen kleinen Angestellten aus Newport, der 2013 versehentlich seine alte Festplatte mitsamt einem millionenschweren Bitcoin-Wallet entsorgt hatte, hat sich letztlich alles zum Guten gewendet.
Ein 12-jähriger Nachbarsjunge, der zu Weihnachten 2013 mit seinen Freunden die unübersichtliche Müllkippe nach Metallteilen zum Basteln durchstöberte, hatte die defekte Festplatte zufällig gefunden. Ehrlich wie gut erzogene britische Kinder nun einmal sind, zeigte er die Festplatte seiner Mutter, die sich an einen Artikel über den verhinderten Bitcoin-Millionär aus der Lokalpresse erinnerte.
Auf Umwegen erreichte der Datenspeicher schließlich James, der außer sich vor Freude dem ehrlichen Finder ganze fünf Pfund in die Hand drückte und sich sodann an die Rettung der wertvollen Bitcoindaten machte, die die Grundlage seines Wirtschaftsimperiums bildeten.

Als steinreicher Philanthrop reist James nun um die Welt, tut Gutes und genießt sein Leben.
Zur Sicherheit führt James oder Dr. Howard, wie er sich nun nennt, sein verbleibendes digitales Kryptogeld immer mit sich herum – in einem Speicherchip, den er sich in die Stirn einpflanzen ließ. Erkennen kann man ihn übrigens an der Kappe aus Alu- oder Kupferfolie, die er sich zum Schutz vor Datendieben tief ins Gesicht zieht…

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