Coming home

Es war ein Festtag für ganz Palo Alto. Bis zum letzten Althippie waren alle Bewohner der kleinen kalifornischen Gemeinde auf den Beinen. Väter und Mütter mit ihren Kindern säumten fähnchenschwenkend die Straße, auf der später die schwarze offene Limousine mit dem umjubelten Helden, einem würdigen Sohn der Stadt vorbeifahren sollte.
He’s coming home. Merrill Oldman – einer jener Kriegshelden, wie sie Amerika stets verehrt hat, kehrte zurück. Einer, der sich einst aufgemacht hatte, um seinem Land zu dienen. Einer, der nicht erst fragte, was sein Land für ihn tun kann…

Es war der Tag, an dem Merrill Oldman heimkam, der 85-jährige US-Kriegsveteran, der nach sechswöchiger Haft aus dem Gewahrsam der nordkoreanischen Behörden entlassen worden war und nun nach einem Umweg über Peking endlich wieder Fuß auf freien kalifornischen Boden setzen konnte.

Im Koreakrieg Anfang der 50er Jahre hatte Oldman antikommunistische Partisanen und Sabotagetruppen im Kampf gegen den Norden unterstützt und ausgerüstet. Was er sonst noch tat, weiß niemand mehr. Seine Militärakten sind verschwunden, die damaligen Vorgesetzten längst verstorben, und der Schleier des Vergessens hat sich über die Existenz seiner Opfer gelegt. So es sie gegeben hat, sind sie längst vermodert. Was bleibt, ist etwas dunkle Patina auf dem glänzenden Denkmal eines wackeren US-Patrioten.

Im Oktober, bei einer Reise nach Nordkorea, die offenbar der privaten Kontaktpflege und rein touristischen Zwecken dienen sollte, war der freundliche alte Herr aus den USA festgenommen worden. Er durfte daraufhin fast sechs Wochen in der Obhut des nordkoreanischen Justizministeriums verbringen.

Die Nordkoreaner hielten ihn freilich nicht für einen arglosen älteren Privatier, der noch einmal in Erinnerungen an seine Jugendzeit schwelgen, die Stätten seines früheren Wirkens besuchen und alte Freunde besuchen wollte, sondern für einen reuelosen Kriegsverbrecher, der Anfang der 50er Jahre im Koreakrieg eine Spezialeinheit, die White Tigers, geführt haben soll. Natürlich weiß jeder klar denkende, patriotische Amerikaner diese Vorwürfe als reine Propaganda der nordkoreanischen Steinzeitkommunisten einzuordnen.

Schließlich seien die USA nur zur Verteidigung der Demokratie und der freien westlichen Welt in Korea angetreten, um der roten Flut zu widerstehen, und Männern wie Oldman schulde man heute noch Dank, da sie der Demokratie einen Dienst erwiesen hätten. Der Mann sei schließlich ein Kriegsheld, der nur seine Pflicht erfüllt habe, auch wenn er aus taktischen Gründen in Korea ein handschriftliches Geständnis abgelegt und sich vor den Fernsehkameras zu seinen Kriegsverbrechen bekannt habe. Zweifellos sei ihm dieses Geständnis unter Druck abverlangt worden, und ohnehin hätte es vor keinem ordentlichen Gericht der westlichen Welt Bestand. Wie dem auch sei…

Gleich würde das Flugzeug auf dem Palo Alto Airport landen, eine umgebaute zweimotorige Militärmaschine undefinierbaren Typs.
Quimby, der Bürgermeister von Palo Alto und andere Lokalgrößen standen bereit, um dem standhaften Patrioten ihre Ehre zu erweisen. Dass man den aus Nordkorea ausgewiesenen alten Narren fast wie einen Staatsgast mit allen Ehren empfing, wie seine Mitarbeiter schon spotteten, lag eben daran, dass man Oldman für die kommende Woche schon ins Weiße Haus eingeladen hatte. Der Präsident beabsichtigte, dem geretteten Veteranen persönlich einen Orden anzuheften, um seine zuletzt katastrophalen Umfragewerte etwas zu verbessern. Da war diese Sache mit dem alten Koreahelden genau nach seinem Geschmack. Die Gemeinde wollte da nicht zurückstehen, daher hatte Mayor John F. Quimby alle Register gezogen.

Ein Spielmannszug wartete bereits, um den aus den Fängen des kommunistischen Regimes befreiten Sohn der Stadt mit zünftiger Militärmusik auf dem kurzen Weg zu seinem mit Stars and Stripes geschmückten Wagen zu begleiten, der ihn auf seinem Triumphzug mit Konfetti- und Blumenregen durch die Stadt fahren sollte.

Bei nahezu wolkenlosem Himmel blickte Merrill Oldman im Landeanflug aus dem Fenster der landenden Militärmaschine auf die San Francisco Bay, die von leichtem Wellengang überzogene Wasserfläche der Bucht, auf der vereinzelte Segelyachten sichtbar waren.
Die Mündung des San Francisquito Creek, wohin ihn sein Vater früher oft zu Angelausflügen mitgenommen hatte, konnte er mehr erahnen als sehen.
Eine innerliche Ruhe erfasste den alten Mann mit den wettergegerbten Gesichtszügen. Endlich wieder in der Heimat.

