Kategorie-Archiv: Notizen

Gedankenabfall betr. Kapitalismuskritik

Neulich las ich einen Artikel, in dem beklagt wurde, dass der Kapitalismus alles verwerten würde, selbst die Kritik und die Symbole seiner ärgsten Feinde, z. B. Name und Konterfei von Che Guevara. Er sauge sie einfach in sich auf, verwurste sie und spucke sie als kommerzielle Produkte wieder aus (Telepolis: Mit einer Tasse Kaffee die Welt retten).
Zugegeben, mir selbst waren auch schon ähnliche Gedanken gekommen, allerdings hätte ich da nie ein moralisches Problem mit verknüpft. Warum auch? Sowohl Kapitalist als auch Sozialist oder Kapitalismuskritiker bleiben immer auch Teil desselben Systems, dem sie genauso wenig entfliehen können wie zwei unverträgliche Fische, die im selben Aquarium herumschwimmen (sofern nicht einer der Fische vor Stress aus dem Becken springt). Ein Kritiker und Feind des Systems wird also genauso durch den Fleischwolf der wirtschaftlichen Verwertungskette gedreht werden, wie beispielsweise irgendwelche Schwachmaten, die ihre 15 Minuten Ruhm bei RTL2 genießen. Continue reading Gedankenabfall betr. Kapitalismuskritik

Nicht indizieren

Na, hier tut sich ja in diesem Monat nicht mehr so arg viel im Blog. Lässt sich aber auch erklären. Recht simpel eigentlich. Ohne Umschweife, ohne all das ganze wichtigtuerische Gequatsche über hohe Arbeitsbelastung oder persönliche Befindlichkeiten. Und überhaupt. Ich könnt ja sonst was erzählen, da nicht nachprüfbar, wie so viele persönliche Dinge, die man auf Blogs oder in Foren von den ganzen Scheinidentitäten erfährt. Quatsch, liebe Freunde und Leser. Die Wahrheit ist: Erst war Pfingsten, und dann hatte ich keine Lust. Jetzt erscheint ein Archiveintrag für den Monat Juni, obwohl es wahrscheinlich nur bei diesem einen Beitrag bleibt, den Ihr gerade seht. Andererseits könnt ich am Wochenende endlich die gewichtigen Blog-Beiträge über die Alice Schwarzer oder die Elke Heidenreich fertig schreiben, die ich schon lange geplant und gewissermaßen schon fast ausformuliert hatte. Im Kopf jedenfalls. Das Grundgerüst stand solide da wie eine deutsche Eiche, bis ich merkte, dass die Texte im Grunde schon geschrieben sind. Von Anderen. Besser, als ich es könnte. Bettina Roehl hat zum Beispiel wieder einen supercoolen und ausführlich recherchierten Artikel zum Casus Schwarzer abgeliefert. Alles natürlich ergoogelbar.

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Bruch

Polizeikommissar Ingo Kotschmarski, 43, ledig, Besoldungsgruppe A9, war heute nicht in Stimmung. Sogar ziemlich gefrustet war er, obwohl er doch, wie er zugeben musste, im Großen und Ganzen mit seinem Leben hätte zufrieden sein können. Zumindest bis zum heutigen Tag. Nun gut, der Schichtdienst war anstrengend und nervenaufreibend. Auch nach etlichen Dienstjahren litt er noch unter einem ständigen Schlafdefizit, die Ausrüstung war mies, und seine Vorgesetzten waren auch nicht immer einfach zu nehmen. Aber all dies gehörte eben zum Alltag eines Berliner Polizeibeamten. Und er hielt sich schließlich für einen guten Polizisten. Klar, es gab da auch noch einige andere Dinge in seinem Leben, die aus dem Ruder gelaufen waren, Beziehungskisten zum Beispiel, aber daran wollte er jetzt keinen Gedanken verschwenden. „Scheiß drauf“, sagte sich der stämmige Polizist, der in lässiger Haltung neben dem stark abgenutzt wirkenden Einsatzwagen verharrte – einem silbernen VW Passat mit blauer Folienbeklebung, auf dessen Dach ein Blaulicht nervös flackerte. Das blaue Licht war so grell, dass der vor ihm auf dem Boden kauernde junge Mann die Augen leicht zukneifen musste, um nicht geblendet zu werden.

Blaulicht

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Wachsam bleiben

Der unrasierte, mürrisch dreinblickende Mann in den Dreißigern, der soeben mit einer unter den Arm geklemmten schwarzen Aktentasche aus Kunstleder aus dem Hauseingang trat, sah auf den ersten Blick relativ harmlos aus. Ein Proll, wie die meisten, die in diesem Berliner Kiez ihr trauriges Dasein fristeten. Ein Normalo. „Aber was heißt schon normal in diesen turbulenten Zeiten“, dachte Hannes und nahm zur Sicherheit mit seinem Smartphone schnell ein Foto von dem Typen auf. Der Schnappschuss sollte für alle Fälle in der Datenbank gespeichert und mit der Adresse des Mannes katalogisiert werden, so war es in der Gruppe abgesprochen. Man konnte schließlich nie wissen, ob eine Person künftig mal auffällig wurde.

