Bestandserhaltung

Die Familie einer früheren Freundin hatte einst eine fremde Haushaltshilfe engagiert. Die war leider alkoholkrank, was sie jedoch anfangs gut verbergen konnte, und so vergriff sich die gute Frau auch an der Flasche mit dem teuren Whiskey (vielleicht war es auch Kognak), die gleichsam als ständige Versuchung auf einer gläsernen Vitrine im Wohnzimmer stand.  Es muss für diese bedauernswerte Frau wie eine grausame Folter gewesen sein, diese Flasche täglich zu sehen. Damit die Fehlmenge nicht auffiel, füllte sie die sich allmählich leerende Flasche (denn sie trank ja immer nur einen winzigen Schluck) immer wieder auf – mit kaltem Tee. Der Tee hatte in etwa die gleiche Farbe und man sah schließlich von außen nicht, dass ein Teil des Whiskeys verschwunden war.  Also wo war das Problem? Eine klassische Win-Win-Situation. Die Trinkerin konnte sich den Whiskey schmecken lassen, und für die anderen Bewohner blieb der Bestand dennoch erhalten. Optisch jedenfalls. Erst als man sich mal ein gutes Gläschen gönnen wollte, merkte man, dass der kostbare Alkohol verdünnt und verwässert war bzw. letztlich nur noch aus Tee bestand.  Aber hochprozentiger Alkohol ist sowieso ungesund und sicherlich auch klimaschädlich. Ach, hätten sie die volle Wiskeyflasche doch einfach da zur Zierde stehen lassen, wo sie stand. Warum mussten sie, die Besitzer, auch unbedingt davon kosten? So haben sich diese Unmenschen ihre Illusion der vollen Flasche selbst zerstört und der armen Frau gekündigt, ihr ihren Job genommen …

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