Kategorie-Archiv: Notizen

No country for old pumps

No country for old pumps

An diese alte Pumpe kann ich mich noch gut erinnern. Kam mir vor einigen Tagen zufällig wieder in den Sinn. Auf dem Rasen des Seegrundstücks meines Großvaters stand eine alte Hand- oder Schwengelpumpe. Eine von Hand zu bedienende Pumpe aus schwerem Grauguss, im Rasen eingelassen, ca. 1,5 m hoch, sorgsam mit Rostschutz versehen und mit einer Farbe lackiert, die damals eben gerade verfügbar gewesen sein muss. Der Schwengel – das ist das Ding, an dem man ziehen und drücken muss, um Wasser hochzupumpen, also ein Stiel, der so ähnlich geformt ist wie ein Baseballschläger, mit dem man sich heute auf der Straße verteidigt – so ist es vielleicht verständlich – also der Pumpenstiel war aus gemasertem, rissigen Hartholz. Längsseits war dieser Stiel von einem millimeterbreiten Spalt durchzogen. Ich fasste den Griff oft an und zog probeweise an dem Handschwengel, aber da war kein Widerstand – der Kolben zog nur Luft und förderte keinen Tropfen Wasser. Die Pumpe kam mir schon damals wie ein Relikt vor, denn meine Großeltern hatten auf ihrem opulenten Wochenendgrundstück am See schon einen Trinkwasseranschluss. Fließend Wasser war also immer reichlich da, um Rasen und Hecke zu wässern oder die kleinen Gründlinge und Barsche über Nacht frisch zu halten, die Opa als Lebendköder fürs Hechtangeln am Abend vorher mit der Senke aus dem See geholt hatte. Heute verboten: Fische als Lebendköder, schlimme Sache für die armen Fische, zumal da bis zum Angeln schon ein Teil der Köderfische in dem Leitungswasser verreckt war, was Opa die Nacht über direkt aus dem Schlauch in die mit einem Netz bedeckte Zinkwanne laufen ließ, wo es dann über den Rand schwappte und im Rasen versickerte. Auch für Fische ging’s also damals grausam zu im alten Jahrtausend. Continue reading No country for old pumps

Die Geschichte vom Frosch

Frosch
… Einige Frösche überlebten ihre Auswanderung aus dem heimischen Tümpel, die sie in einem riskanten Hüpfmanöver über die gefährliche Asphaltstraße geführt hatte, und fanden einen neuen Unterschlupf – doch ihre Heimat Froschland sollten sie nie wiedersehen.

Zwei todesmutige Exemplare waren sich beim gefährlichen Zickzack-Parcours über die Straße begegnet und hatten gleichzeitig den rettenden Grünstreifen auf der anderen Seite der Straße erreicht. Nach einer kurzen Verschnaufpause beschlossen sie, sich gemeinsam auf die Suche nach einem neuen feuchten Zuhause zu begeben.
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Tanz der Masken

Der Wert bzw. die Bedeutung eines Mundschutzes liegt vielleicht nicht so sehr in seiner etwaigen Schutzwirkung, sondern in dem dadurch ausgedrückten Bekenntnis.

Nach außen hin unübersehbar ist es ein textil gefasstes Gelöbnis, eine Unterwerfungsgeste, zugleich auch ein stummer Vorwurf, in gebückter, fast unterwürfiger Haltung an die nicht maskierten Passanten, Kunden, Vorbeigehenden gerichtet: „Ich schweige und gehorche.“ Und Du? Weigerst dich noch, und schützt dein Umfeld nicht, du Ferkel, du Seuchenvogel?

Ich trage einen schneeweißen Mundschutz, weil ich unserer weisen und umsichtigen Regierung vertraue, die dies auf Anraten der vereinten „Wissenschaft“ empfiehlt. Die „Wissenschaft“ irrt nicht. Nie.
Selbst gebastelter Mundschutz, der in den offiziellen Abgabestellen knapp ist, steht sogar höher im Kurs, weil er von Eigeninitiative und besonderem Engagement zeugt. Ähnlich wie die provisorischen Strumpfmasken mit den eingelegten Taschentüchern, die wir früher in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) zum Schutz vor dem radioaktiven Fallout bastelten.