Als er von der letzten Stufe des Hauseingangs auf den Gehweg mit den alten brüchigen Pflastersteinen trat, drehte sich der Mann, der seinen „Paparazzo“ nicht bemerkt hatte, noch einmal kurz um, richtete einen schnellen prüfenden Blick auf die nun geschlossene Tür des Mehrfamilienhauses und ging festen Schrittes die paar Meter bis zu seinem Wagen, einem älteren blauen VW Golf III mit schwarzem Kotflügel. Es handelte sich offenbar um einen notdürftig instand gesetzten Unfallwagen mit einigen Kratzern und Beulen, bei dem man sich nicht mal mehr die Mühe gemacht hatte, ein farblich passendes Teil vom nächstgelegenen Schrottplatz zu beschaffen oder den Kotflügel nachträglich blau zu lackieren. Am Fahrzeug war ein Berliner Nummernschild mit einer unverdächtigen Buchstaben- und Zahlenkombination angebracht. Nein, dieser Mann sah wirklich nur harmlos aus; gewöhnlicher Durchschnitt: kurzes, aber nicht zu kurz geschnittenes dunkles Haar, leicht abgewetzte Blue Jeans, neonfarbene Laufschuhe einer nicht erkennbaren Marke und ein schwarzes Lederblouson, das schon mal bessere Tage gesehen hatte. Für ein ungeschultes Auge kam der Typ so unauffällig daher, dass man ihn in einer Großstadt wie Berlin im Vorbeigehen normalerweise nicht wahrgenommen hätte. Keine besonderen Merkmale. Ein Niemand, einer von denen, die in den östlichen Stadtbezirken zu Tausenden in ihren kleinen Mietwohnungen mit weißer Raufasertapete und billigem Laminat hockten, in ihren existenzsichernden Behausungen mit oder ohne Balkon. Andererseits wussten sich solche Spießbürger meist gut zu tarnen und ihre wahre Gesinnung zu verbergen, dachte Hannes, der junge Mann mit dichtem Vollbart, der ein schwarzes Kapuzenshirt mit dem bekannten stilisierten roten Konterfei von Che Guevara trug und sich gegenüber dem Hauseingang, auf der anderen Straßenseite hinter einem dichten Rhododendronstrauch postiert hatte. „Das reaktionäre Bürgertum passt sich an. Die halten sich im Hintergrund, lesen die Bild-Zeitung, gehen ihrer stumpfsinnigen Arbeit nach und haben vielleicht sogar eine Familie. Denken vielleicht noch, sie kommen damit durch.“ Continue reading Wachsam bleiben

Nur geträumt

Anhörung vor dem Ausschuss zur Untersuchung europafeindlicher Umtriebe -
Irgendwann in ferner Zukunft…

(Erläuterung der Traumsequenz: Ein mit unbekannter Flaggensymbolik geschmückter vollbesetzter Saal wird sichtbar. Erinnert entfernt an eine Kantine in einem ostdeutschen Kombinat.)

Wie die meisten Träume ist auch diese alptraumhafte Szenerie in Graustufen gehalten. Nach dem Aufwachen kann ich mich daher an keine Farben erinnern. Am ehesten ähnelt die Szene einem schwarzweißen Fernsehbild.

Vor einem podestartig aufgebauten schweren Holztisch (vermutlich aus Eichenholz), an dem drei ältere Männer mit grimmigen Gesichtern sitzen, kniet ein einzelner Mann mittleren Alters. Bin ich etwa dieser Mann? Auf dem vor ihm erhöht stehenden schweren Eichentisch erblicke ich drei Wasserflaschen, einfache Trinkgläser und eine kleine Flagge. Die Flagge sieht irgendwie anders, eben ungewohnt aus, geht mir im Traum unwillkürlich durch den Kopf. Der Mann wird an jeder Seite von zwei schlagstockbewehrten uniformierten Bewachern flankiert. Diese Uniformen habe ich noch nie gesehen. Sie wirken wie eine jener Fantasie-Uniformen, wie sie einst Michael Jackson trug.
An der Stirnwand des Raumes hinter dem Tisch hängt ein gerahmtes Bild, eine offenbar retuschierte Fotografie eines mir unbekannten älteren, streng dreinblickenden dunkelhaarigen Mannes mit dichten Augenbrauen. Vielleicht ein führender Politiker oder hoher Würdenträger jener Tage?
Aus alten, dumpf klingenden Lautsprecherboxen an der Wand ertönt nun eine laute Stimme, die für mich schwer zu verstehen ist. Der mittlere der drei Männer, offenbar eine Art Wortführer, ist schon sichtbar ungehalten.
„Äußern Sie sich endlich, Beklagter, wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit.“
Der seit geraumer Zeit vor dem Podest kniende Mann wirkt völlig erschöpft. Er hebt kurz den Kopf und schaut sich im Raum um. Aus seinem Blick spricht die blanke Hoffnungslosigkeit. Der Anhörungssaal, wie man ihn euphemistisch nennt, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Anwesenden, etwa 40 bis 50 Leute unterschiedlichen Alters und Geschlechts, scheinen dem Tribunal aufmerksam zu folgen. Einige Blicke treffen den einsamen Mann, manche scheinen hasserfüllt, andere hingegen eher kalt und emotionslos; aber auch einige mitfühlende Reaktionen glaubt der auf den Knien hockende Mann in den Gesichtern der Zuhörer zu erkennen.
Seine Knie schmerzen. Seit Stunden hockt er nun hier in dieser demütigenden Stellung. Was will man denn noch von ihm wissen? All dies liegt doch schon so lange zurück. Er blickt kurz auf.
„Ich habe meinen Erklärungen nichts hinzuzufügen, Herr Vorsitzender.“ Continue reading Nur geträumt

