Bissiges

„Bessie, Bessie – komm zurück!“
Gellend schallt der verzweifelte Ruf der Hundebesitzerin durch die kleine uckermärkische Waldsiedlung, zeigt jedoch keine sichtbare Wirkung auf den schlanken braunen Jagdhund, der sich von derlei menschlichem Geschrei in seinem instinktgetriebenen Lauf nicht aufhalten lässt.

Nein, wenn die schnelle Jagdhündin Bessie, ein Deutsch Kurzhaar von beeindruckender Physis, einmal Witterung aufgenommen hat, ist sie durch nichts mehr zu stoppen.

Wir schreiben das Jahr 1995. Es ist ein warmer Spätsommertag im August, einer von jenen schwülen, nur träge verstreichenden Tagen, die Mensch und Tier zuweilen besonders reizbar werden lassen.

Bessie galt zwar nicht als besonders scharfer Hund, war sogar einmal zum Missfallen ihres Herrchens wegen Bisslosigkeit durch die Jagdprüfung gefallen, aber bei gelegentlicher Jagd auf ihre bevorzugte Beute – Kaninchen und Radfahrerinnen – legte sie jede Zurückhaltung ab. Aus einem unerfindlichen Grund war gerade jetzt Bessies Jagdinstinkt geweckt worden. War es ein bestimmter Geruch, ein Geräusch, eine Frauenstimme oder Farbe, die in dem klugen Hund negative Assoziationen geweckt hatte?

Kurz nachdem die einsame Radlerin mit dem quietschenden, pinkfarbenen Fahrrad das kleine Haus mit der grauen Fassade passiert hatte, war die sonst so folgsame Bessie nach kurzem Schnüffeln und mit einem unüberhörbaren „Wuff-wuff“ in einem riesigen Satz über den niedrigen Gartenzaun gesprungen. Noch bevor sich Frauchen von ihrer Überraschung erholt hatte, war die schnelle Hündin bereits auf und davon.
Gänzlich unbeeindruckt von den nun bereits aus einiger Entfernung an ihre Schlappohren dringenden Rufen und dem ohnehin für sie nicht sichtbaren hilflosen Gestikulieren ihres Frauchens jagte Bessie in windhundartigem Tempo über den ausgefahrenen Sandweg hinter der keuchenden Radfahrerin her, die sich jetzt doppelt ins Zeug legte, um noch vor ihrer vierbeinigen Verfolgerin die schützende Umzäunung ihres geliebten Wochenendgrundstücks zu erreichen…

„Verdammter Köter, auch das noch“, erschrak die schwitzende Radlerin, eine stämmige Frau mittleren Alters mit zerzaustem Kurzhaarschnitt, die sich einige Sekunden zuvor an dem alten Landhaus mit dem verwitterten Holzzaun vorbeigequält hatte, an dem man noch den einstigen grünen Farbanstrich aus der Vorwendezeit erahnen konnte. Die Frau hatte ohnehin schon Mühe, die Spur zu halten, um auf dem weichen Sandweg mit ihren schweren Rädern nicht einzusinken und die Balance zu verlieren.

Dabei wollte sie doch nur ihre sonntägliche Radtour durch ihre uckermärkische Heimatlandschaft geruhsam ausklingen lassen und hatte sich in Gedanken sogar schon zu Hause unter der warmen Dusche gewähnt, als das plötzlich einsetzende Kläffen des Hundes sie abrupt in die Realität zurückholte.
„Warum bin ich auch ausgerechnet heute dort vorbeigefahren?“ Normalerweise vermied die Frau jeglichen näheren Kontakt mit Hunden. Hunde waren ihr sowieso schon zuwider. Das fortwährende Geschnüffel oder Gestupse mit der feuchten Schnauze und das ständige Gewusel dieser Unruhe verbreitenden Vierbeiner, die dazu noch auf sämtlichen Polstern und Teppichen ihre ekligen Haare hinterlassen mussten, waren ihr, die sie von ihren Eltern zu protestantischer Ordnung und Sauberkeit erzogen worden war, ein Graus.
„Was ist nur in diesen Köter gefahren?“ Trotz ihrer Hektik war die Radlerin krampfhaft bemüht, Ruhe zu bewahren, und stand doch kurz davor, in Tränen auszubrechen. Dabei hatte sie sich doch schon auf eine ausgiebige Dusche und einen kühlen Fruchtsaft gefreut, den sie sich noch vor dem Abendessen gönnen wollte. Danach wollte sie sich ihren Lieblingsfilm auf Video anschauen, etwa „Die Legende von Paul und Paula“ oder eine andere Ost-Schmonzette, die sie so gern mochte.

