An Tagen wie diesen…

An manchen Tagen fühlte er sich fremd auf dieser Welt. Nur fremd, nicht einsam, denn Einsamkeit störte ihn nicht, er sehnte sich sogar oft danach, allein zu sein, seinen Gedanken nachzuhängen, die dunkle Stille zu genießen und abzuwarten, bis seine Seele die Farbe seiner Gedanken annahm.
Wenn nur dieses beunruhigende Gefühl der Fremdheit nicht gewesen wäre… Urplötzlich, als ob ein Blitzlicht einen schummrigen Raum erhellt und alle Gegenstände kontrastreich in allen Details überdeutlich hervortreten lässt, überfiel ihn manchmal dieses seltsame Gefühl, so als ob er nicht hierher gehörte, in diese Welt, in diese Galaxie, dieses Universum.
Mit jeder Zelle seines Gehirns, jeder Faser seines Körpers spürte er, wie fremd ihm diese Welt war; und selbst sein eigener Körper schien ihm fremd zu sein. Diese unvollkommene Hülle seines Bewusstseins sollte tatsächlich zu ihm gehören und ihm vorherbestimmt sein?


Wie alle Wesen seiner Art liebte er die Natur seiner Umgebung, den dichten Wald, die reiche Fauna, die sauberen Flüsse und Seen. Abends, wenn es dunkel wurde und sich der Nachthimmel über dem Horizont wölbte, hielt ihn nichts in seiner Behausung. Auf seinen nächtlichen Streifzügen hielt er zuweilen inne, legte sich dann ins Gras und schaute in den Sternenhimmel. Lange, sehr lange lag er manchmal regungslos und starrte nach oben. Fragte sich, ob da nicht noch was anderes sei, andere intelligente Wesen in diesem oder einem parallelen Universum, die vielleicht gerade in diesem Moment in den Weltraum blickten und das dachten, was er dachte oder zu denken glaubte…

In Wahrheit dachte er all dies nicht; er erinnerte sich nur an Gelesenes, an fremde Gedanken, die andere kluge Wesen lange vor ihm notiert und auch nach ihm noch aufschreiben und als eigene Gedanken ausgeben würden. Ja, Kultur, Moral und Ethik seines Volkes fußten im Wesentlichen auf recyceltem Gedankenmüll vergangener Zivilisationen. „Wir sind, was wir sind und tun, was wir tun müssen“ – wie eine magische Formel wiederholte er diese sinnlosen Worte in Gedanken immer wieder, um seine innere Verzweiflung zu unterdrücken und dem Teufelskreis düsterer Gedanken zu entfliehen…

Irgendwann, viel später, wenn sich die Schwüle der Nacht legte, aber noch bevor sich der Tau des nahenden Morgens an den großen Schachtelhalmen absetzte, drehte er sich auf den Bauch und machte sich mit tapsenden Schritten auf den Heimweg. Bis zur Behausung seiner Sippe war es nicht mehr weit. Als die Sonne aufging, hatte der große Reptiloid sein Zuhause fast erreicht und freute sich auf einen zünftigen Frühstücksschmaus. Den gemästeten Säuger hatte er sich bereits gestern liefern lassen; in seinem Aufbewahrungsraum für Lebendfutter herrschten artgerechte Bedingungen für Humanoide. Ja, er hatte eine Schwäche für humanoide Säuger; deren Fleisch war nun mal seine Leibspeise, denn er bevorzugte frische Nahrung. Hochwertige Exemplare aus Freilandhaltung galten als besonders schmackhaft. Man schätzte die Robustheit und den unbändigen Überlebenswillen dieser domestizierten Spezies. Schade, dass sein Volk diese ertragreichen Fleischlieferanten in freier Wildbahn fast ausgerottet hatte und sie daher aufwendig nachzüchten musste, dachte er insgeheim. Die Nachzucht der edlen Humansäuger war zwar nicht ganz unproblematisch, aber zum Glück konnte er sich mit seinem Gehalt einen solch kostspieligen Leckerbissen ab und zu leisten.
Er ergötzte sich an dem Anblick des zappelnden Lebendfutters, er mochte es, wie es dabei diese undefinierbaren grellen Geräusche ausstieß, wenn er die leckeren, saftigen Schenkel und kräftigen Arme des humanoiden Fleischviehs in sein riesiges Maul nehmen konnte und dann zwischen seinen scharfen Zähnen genussvoll deren Knochen knacken ließ.


Die Vorfreude auf den bevorstehenden Hochgenuss regte seinen Appetit an, so dass er unwillkürlich sein langes Maul auf- und zuklappte und seinen knochenplattenbewehrten olivgrünen Schwanz unruhig über den feuchten Boden streifen ließ. Nun ja, er war ein Feinschmecker, und die kurzweilige Knabberei würde ihn zumindest zeitweise von seinen trübsinnigen philosophischen Gedanken ablenken.
Der heimische Schlammtümpel seiner Sippe war nun schon in Sichtweite…

4 thoughts on “An Tagen wie diesen…”

  1. Erinnert mich an ein Buch, das ich mal gelesen hatte, wo Alien-Käfer die Menschen überfallen haben und diese als Leckerbissen erkannten, bis ihnen aufgefallen ist, dass durch Menschenfleisch sie immer sauer aufstoßen mussten ^^

      1. Gut, werde ich mir mal vormerken bzw. kann ich gleich mal nach googeln… (aha, Neil Asher – sagt mir auch was)
        Was ich diesbezüglich auch mal überaus lesenswert fand, war übrigens “Collector” von Markus Heitz (berührt ja auch entfernt eine ähnliche Thematik ;-) – spukte mir wohl noch lange im Kopf herum, und der Mann kann schreiben, dass man vor Neid erblasst…. Weiß man ja auch.

  2. Oh, danke für den Tipp, den Titel kannte ich nämlich noch gar nicht. Und ja, falls ich jemals von irgendjemand ein Fan sein sollte, dann wäre es Markus. Bin ich aber nicht. seine Bücher inhaliere ich trotzdem :D

    Wenn du noch ein wenig übst, kommste auch mal dahin :D

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