Seltsamerweise fühlte er sich auch etwas schlaff und emotionslos, so dass er keine richtige Freude über seine Heimkehr zu empfinden vermochte, was aber bestimmt auf den Jetlag zurückzuführen war. In Nordkorea war man im Großen und Ganzen fair mit ihm umgegangen. Oldman war immer noch Profi. Er hatte aber nicht daran gedacht, dass man sich nach all den Jahren in Nordkorea noch seiner erinnern würde. Interessanterweise hatte er keine negativen Erinnerungen an seinen kurzen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis von Pjöngjang. Ja, man hatte ihn höflich verhört, aber nicht geschlagen oder gar gefoltert.
Danach hatte man ihn sogar in ein Regierungskrankenhaus gebracht, um ihn wegen seiner Diabetes und seiner Kreislaufschwäche, die ihn von Zeit zu Zeit befiel, besser versorgen zu können. Dort musste er wohl die nächsten Wochen verbracht haben. In seiner inneren Zeitvorstellung schien dieser Zeitraum zu einem langen Tag zu verschmelzen, was aber auch auf die Gleichförmigkeit des Klinikalltags zurückzuführen sein konnte.

Man hatte ihm ständig Beruhigungsmittel verabreicht, und er erinnerte sich daran, stundenlang einschläfernde Musik über Kopfhörer gehört zu haben – sehr angenehme klassische Musik. Irgendwelche Gedichte oder Geschichten, die man ihm über Kopfhörer eingespielt hatte, meinte er auch gehört zu haben, während er schlief. Seltsamerweise konnte er sich an keine genauen Inhalte, nur an einzelne melodisch klingende Wortfetzen erinnern. Waren es nicht auch Verse von Robert Frost? Oder sollte er all dies nur geträumt haben?

So empfand er diese Zeit insgesamt rückblickend auch nicht als unangenehm. Man hatte ihn gut behandelt, er hatte sogar einige der alten Kameraden getroffen. Und das Geständnis, das er ablegen musste, nun ja, es war nichts Persönliches. Jeder machte seinen Job, so gut er konnte. Merrill Oldman kannte das Geschäft genau – er war angstfrei und gelassen. Seine Kaltblütigkeit hatte ihn schließlich immer schon ausgezeichnet, auch in seiner aktiven Zeit bei den Spezialeinheiten.

Er richtete seinen Blick jetzt wieder aus dem Fenster auf das sich der landenden Maschine von unten nähernde Rollfeld. Alles im grünen Bereich. Da stand ja auch schon das Empfangskomitee mit dem Mayor.

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Die Gemeinde Palo Alto fand schnell wieder in ihre normale Alltagsroutine zurück, nachdem Merrill Oldman wohlbehalten zu Hause eingetroffen war.
Merrill war immer schon ein aktiver Mensch gewesen, der seinen Hobbys nachging und keine Langeweile aufkommen ließ. Jetzt wirkte er fast schon hyperaktiv, erledigte Einkäufe, stöberte im örtlichen DIY-Markt, surfte im Internet und schloss sich sogar des öfteren den ganzen Abend in seiner zur Werkstatt umfunktionierten Garage ein, um irgendwelche Figuren oder Modellbauteile auf seinem neuen 3D-Drucker herzustellen. Seine Frau Mary war froh, ihn nach all dem Stress endlich wiederzuhaben.
Die Beschäftigung mit seinen Modellautos und -schiffen würde ihm bestimmt helfen, das Geschehene zu verarbeiten.

Und doch war Merrill noch nicht wieder ganz der Alte. Er schien seiner Frau und seinen Enkeln verändert. Irgendetwas stimmte manchmal nicht mit ihm. Zuweilen hockte er stundenlang in seinem breiten Fernsehsessel, beide Hände auf den Lehnen ruhend, starrte Löcher in die Luft und wirkte seltsam entrückt und teilnahmslos. Lautlos bewegten sich seine Lippen, als ob er rezitieren würde. Danach sprang er mit einem Mal mit gehetztem Gesichtsausdruck auf und blickte sich um, als wüsste er nicht, wo er sich befand.
„Don’t worry“, meinte sein Nachbar Bill, der einst bei den Marines gedient hatte. „Da muss er einfach durch.“ Die Unruhe werde sich schon noch legen. „Er braucht nur noch etwas Zeit, bis er zur Ruhe kommt und wieder ganz der alte wird, der er vor dieser törichten Reise war“, dachte Mary insgeheim. Warum hatte sich ihr Merrill nur von seinem alten koreanischen Freund Pak Jong Il zu dieser verrückten Idee überreden lassen? Na, dem würde sie schon noch ein paar Takte erzählen.
„Nun ja, es hat sich ja alles noch zum Guten gewendet“, tröstete sie sich. Und nächste Woche waren Merrill und sie schließlich ins Weiße Haus eingeladen. Man stelle sich vor, ihr Mann würde den Präsidenten persönlich treffen. Alle Nachbarn beneideten sie schon und baten sie, Autogramme mitzubringen…

Mit seinem breiten, einstudiert wirkenden Lächeln auf den Lippen ging der amerikanische Präsident seinem heutigen Ehrengast aus der Provinz entgegen. Mit einer angedeuteten Umarmung wollte er den kurzen Moment der Unsicherheit überspielen, den er angesichts des wie versteinert wirkenden Gesichtsausdrucks des Veteranen verspürte.

Der alte Mann wusste nicht, wo er war und was er tat. Er folgte seiner inneren Programmierung. Versagen war keine Option. Wie abwesend fühlte Merrill Oldman, dass seine Hand wie von selbst in die Innentasche seines Jackets glitt und nach dem flachen Liberator griff, den er aus 15 Plastikteilen selbst in Heimarbeit hergestellt hatte und mit dem er problemlos durch alle Metalldetektoren gelangt war. Nur noch drei Schritte, zwei, ein…

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