Sie hatte ja noch nie ein besonderes Faible für Hunde gehabt, aber den kläffenden Nachbarshund, dessen lautes Gebell ihr bei jedem Vorbeigehen oder -fahren in die Glieder fuhr, hatte sie immer schon inbrünstig gehasst.
Gleichsam als ob der Hund ihre Antipathie riechen konnte, hatte er seine Chance ergriffen und sie nun, da sie allein des Wegs kam, zum Opfer seines Jagdtrieb auserkoren. Er hatte es ganz offensichtlich auf sie abgesehen, das war ihr jetzt klar. Mit hasserfülltem Hecheln und heraushängender Zunge näherte sich der Jagdhund der strampelnden Radlerin…
Die feine Hundenase roch den Angstschweiß der flüchtenden, ungelenk auf dem Rad vor sich hin strampelnden Beute.

Als die Frau noch einmal hastig ihren Kopf wandte, traf ihr Blick auf die vor Jagdeifer blitzenden Augen des unaufhaltsam heranhechelnden Hundes, der nur noch wenige Meter hinter ihr war und eben zum Sprung ansetzen wollte.
„Sieht nicht aus, als ob er nur spielen will“, ging ihr unwillkürlich durch den Sinn.
Die Angst verdoppelte noch einmal ihre Kräfte und ließ sie aus dem Sattel steigen. Dies verschaffte ihr wieder ein paar Meter Vorsprung.
„Zu dumm, warum bin ich auch gerade heute ohne Begleiter unterwegs? Die Personenschützer hätten mir den Kläffer notfalls mit einem gezielten Schuss vom Leib gehalten“, dachte sie. Mit letzter Anstrengung trat die Frau noch einmal in die Pedalen ihres stabilen, voll gefederten Damenfahrrads mit der komfortablen Nabenschaltung, auch wenn sie wusste, dass sie letztlich keine Chance hatte, dem flinken Jagdhund noch zu entrinnen, der es aus irgendeinem Grunde auf sie abgesehen hatte.

Sie wünschte sich nun insgeheim, sie hätte auf diese Radtour ganz verzichtet und sich stattdessen einfach auf ihre Veranda in ihren bequemen Liegestuhl gefläzt, bei einem würzigen Glas Tomatensaft in einigen vertraulichen Unterlagen geschmökert und mit Parteifreundinnen telefoniert, um den neuesten Klatsch und Tratsch der Politik auszutauschen.

„Hunde, die bellen, beißen nicht. Der wird doch nicht etwa….“, ging ihr noch im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, bevor ein stechender Schmerz ihr rechtes Knie durchzuckte. Mit einem schmerzerfüllten Schrei auf den Lippen stürzte Angela Merkel mitsamt ihrem Rad auf die Grasnarbe am Wegesrand…
Zufrieden ließ der Hund von ihr ab und lief schwanzwedelnd zu Frauchen zurück…

….

So oder ähnlich könnte sich der damalige Bissvorfall zugetragen haben, der in den meisten Publikationen über Angela Merkel, die derzeit den Buch- und Pressemarkt überschwemmen, in der einen oder anderen Variation erwähnt wird.
Zu jener Zeit war Angela Merkel bereits Bundesumweltministerin im Kabinett Kohl und stand doch erst am Anfang ihrer Karriere.
Ganz klar: Ein Hundebiss ins Knie ist mit Sicherheit kein Spaß, sondern hat abgesehen von den äußerst schmerzhaften körperlichen Folgen oft eine traumatisierende Wirkung auf den Gebissenen. Soviel ich weiß, ist Angela Merkel relativ souverän mit diesem Vorfall umgegangen; spezielle Rachegelüste in Bezug auf den vierbeinigen Angreifer oder dessen Artgenossen sind mir nicht bekannt.

Dennoch kann man mit Sicherheit annehmen, dass dieses Trauma Angela Merkel verändert hat.
Ist sie dadurch vorsichtiger oder psychisch verletzbarer geworden oder – um eine provokante These aufzustellen – hat sie möglicherweise erst aufgrund des Hundebisses den Biss bekommen, den sie zweifellos brauchte, um es bis an die Spitze der CDU und der Bundesrepublik zu schaffen?
Kann nicht ein Bisstrauma auch eine charakterliche Veränderung bewirken, die neue Kräfte weckt oder Fähigkeiten und Eigenschaften in einer Person zu Tage treten lässt, welche zuvor unbewusst unter der Oberfläche einer gehorsamen Parteifunktionärin schlummerten?

Man denke nur an Peter Parker, den schüchternen, bebrillten Jungen, den niemand ernst nahm und der erst durch den Biss einer Spinne außergewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten entwickelte, die ihn zum unschlagbaren und omnipotenten Superhelden namens Spider-Man werden ließen. Ist Angela Merkel ein weibliches Pendant zu Peter Parker?

