Kategorie-Archiv: Fiktion

Hard-Hammered Dreamland

Ich ließ mir eine scharfe Klinge aus valyrischem Stahl schmieden. Dies sei der beste Stahl, der für Gold noch zu bekommen sei, hatte mir der Gnom versichert, der mir im Traum erschienen war. Hundertfach gefalteter Stahl, mit sonderbaren Legierungszusätzen, nach den Methoden der alten Meister raffiniert und handgeschmiedet. Ich habe vergessen, was der Zwerg sonst noch sagte. Sicher sagte er noch viele kluge Dinge – das tun sie immer – aber ich erinnere mich an kaum etwas. Er mochte mich, war mir wohlgesinnt, denke ich. Hätte er mir sonst zum Schwert geraten? Nur an den Klang der Musik, die den Raum erfüllte, erinnere ich mich. Das Schwert, das ich daraufhin anfertigen ließ, war nicht scharf genug. Es konnte die solide Rüstung der Eisenmänner nicht durchdringen. Oder war ich zu schwach? Nutze doch andere Waffen, meinte der Gnom in der folgenden Nacht. Welche Waffen? Ich habe keine, erwiderte ich. Als Kinder fanden wir beim Spielen einst eine verrostete Weltkriegspistole im Mühlenbach, erzählte ich dem Gnom. Im Mühlenbach? Nein, so hieß der Bach sicher nicht. Egal. Aber jemand muss diese Pistole nach dem letzten großen Krieg, dem vorerst letzten, dort versenkt haben. Sie war natürlich nicht mehr zu gebrauchen, auch der Verschluss ließ sich trotz sorgfältiger Säuberung nicht mehr bewegen. Höchstens ein winziges Stückchen, glaube ich. Im Schlamm vergraben hatte sie seit vielen Jahren dagelegen. Wem sie wohl gehört haben mochte, frage ich mich damals. Das ist natürlich ewig lange her, das Alteisen ist längst entsorgt. Aus der Erinnerung und anhand von Bildern habe ich sie später als eine P38 identifiziert.
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Das Fest

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Vor dem Einsteigen zog Chucky seine schwarze Feelgood-Jacke aus und warf sie achtlos auf den Beifahrersitz. Er bereute es schon fast, für den heutigen Besuch keine besser geeignete Oberbekleidung, sondern diese nagelneue Jack Wolfskin-Veloursjacke gewählt zu haben, an der man jeden Spritzer sehen konnte. Vielleicht hätte er heute früh besser zu einer abwaschbaren Wachsjacke, seiner guten alten Barbour-Jacke gegriffen, einem der letzten Überbleibsel aus besseren Zeiten. Die hatte er sich damals noch als BWL-Student geleistet, um mit den Anderen aus der Juraclique und seinen spießigen Kommilitonen mithalten zu können. Genauer gesagt, er hätte sie sich leisten können, wenn er nicht vergessen hätte, das gute Stück zu bezahlen. In seiner Erinnerung spürte er noch den Nervenkitzel, das Kribbeln im Bauch, die Erregung, die ihn gepackt hatte, als dieser übereifrige Hausdetektiv im KaDeWe auf ihn aufmerksam geworden war. Der Typ hatte ihn dann doch tatsächlich noch bis zur nächsten Ecke verfolgt. Nur halbherzig natürlich, die faule Sau kam nämlich nicht weiter als bis zur nächsten Bordsteinkante, das muss die Passauer Straße gewesen sein, wo er schwer atmend haltgemacht und sich erstmal eine Zigarette angesteckt hatte.
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Extraktion

Ich muss geahnt haben, dass sie irgendwann kommen. In heißen Sommernächten habe ich einen besonders leichten Schlaf. Jede knarrende Diele in unserem Heim lässt mich in der Nacht hochschrecken und die Ohren spitzen, egal, wie tief ich geschlummert habe. Das Summen einer mit 550 bis 600 Hertz flügelschlagenden Mücke ist für mich die reinste Folter. Selbst das hauchzarte Flattern einer verirrten Motte kann mich zuweilen um meinen wohlverdienten Schlaf bringen.

Daher war’s auch erstmal nicht verwunderlich, dass mich früh am Morgen einige seltsame Geräusche aus dem Schlaf hochschrecken ließen. Nun ja, ich war zunächst nicht sonderlich alarmiert. Irgendwas ist immer, weiß man ja. Aber diesmal klang es ungefähr so, als würde unsere verärgerte Putzfrau triefend nasse Lappen nacheinander mit Wucht auf den Dielenboden unseres Büros klatschen. Genauer gesagt, unsere ehemalige Putzfrau. Nach einigen unerfreulichen Vorfällen mussten wir sie leider gehen lassen, wie man heutzutage gern euphemistisch sagt.