Ich lege in vorauseilendem Gehorsam meine Maske an, auch wenn dies von der Berliner Obrigkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht befohlen wurde.
Noch ein Vorteil: Der Mundschutz ist der neue Maulkorb.
So wie wir uns heute schützen, werden wir morgen leben.
Mit selbst angelegtem Maulkorb … mit Ausgangsbeschränkungen und absehbar steigenden finanziellen Belastungen, denn irgendjemand wird die Kosten des umfassenden Stillstands tragen müssen. Katerstimmung garantiert. Aber das nehmen wir in Kauf. Wir wissen: Nach der Krise werden wir bzw. die Überlebenden alle etwas ärmer und unfreier sein. Aber dafür natürlich auch glücklicher, gesünder – bis zur nächsten Pandemie …
Und so tragen wir voller Stolz unseren Mundschutz, so wie einst das rote Halstuch der Thälmannpioniere oder das blaue FDJ-Hemd …
Für Frieden und Toleranz – bleibt gesund, Bürger und Bürgerinnen, denn (mindestens) Eure Organe werden noch benötigt!

Fliegen-Déjà-vu

Bis eben war es ruhig. Jetzt nicht mehr. Die erste Stubenfliege ist aus ihrem Winterschlaf erwacht, aus ihrem Versteck gekrochen und schwirrt im Raum herum, den man Arbeitszimmer nennen könnte. ​Ich hatte in den letzten Monaten vergessen, wie störend diese fliegenden Plagegeister sein können. Man kann sich schlecht konzentrieren, wenn eine muntere Fliege hier ihre Runden dreht. Sie ist nicht groß, auch nicht klein. Eher unauffällig. Sticht nicht, macht nichts, außer dass sie ständig in Bewegung ist. Jetzt ist sie erstmal weg, krabbelt bestimmt in einer Ecke herum. Die gemeine deutsche Stubenfliege. Irgendetwas lockt sie wohl an: das hochfrequente Surren des Lüfters, das Klappern der harten Tastaturanschläge, der Kaffeeduft? So wie jedes Jahr. Alles wie immer. Die Stubenfliege bleibt sich treu. Nichts hat sich verändert. Ich sollte vielleicht die grüne Fliegenklatsche holen und bereitlegen. Nur für den Fall, den äußersten Fall …

Heute oder gestern …

In meiner Straße, in meinem Viertel, da wird wieder mal ein Film gedreht … Wahrscheinlich hat ein Location Scout diese beschauliche Kiezgegend als perfekten Schauplatz einer Filmhandlung oder Doku-Soap identifiziert.
Wird langsam nervig. Seit etlichen Tagen geht das jetzt schon so. Oder seit Wochen? Keine Ahnung, wie viele Drehtage diese Filmaffen angesetzt haben. Die Szenerie wirkt etwas bizzar und hat etwas Gespenstisches. Dazu braucht man hier nicht viel Staffage. Es wirkt wie eine Art Truman-Show mit Laiendarstellern und Statisten, die so tun, als würden sie sich vor irgendwas fürchten … Laufen rum wie Falschgeld, blicken sich oft um, und wie die mich anschauen, wenn ich aus dem Haus rauskomme, wie sie versuchen, mir auszuweichen, so als hätte ich irgendeine ansteckende Krankheit … Weiß der Geier, was die hier für Szenen drehen. Passieren tut da jedenfalls nix. Den Leuten im Viertel hat man wohl gesagt, sie dürften ihre Wohnungen möglichst nicht verlasssen? Sauerei, mir hat keiner was gesagt. Hab diesmal auch keinen Mitwirkungsvertrag und keine Kohle gekriegt. Schweinerei. Werde da mal den Verantwortlichen suchen, den Aufnahmeleiter oder wie der heißt. Kameras müssen gut getarnt sein oder Mini-Videocams. Könnte fast ein Prequel zu “12 Monkeys” werden, so ein paar Wochen, bevor es begann … Im Kaufland auch, der Supermarkt hat jetzt einen morbiden Charme – den haben sie auch mit in die Handlung eingebaut.
Einige Statisten, die Kunden simulieren – Leichen auf Urlaub, dem Krankenhaus entsprungen, mundschutzbewehrte Mumien …  Nur die Tippelbrüder an der Ecke vor den Einkaufswagen mit ihren Bierflaschen, die stehen unbekümmert im Pulk beieinander und motzen rum. Die sind normal. Die spielen vielleicht auch gar nicht mit. Ich ja auch nicht. Ich lauf da nur so als gesetzestreuer Anwohner herum. Ist vielleicht eine dieser neumodischen SF-Dokus – “Welt ohne Menschen” war ja auch hervorragend – das kam mal früher auf NTV, glaub ich …