Der Aufstieg Merkels bis Mitte der 90er Jahre beruhte in erster Linie auf der Gunst ihrer Förderer, zu denen Lothar de Maizière und später Helmut Kohl zählten. Angela Merkel profitierte sicherlich davon, nach dem politischen Rückzug von Lothar de Maizière und dem Ausscheiden von Günter Krause als Verkehrsminister innerhalb der CDU ein gewisses Alleinstellungsmerkmal als Frau aus dem Osten mit weitgehend unbelasteter Biographie innezuhaben.

Jedoch erst nach der für sie schmerzhaften und traumatisierenden Begegnung mit der Jagdhündin Bessie erhielt ihre Parteikarriere in der zweiten Hälfte der 90er Jahre den richtigen Kick, als sie 1998 zur Generalsekretärin der CDU gewählt wurde. Als im Zuge der CDU-Spendenaffäre Kohl und Schäuble abtreten mussten, übernahm Angela Merkel die Führung. Seitdem wurden alle innerparteilichen Widersacher von ihr aus dem Feld geschlagen. Bis zum heutigen Tage behauptet sich Angela Merkel unangefochten an der Spitze der Partei. Woher nahm und nimmt sie die nötige Kraft dazu? Gibt es vielleicht ein Schlüsselereignis wie den geschilderten Hundebiss, dessen Schmerz neue Stärken in ihr weckte, sie ihr inneres Kraftpotenzial entdecken und nutzen ließ und sie zum ultimativen Aufstieg an die Macht befähigt hat? Oder liegt ihre Stärke lediglich in der Schwäche ihrer Gegner sowie darin begründet, dass sie stets wusste, die Gunst des Augenblicks zu nutzen?

Wie auch immer, Angela Merkels Hundephobie ist jedenfalls echt, daran besteht kein Zweifel.
Bekannt ist auch, dass vor einigen Jahren der russische Präsident Wladimir Putin offenbar erfolglos versucht hat, Angela Merkels Abneigung gegen Hunde zu instrumentalisieren bzw. zum eigenen Vorteile zu nutzen, indem er seine schwarze Labradorhündin in das Gesprächszimmer hineinließ, in dem er gerade mit Merkel eine harte Verhandlung führte. Meinte Putin tatsächlich, den Gesprächsverlauf beeinflussen und Merkel mit seinem Hund erschrecken oder gar demütigen zu können?
Dachte er, so ihre vermeintliche Achillesferse treffen zu können?
Falls ja, sagt dies viel mehr über Putin als über Merkel aus. In harten bilateralen Gesprächen ist auch einem lupenreinen Demokraten scheinbar jedes Mittel recht, um Verhandlungspartner unter psychischen Druck zu setzen.

Auf einigen veröffentlichten Fotos, auf denen der Putinsche Einschüchterungsversuch festgehalten ist, lässt sich erkennen, wie Angela Merkel sichtbar unter der Situation leidet und große Mühe hat, Ruhe und Fassung zu bewahren. Dennoch erträgt sie das Schnüffeln des großen schwarzen Hundes standhaft, aber mit leicht gequältem Gesichtsausdruck, während sich Wladimir Putin bräsig, in selbstzufriedener Pose zurücklehnt. Überflüssig zu erwähnen, dass die Einschüchterungsstrategie des russischen Präsidenten nicht aufgegangen ist.

Trotz ihrer Hundephobie hatte sich Angela Merkel jederzeit in der Gewalt. Mit derlei Psychoterror ist ihr offenbar nicht so leicht beizukommen. Eine hundefreie Umgebung ist dennoch seitdem eine von deutscher Seite stets gestellte Vorbedingung, über deren Einhaltung bei offiziellen Anlässen und Treffen Merkels mit ausländischen Staatslenkern gewacht wird.

Derweil sitzt Frau Merkel in Deutschland so fest im Sattel wie noch nie. In der Wählerschaft sind ihre hohen Popularitätswerte ungebrochen. Im Ausland wird Angela Merkel in vielen Presseorganen gar als mächtigste Frau Europas bezeichnet.

„Große Macht bringt auch große Verantwortung mit sich“, so lautet die oberste Maxime, von der sich Spider-Man, der durch einen Spinnenbiss vom Spießer zum Superhelden mutierte, in seinem Handeln stets leiten lässt.
Hoffen wir, dass auch die deutsche Bundeskanzlerin sich diesen Grundsatz zu eigen gemacht hat und sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Möge sich Angela Merkel weiterhin ihren Biss und ihre Nervenstärke bewahren.