Ich tat also das, was ich immer nach dem Aufwachen tue. Erstmal nichts. Ich bemühte mich, weiter zu lauschen, ruhig zu bleiben und mich allmählich zu orientieren. Wie so häufig war ich mir nicht sicher, wo genau, an welchem Ort und in welcher räumlichen Lage sich mein Körper befand. Was und wie viel hatte ich am Vorabend getrunken? Meine Augen hatten Mühe, sich an das Halbdunkel im Raum zu gewöhnen. Lichtstrahlen tasteten sich durch die Schlitze der geschlossenen Jalousien, griffen wie spinnenartige Finger nach mir.

Dann eine glockenhelle Stimme. Der Schreck fuhr mir in die müden Knochen. „Schlafmütze! Wach endlich auf! Wir haben eure Botschaft empfangen“, nahm ich wahr – gedanklich, nicht akustisch. Ich hörte nichts, denn die Stimme und die fremde Nachricht waren einfach vorhanden, als hätte man sie in mein Bewusstsein implantiert. Worte, die direkt in meinem Hirn entstanden und sich in mein innerstes Ich hineinschraubten.

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Dieses Gespräch hat nie stattgefunden

Ein verhärmter Pfandflaschensammler, der seinen mit prallen Beuteln und Taschen beladenen Drahtesel unten am Ufer der Spree vorbeischob und seinen auf den Wegesrand gerichteten Blick zufällig in diesem Moment anhob, erblickte die beiden Männer, die in luftiger Höhe über der Spree am Geländer einer beidseitig verglasten Fußgängerbrücke lehnten, die zwei moderne Zweckbauten im Berliner Regierungsviertel miteinander verband. Die gläserne Fußgängerbrücke, die nur für Bundestagspersonal zugänglich war, verband das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und das Paul-Löbe-Haus in Höhe des sechsten Stocks miteinander. Meist wurde dieser Übergang zwischen den beiden Parlamentsbauten nur als obere Brücke, zuweilen jedoch auch in ironischem Ton als Jakob-Mierscheid-Steg bezeichnet, da irgendwelche Witzbolde das Bauwerk einst nach dem fiktiven SPD-Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid benannt hatten. Den Pfandflaschensammler mit seinem alten Damenfahrrad interessierte all dies freilich nicht. Diese Welt war ihm fremd. Früher einmal, in einem anderen, geordneten Leben, da hätte es ihn vielleicht interessiert. Jetzt bedachte er sie nur mit einem gleichgültigen Blick – diese architektonischen Meisterwerke im Regierungsviertel, hypermoderne sterile Zweckbauten ohne Geschichte, denen angesichts der immer zahlreicher zu Tage tretenden Baumängel keine Zukunft beschieden sein würde. Nach einem verächtlichen Blick auf die dort oben hinter ihrem gläsernen Schutzschild auf ihn heruntergaffenden und vorbeihastenden Männer und Frauen richtete er seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Papierkorb, in dem er als Lohn seiner Mühe darauf hoffen durfte, gelegentlich eine dieser PET-Pfandflaschen zu ergattern, die ihm 25 Cent einbringen und ihn seiner nächsten Mahlzeit ein kleines Stück näherbringen würde. Continue reading Dieses Gespräch hat nie stattgefunden

In der Hitze der Nacht

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„Wenn es doch wenigstens etwas kühler wäre“, seufzte der mit leichten Shorts und einem ärmellosen olivgrünen T-Shirt bekleidete Teenager, dessen dunkle Gestalt in der späten Dämmerung mit dem Hintergrund zu verschmelzen schien. Seine harten Gesichtszüge ließen ihn deutlich älter aussehen, als er war. Mit dem rechten Handrücken wischte er sich einige Schweißtropfen von der Stirn. Seine braungebrannten nackten Füße steckten in dünnen Ledersandalen. Staubtrockene Dunkelheit umgab ihn. Kein Lüftchen regte sich. Aus seiner waldreichen Heimat war Jurek an kühleres Wetter zu dieser Jahreszeit gewohnt. Die Ödnis der Großstadt nervte und ängstigte ihn. Wie konnten diese Menschen hier nur leben? In der räumlichen Unfreiheit ihrer kommunalen Behausungen, die an enge Kaninchenställe erinnerten, in der stickigen Enge der U- und S-Bahnen, mit all der schlechten Luft, den stinkenden Abgasen auf den Straßen. Jeder Atemzug löste in ihm körperlichen Widerwillen, manchmal gar Brechreiz aus.
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An Tagen wie diesen…