Clockwork Blue

Na ja, was soll ich dazu groß schreiben? Ein Meisterwerk der Technik. Schon jahrelang liegt sie bei mir herum, diese Uhr, von der ich mich nicht trennen kann. Aus der guten alten Zeit stammt sie, vor der Jahrtausendwende. Ist aber nicht so, wie Ihr denkt. Nein, da sind keine nostalgischen Gefühle im Spiel. Nie war das Leben so gut, sicher und behütet wie jetzt. Und es wird auch ständig besser. Jeder weiß das auch so. Dazu muss man kein beknacktes Blog lesen oder sich immer wieder neue Clips dieser hyperaktiven Youtube-Heinis reinziehen. Nein, diese Uhr ist weder Schrott, den sonderbare Messies horten, von denen man immer im TV hört und sieht, noch sorgsam gehüteter Sammlergegenstand, den man zwecks Wertsteigerung aufbewahrt. Es ist nur eine Armbanduhr, und sie ist perfekt für die derzeitige Krise. Sie tut was sie soll, und das ist wichtig in diesen Zeiten. Jeder tut das Seine in dieser schweren Notlage – und die Uhr, ja, die zeigt die Uhrzeit an, und das tut sie so präzise, auf den Bruchteil einer Sekunde genau und zuverlässig, wie es nur möglich ist und wie ich es noch nie bei einem analog arbeitenden Zeitmessgerät gesehen habe. Durch ihre Robustheit und Langlebigkeit ist sie allen anderen meiner Uhren überlegen. Ein kleines, aber vernachlässigbares Manko besteht darin, dass die Uhrzeit nur zweimal am Tag korrekt angezeigt wird. Für die restlichen 23 Stunden, 59 Minuten und 58 Sekunden muss ich daher auf minderwertigere Uhren zurückgreifen. An den überragenden Eigenschaften dieses punktuell in Krisenzeiten einsetzbaren Zeitmessers ändert dies nichts. Gleich ist es wieder soweit, jetzt ist es genau 11:36:04 … – kaum zu glauben, diese Präzision, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, immer genau auf den Punkt …
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Widersprüche

Widersprüche sind die Triebkraft jeder Entwicklung.
Innere Widersprüche im Bewusstsein eines Menschen wachsen in dem Maße, wie die vom Einzelnen täglich erlebte Wirklichkeit mit offiziösen bzw. staatlicherseits erwünschten oder medial vermittelten Dogmen kollidiert. Daher erwächst bei den meisten Menschen erst dann ein staatskritisches mündiges Bewusstsein, wenn sie die Schule verlassen bzw. die Ausbildung oder das Studium abgeschlossen haben und letztlich in den normalen Alltag und ins Arbeitsleben eintreten. Erst wenn man seine Rechnungen selbst bezahlt, wird man ein wahrhaft mündiger Bürger. Bis dahin plappert man notgedrungen leider allzu oft nur das nach, was Lehrer, Eltern oder Mediensternchen vorbeten.

In der DDR kam man im Verlauf privater Gespräche mit Freunden oder Bekannten irgendwann zwangsläufig auf Themen oder Angelegenheiten zu sprechen, die ihre Ursache direkt oder indirekt in der sozialistischen Plan- bzw. Mangelwirtschaft hatten: Man bekomme keine Wohnung, der Wohnungsantrag sei aussichtslos, dieses oder jenes gebe es nicht zu kaufen, es sei auch ohne Beziehungen nirgendwo zu bekommen, im Betrieb sei der Materialnachschub wieder einmal gestört, auf Arbeit oder im Dienst sei dieser oder jener Kollege oder Vorgesetzte ständig betrunken usw. usf. Meist nicht direkt als politische Kritik am Sozialismus gemeint (da jeder doch irgendwie für den Sozialismus war, natürlich einen mit „menschlichem Antlitz“), hat es sich natürlich trotzdem auf das politische Bewusstsein ausgewirkt.

Mittlerweile gibt es auch ein Thema, das mit all seinen nachteiligen Auswirkungen immer präsent ist, auch wenn es mittlerweile aus Furcht vor Repression oder Rechtsverdacht von vielen nicht offen angesprochen wird. Bei jedem Treffen mit Freunden, jeder familiären Zusammenkunft oder (hinter vorgehaltener Hand) bei gelegentlichen Gesprächen im Fitnessstudio oder in der Bahn: immer wird es, das eine Thema, mehr oder weniger sanft angedeutet.
These/Behauptung: Im Verlauf jedes vertrauten Gesprächs oder jeder freien Diskussion berührt die Rede eines Teilnehmers das Kernthema, an dem die betreffende untergehende Gesellschaft unheilbar krankt.

Bim-Bom?

