Da brat mir doch einer nen Storch!

Da versteh einer die Welt. Russland bekämpft die irren Islamisten, macht somit auch für uns in Syrien die Drecksarbeit, und zum Dank dafür werden deren Flugzeuge von unserem treuen Nato-Partner Türkei ins Visier genommen und aus dem Hinterhalt abgeschossen.

Der Abschuss eines russischen Jagdbombers (rechtmäßig mit Zustimmung des gewählten syrischen Präsidenten dort operierend) durch eine völkerrechtswidrig in syrisches Staatsgebiet eingedrungene türkische F16 stellt einen glasklaren Kriegsgrund dar – die kriegerische Handlung eines NATO-Partners gegen Russland. Wollen die Türken etwa auf diese Weise einen Bündnisfall provozieren? Sicher nicht, ohne sich im Vorfeld von den US-Militärs eine Blankovollmacht (für den Fall der Fälle) einzuholen oder?
Die Russen wurden vermutlich überrascht, da aus Richtung der türkischen Grenze keine Gefahr erwartet wurde. Bereits widerlegt ist die dreiste Lüge, die russische Suchoi sei in den türkischen Luftraum eingedrungen. Wie man es kennt, wird gelogen, gezündelt, provoziert. Zur Durchsetzung großosmanischer Machtphantasien setzt Erdogan wohl auf den Rückhalt der Nato bzw. Obamas, der Russland möglicherweise nach Art des Afghanistankriegs in verlustreiche Scharmützel verwickeln und schwächen möchte. Das stinkt gewaltig. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Wenn Erdogans Behauptung stimmen sollte, müsste die russische Suchoi doch binnen 5 min. (so lange hätten die Warnungen gedauert) etliche Dutzend Kilometer weit in türkisches Gebiet hineingeflogen und selbst nach unterstellter Kursänderung noch auf türkischem Gebiet abgestürzt sein. Sie ist aber 5 km hinter der Grenze syrischem Gebiet niedergegangen.

Erdogan steckt seine Einflusssphäre in Syrien ab. Zu gern würde er sich ein Stück vom syrischen Kuchen sichern. Kurden, die den IS bekämpfen, lässt er abknallen und bombardieren, mit dem IS macht er Ölgeschäfte, über die Grenzen lässt er dessen Islamisten, pardon, seine Brüder und Schwestern einsickern. Einen tollen Verbündeten hat sich unsere Große Mutter da eingekauft. Auf den ist bestimmt Verlass, wenn es hart auf hart kommt.

Ein mögliches Motiv der jüngsten Aktion ist, dass die Kooperation zwischen Frankreich und Russland bei der IS-Bekämpfung aus US-Sicht möglichst erschwert/verhindert werden soll. Eine Allianz zwischen Russland und europäischen Staaten werden die USA wohl aus geostrategischen Gründen verhindern wollen. Hollande weilte zur Zeit des Abschusses zufällig gerade in Washington. Möglich, dass dies ein Signal war, nicht allzu eng mit Russland zu kooperieren. Daher ist eine weitere Eskalation nicht ausgeschlossen. Der Bündnisfall kann immer noch eintreten, wenn bei der nächsten Begegnung wo auch immer im (wie man sagen wird: umstrittenen) Grenzgebiet des syrischen Luftraums eine türkische Maschine verloren geht.

Bei der nächsten Aggression werden russische Jagdflieger möglicherweise nicht zögern, auf eine türkische F16 zu schießen. Blufft Putin, wie auch oft vermutet wird? Ich rate eher von laienhaften Psychoanalysen in Bezug auf Staatslenker ab. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob jener, der vermutlich nur blufft, nicht unter äußerem Druck der Ereignisse seine Zurückhaltung aufgibt. Putin handelt m. E. immer noch besonnen und verantwortungsvoll.

Deutschland ist übrigens sowieso wehrlos, auf dem Weg zu einem gescheiterten Staat; erwähnte ich das schon? Ja ja, ist ja gut, regt euch ab. Die Bundeswehr kämpft angeblich mit Besenstielen und Zeltstangen, deren Spitzen (wegen Verletzungsgefahr) mit Mullbinden umwickelt sein müssen. Wenn schon, denn schon. Ist allemal besser so!