An manchen Tagen fühlte er sich fremd auf dieser Welt. Nur fremd, nicht einsam, denn Einsamkeit störte ihn nicht, er sehnte sich sogar oft danach, allein zu sein, seinen Gedanken nachzuhängen, die dunkle Stille zu genießen und abzuwarten, bis seine Seele die Farbe seiner Gedanken annahm.
Wenn nur dieses beunruhigende Gefühl der Fremdheit nicht gewesen wäre… Urplötzlich, als ob ein Blitzlicht einen schummrigen Raum erhellt und alle Gegenstände kontrastreich in allen Details überdeutlich hervortreten lässt, überfiel ihn manchmal dieses seltsame Gefühl, so als ob er nicht hierher gehörte, in diese Welt, in diese Galaxie, dieses Universum.
Mit jeder Zelle seines Gehirns, jeder Faser seines Körpers spürte er, wie fremd ihm diese Welt war; und selbst sein eigener Körper schien ihm fremd zu sein. Diese unvollkommene Hülle seines Bewusstseins sollte tatsächlich zu ihm gehören und ihm vorherbestimmt sein?

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Patient X

Irgendein frostiger Freitag im November oder auch Anfang Dezember. Auf den Straßen ist es neblig und kalt. Regierungspressekonferenzen finden häufig freitags statt. Nicht ungewöhnlich also, dass heute eine angesetzt ist. Im Konferenzsaal haben die Sprecher der Ministerien bereits ihre Plätze auf dem Podium eingenommen. In der Mitte hat man einen Platz für den neuen Regierungssprecher freigelassen. Zwei Sprecherinnen tuscheln leise hinter vorgehaltener Hand miteinander. Die in den ersten beiden Reihen hockenden Fotografen und Kameraleute schauen gelangweilt in der Gegend herum oder hantieren routiniert an ihren Apparaten, justieren, fokussieren oder kalibrieren und tun, was auch immer zur Vorbereitung der staatstragenden Aufnahmen und Optimierung der Bildqualität noch zu tun ist. Continue reading Patient X

Letzter Drehtag

DSCN1788_komprAls immer mehr dieser Bücherkisten und blauen Plastiksäcke ins Haus geschleppt und in der Wohnung aufgestapelt wurden, schwante mir nichts Gutes. Okay, die Gerätschaften, die sie zuvor aus dem Lkw geholt und in der Wohnung aufgestellt hatten, mussten wohl Teil ihrer Ausrüstung sein. Glänzender verchromter Metallkram, miefige Klamotten und viel Zeugs, was ich als Gerümpel ansah. Alles, was eine tüchtige Filmcrew für Aufnahmen in einer Privatwohnung braucht. Schon klar. Aber etwas stimmte trotzdem nicht. Bis zu diesem Moment hatte ich lediglich ein Gefühl innerer Spannung und Neugier verspürt. Vielleicht vermischt mit etwas Lampenfieber, obwohl – Lampenfieber trifft es nicht und soll hier lediglich in Ermangelung eines besser geeigneten Ausdrucks verwendet werden. Wenn ich recht drüber nachdenke, war es war wohl eher ein leichtes Unwohlsein, ein Druckgefühl in der Magengegend, das ich wie so oft ignorierte. Continue reading Letzter Drehtag

Liquidity

Fluss_komprEr war eine anerkannte Koryphäe auf seinem Fachgebiet, der Untersuchung von Weichteilschichtdicken menschlicher Schädel. Unbestritten. Weltweit gab es höchstens eine Handvoll Experten, die ihm auf dem Gebiet der Schädel- und Gesichtsrekonstruktion das Wasser reichen konnten. Seine Dissertation und weiterführenden Studien über Weichteilveränderungen an europiden Schädeln unter besonderer Beachtung kulturspezifischer und ernährungsbedingter Merkmale hatten neue Maßstäbe gesetzt und die Kriminalwissenschaften gleichsam revolutioniert.
Akademische Meriten waren ihm jedoch immer unwichtig gewesen. Allein seine Fachkompetenz und die Anwendbarkeit seiner Kenntnisse in der Praxis – das war alles, worauf er stolz war. Mit der Zeit hatte er sogar einen gewissen Promistatus erreicht, seit bekannt geworden war, dass er zur Lösung einiger spektakulärer Kriminalfälle im Berliner Umland beigetragen hatte. In den zahllosen abendlichen Autopsie- und Kriminaldokus wurde er stets als populärwissenschaftlicher Erklärbär im weißen Kittel vorgeführt. Er sah und hörte sich diese laienhaft vorformulierten, immergleichen Sätze sagen, die diesen voyeuristischen Gruselsendungen einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen sollten, und er hasste sich mittlerweile dafür. Continue reading Liquidity