Zur Zeit der russischen Revolution war der Clown Bim-Bom in ganz Moskau sehr beliebt, eine lokale Berühmtheit gewissermaßen – seine Vorstellungen waren stets ausverkauft. Was ihm zum Verhängnis wurde: Er riss gern Witze über die Bolschewisten und deren Anführer, zu denen viele der damals noch dort Lebenden eine skeptische oder feindselige Haltung pflegten. (Später sollte sich das natürlich ändern.) Die Witze kamen beim Publikum besonders gut an. Besagter Clown Bim-Bom verspottete jedenfalls die Repräsentanten der jungen Sowjetmacht nach Herzenslust. Der Saal tobte, und den Zuschauern standen oft vor Lachen die Tränen in den Augen. Der Clown dachte bestimmt, er sei auf der sicheren Seite, und er schnitt ja auch lustige Grimassen, wenn er seine Spitzen gegen die Bolschewisten abfeuerte. Das Lachen wirkte befreiend, und jedem musste schließlich klar sein, dass das alles nur Klamauk und Satirekunst war. Wenn er Briefe oder Karten an seine Freunde und Verwandten schrieb, zeichnete er bestimmt lustige kleine Fratzen neben seine Grüße. Alle Zuschauer liebten ihren Clown Bim-Bom. Fast alle. Doch diktatorisch herrschende Regimes und ihre Schergen, damals wie heute, sind gänzlich humorlos, zumindest wenn ein Witz auf sie gemünzt ist. Hätte sich der falschwitzelnde Clown doch darauf beschränkt, lediglich die Deutschen, die Monarchisten, die Menschewiki oder die Nationalrevolutionäre oder die Kulaken zu verspotten, so wäre alles in Ordnung gewesen. Vorerst jedenfalls, denn irgendwann hätte man ihn wahrscheinlich ohnehin abgeholt. Satire hat schließlich ihre Grenzen, das weiß man heute. Muss man auch wissen. Eines Tages, 1918 war das, da wurde Clown Bim-Bom direkt in der Manege erschossen, denn der feige Kasper wollte auch noch flüchten, sich den Konsequenzen seiner beanspruchten Kunstfreiheit entziehen, als ihn die revolutionstreuen Tschekisten zwecks Klärung eines Sachverhalts (und zu seinem Schutz) in Gewahrsam nehmen wollten. Zu seiner Beerdigung sollen Hunderte Leute gekommen sein. „Was für ein würdeloser Tod; abgeknallt haben sie ihn wie einen räudigen Hund“, sagten die Leute und konnten sich wahrscheinlich in ihren schlimmsten Alpträumen noch nicht vorstellen, dass viele von ihnen selbst bald in den Folterkellern der Lubjanka, vor den Erschießungskommandos oder in irgendeinem Gulag landen würden. Bim-Bom hatte bestimmt auch einen richtigen Namen, aber wen kümmert schon ein längst vergessener Clown? Man will ja keinen Opfermythos begründen, denn dazu taugt der ja nicht …

Bestandserhaltung

Die Familie einer früheren Freundin hatte einst eine fremde Haushaltshilfe engagiert. Die war leider alkoholkrank, was sie jedoch anfangs gut verbergen konnte, und so vergriff sich die gute Frau auch an der Flasche mit dem teuren Whiskey (vielleicht war es auch Kognak), die gleichsam als ständige Versuchung auf einer gläsernen Vitrine im Wohnzimmer stand.  Es muss für diese bedauernswerte Frau wie eine grausame Folter gewesen sein, diese Flasche täglich zu sehen. Damit die Fehlmenge nicht auffiel, füllte sie die sich allmählich leerende Flasche (denn sie trank ja immer nur einen winzigen Schluck) immer wieder auf – mit kaltem Tee. Der Tee hatte in etwa die gleiche Farbe und man sah schließlich von außen nicht, dass ein Teil des Whiskeys verschwunden war.  Also wo war das Problem? Eine klassische Win-Win-Situation. Die Trinkerin konnte sich den Whiskey schmecken lassen, und für die anderen Bewohner blieb der Bestand dennoch erhalten. Optisch jedenfalls. Erst als man sich mal ein gutes Gläschen gönnen wollte, merkte man, dass der kostbare Alkohol verdünnt und verwässert war bzw. letztlich nur noch aus Tee bestand.  Aber hochprozentiger Alkohol ist sowieso ungesund und sicherlich auch klimaschädlich. Ach, hätten sie die volle Wiskeyflasche doch einfach da zur Zierde stehen lassen, wo sie stand. Warum mussten sie, die Besitzer, auch unbedingt davon kosten? So haben sich diese Unmenschen ihre Illusion der vollen Flasche selbst zerstört und der armen Frau gekündigt, ihr ihren Job genommen …