Splitter

Frank-Walter Steinmeier tut, was er kann. Aber was kann er?
Warnen und zur Besonnenheit aufrufen? So warnt Herr Steinmeier eindringlich in Donezk bei einem Treffen mit dem sich geläutert gebenden ukrainischen Oligarchen Achmetow vor einer Ausweitung der Krise in der Ukraine. Einer Krise, die er, Steinmeier, doch selbst mit heraufbeschworen hat. Verdrängt er den Gedanken, dass seine und Merkels zündelnde Politik und widersprüchliche Haltung für das derzeitige Chaos in der Ukraine in höchstem Maße mit verantwortlich sind? Continue reading Splitter

Interessen

Für einen Politiker mit Rückgrat muss es schlimm sein, gegen seine eigenen Überzeugungen handeln zu müssen. Vorausgesetzt, man hat gewisse Überzeugungen, fühlt sich den Interessen des eigenen Volkes noch verpflichtet und weiterhin vorausgesetzt, man hat sich ungeachtet der nötigen Dienstbeflissenheit und opportunistischen Haltung, über die ein Partei- und Staatsdiener oder verbeamteter Diplomat notgedrungen verfügen muss, noch einen letzten Rest an eigenständigem Denken und Würde bewahrt.
Wenn es dann hart auf hart kommt, kann man immer noch Aktivität vortäuschen, Tatkraft und Entschlossenheit simulieren. Bei deutschen Politikern weiß man nie, woran man ist. Sie sagen, sie seien Deutsche, Europäer und Transatlantiker – in erster Linie natürlich Europäer. Aber was, wenn sich aus dieser Dreifaltigkeit ein Interessengegensatz ergibt? Wenn sich in krisenhaften Situationen zeigt, dass die Interessenlinien der drei genannten Gruppen nicht mehr übereinstimmen, sondern eher divergieren?

Zeichen?

Ich kann nicht sagen, warum mir folgende Episode im Gedächtnis haften geblieben ist. Sie ist im Grunde derart unbedeutend und belanglos, dass jeder, der diesen Beitrag liest, nur verständnislos den Kopf schütteln, verächtlich die Mundwinkel nach unten ziehen oder wutschnaubend geloben wird, komme was wolle, niemals wieder diese Website zu besuchen. Aber auch egal. Damit muss ich wohl oder übel leben.
Jedenfalls passierte Folgendes:….
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Selbstversuch

Vorhin habe ich einen Notizblock in meinen Schubladen gesucht. Einen simplen Notizblock zum Schreiben und Blättern, mit dünnen linierten, beidseitig beschreibbaren Papierseiten. Ein barbarisches Relikt aus einem analogen Zeitalter, in dem händische Verrichtungen die Regel waren und Informationen auf Papier gespeichert wurden. Wie zu erwarten, habe ich keinen Notizblock mehr gefunden und nehme mir ein leeres Blatt vom Stapel mit dem Druckerpapier.
Ich habe schon lange nichts mehr eigenhändig mit einem Kugelschreiber, Stift oder Füller geschrieben… Klicken und dort weiterlesen ->

Gummiring

War es vorgestern oder vorvorgestern? Der genaue Zeitpunkt tut eigentlich nichts zur Sache. Jedenfalls irgendwann letzte Woche spätabends, es hatte kurz zuvor genieselt, da trieb es mich aus dem Haus. Es war wieder etwas wärmer geworden. Ab und zu trafen mich noch ein paar vereinzelte Regentropfen auf Schulter, Kopf und im Gesicht. Ja, ich war natürlich zu Fuß unterwegs. Ich kam irgendwoher und wollte irgendwohin. Was genau ich wollte, ist auch nicht von Belang. Die meisten Straßen waren noch regennass. Ich mag es, wenn der noch feuchte, dunkle Asphaltbelag im Mondschein glitzert oder das Licht der Straßenlaternen reflektiert. Die einfachsten Dinge des Lebens können eine magische Wirkung entfalten.

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