PS: Zum wiederholten Male: Putin ist kein lupenreiner Demokrat (wie auch immer der Begriff des lupenreinen Demokraten konnotiert sein mag), aber es gibt m. E. keine globalen putinschen Eroberungsgelüste. Politiker, von denen Gefahr für uns ausgeht, würde ich eher in anderen Gefilden und Lagern verorten. Es gab keine russische Annexion der Krim. Die Bürger der Krim haben aus meiner Sicht ihr legitimes Selbstbestimmungsrecht in Anspruch genommen, das auch durch die ukrainische Verfassung nicht aufgehoben werden kann. Die Krim hatte als autonome Republik jedes Recht, ihren eigenen Weg zu gehen, sich von der Ukraine abzuspalten und natürlich auch Russland anzuschließen. Die Hilfestellung Russlands beim Sezessionsprozess der Krim war verhältnismäßig und ebenso kein Verstoß gegen das Völkerrecht (vgl. bzw. siehe die Einschätzung von Prof. Schachtschneider).
Dazu auch der Verweis auf eine diesbezügliche aktuelle Programmbeschwerde gegen die ARD, in der die tendenziöse Berichterstattung zu Ru/Ukr ebenfalls zum wiederholten Male kritisiert wird. Ich verweise auch auf die Frage nach einer möglichen Abspaltung Kataloniens, Schottlands oder Flanderns. Es ist doch für den Frieden unabdingbar, derartige Sezessionsbestrebungen ggf. auch offen zu diskutieren und zuzulassen, wenn es denn dem Mehrheitswillen der Bevölkerung entspricht. Moderne Nationalstaaten dürfen keine Völkergefängnisse sein.

4 thoughts on “Da brat mir doch einer nen Storch!”

  1. Hola, da hat jemand Wut im Bauch. Und vielen anderen geht im Moment der Arsch auf Grundeis. Ja, mir ist heute arschig zumute, es ist Vollmond, da darf ich das ;)

    Abwarten, wie sich das noch entwickelt. Ich glaube aber immer noch nicht, dass der große Knall kommt. Oder hoffe es? Keine Ahnung, ich bin dementsprechend sehr verunsichert zur Zeit und halte mich mit Prognosen zurück. Ich dachte ja 9/11 auch, dass es nun rummst, überall. Hat aber “doch nur” da hinten gerummst, weit weg. Nun kommt es näher.

    1. Ja, Dark Lord, bin ich ja auch. Ich reagiere mich nur auf diese Weise ab, so richte ich wenigstens keinen Schaden an. Das geht vorbei. Bin ja auch oft hin- und hergerissen, innerlich so …
      9/11 hab ich auch noch so in Erinnerung – Endzeitstimmung.
      Wobei ich früher auch schon solche endzeitlichen Anwandlungen hatte, z.B. 1989 hierzulande und 1993 (ich lebte damals in Moskau, als es vor Ort zu gewaltsamen Ausschreitungen kam; sah auch übel aus).

  2. Mein Beitrag war auch nur als Replik auf einen ansonsten recht guten Beitrag auf dem Blog bzw. Portal von Roland Tichy gedacht, den ich im Übrigen ja seit langem (seit seinen Wiwo-Zeiten) sehr schätze. Hochkarätige, viele erfrischend frei denkende Autoren, z.Z. Spitze im deutschen Sprachraum (von dem, was ich lese).
    Na ja, der Autor einer dortigen Kolumne, Herr Spahn, konnte leider der Versuchung nicht widerstehen, (in dem ansonsten ausgewogenen Beitrag) einen reflexartigen Seitenhieb auf Putin, den “Bandenboss und Eroberer”, auszuteilen. Gehört wohl mittlerweile zum üblichen “ceterum censeo” der Publizistik. Woraus sich wiederum ein kurzer Schlagabtausch mit mir ergab, der in seiner Aussage gipfelte, jemand, der es anders sehe als er, also ich, sei nicht ernstzunehmen und müsse “blind oder ein Putin-Troll sein”. Gut, an dem Punkt ist die Diskussion dann auch für mich beendet, weil – da findet man dann eh keine gemeinsame Sprache bzw. keine Diskursmöglichkeit mehr, wenn man derart abqualifiziert wird. Ist auch sein Blog. Basta! So war das also. ;-)
    Hier als Referenz zum Nachlesen, wie gesagt, der Ursprungsbeitrag war sonst (selbst wenn man die Russo- bzw. Putinphobie des Autors ausklammert) sehr ausgewogen.
    http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/der-su-24-abschuss-eine-eskalation-mit-folgen/comment-page-1/#comments

  3. Schön geschrieben.

    Ich bin da voll deiner Meinung. Putin ist weder Demokrat noch lupenrein. Doch er scheint als einer der wenigen erkannt zu haben dass wir hier im Irak und in Syrien ein echtes Problem an der Backe haben.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

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