Almost Clean

DSCN2590_Space„Dann wäre ja alles in Ordnung. Da gäbe es nur noch eine Sache, die wir abklären müssten, bevor ich Ihre Bewerbung an den Rekrutierungsausschuss weiterreiche“, erklärte der Personalchef zum Abschluss meines Vorstellungsgesprächs. „Sind Sie clean? Wirklich clean?“
Ich stutzte einen Augenblick lang. Sollte das eine Fangfrage sein? „Clean? Natürlich nehme ich keine Drogen, was dachten Sie denn? Ich trinke auch nicht, also kaum, nur gelegentlich mal ein Bier zum Feierabend. Manchmal auch zwei oder einen Schnaps, aber das ist eher selten. Und Bier nur aus umweltfreundlichen Mehrwegflaschen.“
„Nein, nein“, winkte der Mann hinter seinem Schreibtisch ab. „Ihre Konsumgewohnheiten interessieren uns eher weniger. Das ist Ihre Privatsache. Immerhin leben wir in Berlin, nicht etwa im rückständigen Bayern. Da wollen wir auch nicht päpstlicher sein als der Papst …“ Er hüstelte verstohlen.
„Clean im sozialen Sinne, meine ich. Sagt man jetzt so. Also ob Sie in den sozialen Netzwerken, in Ihrem früheren Umfeld oder allgemein im Internet gewisse Spuren hinterlassen haben. Spuren, die Sie und damit uns als Ihren potenziellen Arbeitgeber in ein schlechtes Licht rücken könnten. Sie wissen doch sicher, was ich damit meine …“ Er ließ seinen Ausführungen eine bedeutungsschwere Pause folgen.

„Ach so, jaa“, hörte ich mich reden. Ich zog die Vokale extra lang, um etwas Zeit zu gewinnen. „Da hab ich Sie wohl falsch verstanden.“ Ich griff nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck. „Man kann mich doch leicht googeln“, sagte ich. „Hat man bei der Vorauswahl sicherlich schon getan oder? Suchen Sie nach Max Meyer. Meyer mit Ypsilon. So heiße ich, denn äh …“ Ich stockte kurz, da ich nicht wusste, wie ich den Satz sinnvollerweise vollenden sollte … „denn das ist ja mein Name, wie Sie wissen. Ich bin tolerant und weltoffen, habe keine abnormen Veranlagungen oder Ansichten, bin kein Biobürger und habe mich auch sonst uneingeschränkt gesetzestreu verhalten. Nachweislich habe ich mich bereits sehr früh gegen Kern-, Kohle- und Gaskraftwerke sowie Methangasemissionen durch Flatulenzen von Biobürgern ausgesprochen; des Weiteren habe ich mich schärfstens von Dieselfahrern, Nutzern sonstiger Verbrennungskraftmaschinen und Klimaleugnern, offenen und verdeckten, in meinem Umfeld distanziert, und ich habe härteste Strafen für diese Feinde unserer freiheitlichen Gesellschaft befürwortet. Und auch im Internet habe ich stets die Ansicht, äh die einzig wahre Meinung vertreten, dass … “


„Ja ja, ich weiß. Alle geforderten Nachweise, Chat-Protokolle und Datenextrakte aus ihrer gesammelten Kommunikation, auch unter Pseudonymen, liegen uns natürlich vor“, unterbrach mich der Mann, hinter dem ein farbenfrohes abstraktes Gemälde an der Wand hing. Gerhard Richter oder Herfried Münkler? Oder gar eines der hoch gehandelten Bilder von Precht, der ebenso wie Münkler nach dem Ende seiner Karriere als Philosoph mit dem Malen begonnen hatte?

Der Mann blickte kurz auf. „Schönes Bild, ja? Hat mir meine Tochter anlässlich der letztjährigen Hinrichtungen gemalt. Sie war ja so beeindruckt …“
Dann blätterte er weiter in den vor ihm liegenden Unterlagen. „Wir haben also Ihr Chemie-Diplom, dann das polizeiliche und erweiterte Führungszeugnis, einen Auszug aus dem Fahreignungsregister, Ihr Bewegungsprofil der letzten drei Jahre, eine gültige Bloggerlizenz und Unbedenklichkeitserklärungen der wichtigsten Rezensions- und Bewertungsplattformen, dann die Erklärungen der Bürgen und Leumundszeugen, in Ordnung … und auch die maßgeblichen Zentralräte haben einen Negativbescheid ausgestellt, also negativ ist ja in diesem Falle positiv – liegt also keine Eintragung gegen Sie vor … gilt natürlich immer nur vorläufig, sollte ich sicherheitshalber hinzufügen; und auch eine Stiftung, deren Namen ich nicht nennen kann, also die, bei der wir immer anfragen – hmm, hmm …“ Ich hörte das Rascheln von Papieren. „Ein paar Punkte haben Sie da schon, aber zumindest bisher keine schwerwiegende Eintragung …“
Ich atmete auf.  „Aber das sind ja nur grobe Übersichtsinformationen, ja, verstehen Sie sicher. Wir müssen da immer auf Nummer sicher gehen, verstehen Sie? Letzte Woche mussten wir erst einen unserer besten Mitarbeiter gehen lassen. Eine fähige Löschkraft, wissen Sie? Mussten ihn dann liqui… äh also wir mussten uns von ihm trennen, da er sich in einem Moment verriet, als er sich unbeobachtet glaubte. Wissen Sie was der sagte, als er auf der Toilette saß? Unvorstellbar war das für uns. Nein, wollen Sie gar nicht wissen …“

Da hatte er Recht. „Dann ihre medizinischen Unterlagen, scheinen auch in Ordnung, Organspender sind Sie also auch?“
„Ja, äh, eigentlich schon“, quetschte ich heraus.
„Sehr gut“, lobte der Personalchef. „Können wir immer gebrauchen. Man weiß ja nie, ob da bei uns intern mal Bedarf besteht. Wenn dann jemand da ist, der mal eine Niere oder Netzhaut entbehren kann … als Zeichen der Solidarität und Verbundenheit mit unserem Unternehmen. Sind ja schließlich wie eine große Familie hier …“
Fühlte mich jetzt nicht mehr so wohl in meiner Haut.
„Gut. Sie möchten also Reinigungskraft auf Ebene A werden. Sieht schon mal gut aus für Sie … Bliebe also nur noch der totale Toleranzcheck unter Hypnose. Mal sehen, wie Sie da performen. Sind Sie bereit? Wenn Sie noch schnell den Disclaimer unterschreiben könnten? Reine Formalität. Kommt ja so gut wie nie zu Komplikationen …“

2 thoughts on “Almost Clean”

    1. Aha, tja, diese Stiftung, ja, die Broschüre kenn ich schon … ;-)
      Ich bin eh DDR-gestählt, mich haut so was nicht mehr vom Hocker … Habe letztens übrigens zufällig in mein altes DDR-Lesebuch aus der 4. Klasse (aus den 70er Jahren) reingeschaut – damals schon in jedem Lesetext kindliche Gehirnwäsche par excellence … aber immerhin; im Gegensatz zu heute konnte man damals in der 4. Klasse schon (anspruchsvolle Texte) lesen und verständlich schreiben usw.
      Und trotzdem ist bzw. war es doch so, dass wir Kinder ab einem bestimmten Intensitätsgrad der Indoktrination die Propaganda an uns abperlen ließen. Man schaltete dann irgendwann ab, da ein (normales) Kind eben auch nicht blöd ist; ein Schutzreflex auch … und das, so denke ich, wird heute auch nicht anders sein, da man den Bogen (wieder) überspannt hat …

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>