Also, äh, klingt vielleicht etwas seltsam …

… aber egal. Neulich schlenderte ich doch mal wieder über den Alexanderplatz – muss ich jetzt mal kurz erzählen, bevor es mit den wichtigen Themen unserer Zeit weitergeht. Jedenfalls dort, direkt auf dem Platz steht seit kurzem ein Container mit einer eigenen Polizeiwache. Ja, haben sie da eingerichtet, damit der Anfahrtsweg nicht so weit ist. Die haben ja immer gut zu tun in ihrem Revier. Vielleicht sollten die Polizei-Homies da auch mal rappen, so wie neulich in dem supercoolen Toleristen-Video der Berliner Polizei, oder sie könnten unter der Weltzeituhr ihre Namen und Dienstnummern tanzen. Hilft vielleicht. Es beruhigt Mensch und Tier, und gesund ist es auch. Das aber nur am Rande erwähnt …

Jedenfalls schaute ich bei der Gelegenheit in meine geliebte Bahnhofsbuchhandlung am S-Bahnhof rein. Die ist stets prall gefüllt, gut sortiert und von der Größe her auch so dimensioniert, dass man den Bestand innerhalb eines annehmbaren Zeitraums (ca. halbe Stunde) ermüdungsfrei durchstöbern kann. In der Magazin- und Zeitschriftenecke findet man fast alles, was das Herz begehrt, seltene Hobbyzeitschriften, Romanhefte und sogar Tichys Einblick und eigentümlich frei, sonst eher selten zu finden im roten Berlin.
Prompt erblickte ich dann auf einem Bücherstapel im vorderen Raum einen Roman aus der Feder eines meiner Lieblingsschriftsteller, den ich schon immer mal bei Gelegenheit mitnehmen wollte, griff danach … und zog meine ausgestreckte Hand sofort zurück, als hätte ich mir die Fingerspitzen an der verführerisch glänzenden Metallplatte des heißen Bügeleisens verbrannt, das Mutter oft extra für mich liegen ließ …
Was war da passiert? Auf dem Einband prangte unübersehbar ein kleiner roter Aufkleber: “SPIEGEL Bestseller”. Und dieser Anblick war es, der mich reflexhaft zurückzucken ließ. Als ich das Spiegel-Logo erblickte, muss dies in meinem Unterbewusstsein schon eine solch starke negative Assoziation bzw. unbewusste Abwehrreaktion ausgelöst haben, die auf mein Verhältnis zu dem betreffenden Buch bzw. Autor abfärbte und in meinem Inneren gleichsam abschreckend wirkte, was den intendierten verkaufsfördernden Charakter des besagten Bestseller-Logos kurioserweise in sein Gegenteil verkehrte. Krass, wa? …
Unwillkürlich – ich konnte nichts dagegen tun – kam mir der Skandal um bereinigte Spiegel-Bücherlisten in den Sinn, ich erinnerte mich an Sieferles “Finis Germania”, das erst von einem (später reuigen) Spiegelredakteur empfohlen und dann verdammt worden war. Ich dachte an die zunehmende Zahl unliebsamer Autoren, die aus politischen Gründen wohl nie auf der Spiegel-Bestsellerliste erscheinen würden, die aus der Spiegel-Liste empfehlenswerter Bücher eliminiert werden oder die leise aus dem stationären Buchhandel verschwinden …
So kamen mir auch linksradikale Spiegel-Artikel in den Sinn, ich dachte an die umstrittenen (haha) Autoren/-innen Augstein, Diez, Berg, Lobo, Fleischhauer u. a. und daran, dass Autoren, deren Bücher das Spiegel-Logo tragen, vermutlich jetzt ihre linke Gesinnung unter Beweis stellen müssen oder zumindest nicht in unterstelltem rechten Kontext in Erscheinung getreten oder erwähnt worden sein dürften…
Diese emotionale Mischung aus Abwehr und Trotz war es wohl, der ich es zu verdanken habe, dass ich diese Buchhandlung ohne ein Buch verließ. Komisch oder? Das Bestseller-Logo vom Spiegel, das speziell zu Marketing- bzw. Promotion-Zwecken auf den Einband geklebt wird, damit es den Verkauf ankurbeln möge, hatte auf mich genau die gegenteilige Wirkung, da ich das Spiegel-Logo mittlerweile eher als linksgerichtetes Gütesiegel wahrnehme …  (abgesehen davon, dass der Status „Bestseller“ sowieso nichts über literarische Qualität aussagt).  Euch, die Ihr möglicherweise treue Spiegel-Leser seid, geht das bestimmt nicht so. Natürlich nicht. Na ja, war ich ja früher auch mal – noch im letzten Jahrtausend. Aber diese geschilderte abschreckende und negative Wirkung hatte ich letzte Woche zum ersten Mal an mir bemerkt . Ob das heilbar ist? Na ja, wie dem auch sei. Stattdessen bestellte ich mir dann das gewünschte Buch im Antaios-Verlag. Antaios? Ist das nicht …? Oh, mein Gott, etwa in „dem“ Verlag? Ja, genau, den meine ich … Die liefern da zum Glück alle Bücher, selbst solche von der Spiegel-Bestsellerliste.

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