Deserteur

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich früher ab und zu meinen Körper verlassen habe.
Nicht oft und auch nur für relativ kurze Zeiträume. Beim letzten Mal befand ich mich gerade in einer mündlichen Prüfung an der Uni und fühlte mich plötzlich ziemlich einsam. Das Gefühl kennt wohl jeder. Das ist nun auch schon einige Jahre her.
Ja, manchmal verlasse ich meinen Körper. Natürlich stark vereinfacht ausgedrückt. In bestimmten, blitzartig oder auch allmählich eintretenden Stress- oder Prüfungssituationen löse ich mich von mir selbst. Es ist wie eine innere Kapitulation, ein Moment des geistigen Waffenstreckens, in dem ich mich gedanklich von meiner unvollkommenen Persönlichkeit löse und eine distanzierte Position zu meinem inneren Selbst einnehme. Es jedoch keine Persönlichkeitsspaltung und soll auch bildlich nicht den Eindruck vermitteln, den man aus Hollywood-Filmen kennt: Meine Seele (oder was auch immer man damit assoziieren könnte) löst sich von mir, und ich schwebe als Astralkörper außen in der Luft herum und blicke auf meine menschliche Hülle. Natürlich nicht.
Es gleicht eher einem alles durchdringenden Tagtraum von höchster Intensität. Es fühlt sich so an, als würde sich mein originäres Bewusstsein urplötzlich von mir abspalten – und zwar in dem Moment, in dem mir meine eigene Unvollkommenheit bzw. Fehlerhaftigkeit schlagartig bewusst wird. Nur als Beispiel: In einer bestimmten Situation geht mir in einem Sekundenbruchteil ungewollt der Gedanke durch den Kopf, dass es mir wahrscheinlich einiges abverlangen wird, eine schwierige Situation oder komplexe Aufgabe zu bewältigen oder mich zu konzentrieren, um irgendeinen kongenialen oder wenigstens intelligenten Gedanken zu äußern, der in meinem Hirn herumschwirrt, aber eben gerade nicht greifbar ist. Ein solcher Gedankenblitz konnte mich gerade in einer Prüfung, in einem Seminar oder sonstwie in einer kritischen Situation oder schwierigen Lebenslage durchzucken, in der ich mich gerade befand.
Just, als ich dachte, aufgepasst, jetzt muss ich besonders gut zuhören, ich muss mich konzentrieren oder gleich dies oder das sagen, was von mir erwartet wird, wusste ich unwillkürlich bereits: Oh, das ist der Trigger. Bin dabei, mich abzuschalten. Ich wehre mich natürlich. Zwecklos, zu spät, ich bin raus, keiner mehr da. Der Mann dort, der ich bin, ist jetzt offline bzw. auf Autopilot geschaltet. Meine Anspannung lässt sofort nach, ich bin ruhig und gelassen. Gleichmäßige Alphawellen pulsieren in meinem Hirn. Mir kann nichts passieren. Ich betrachte mich gedanklich von außen, mitsamt meinem Geist stehe ich neben der verlassenen menschlichen Hülle, die ich bin und die wahrscheinlich gerade ziemlich dumm aus der Wäsche schaut. Genau weiß ich es nicht, da ich mich selbst nicht sehen kann…
Mehr schlecht als recht steuere ich meinen Avatar, der natürlich irgendetwas sagen oder tun muss, damit niemand meinen Totalausfall bemerkt. Die Steuerung funktioniert allerdings nicht besonders gut, da in meinem Avatar-Ich kein Pilot sitzt. Ich werde per Fernsteuerung durch mein distanziertes Bewusstsein kontrolliert. Das Ergebnis ist meist nicht sehr berauschend, da ich mich so nur bedingt steuern kann. Manchmal werde ich notgedrungen Zeuge meines eigenen Versagens. Aber selbst Schuld, denke ich dann. Man verlässt seinen Posten nicht ungestraft.
In anderen Fällen lasse ich mich manchmal auf Smalltalk ein, ich höre mich belangloses oder dummes Zeug erzählen oder verharre im Leerlauf- oder Standbymodus, was mir leicht fällt.

Seltsamerweise scheint niemand zu bemerken, dass ich nicht ich selbst bin bzw. dass die Pilotenkanzel meiner Kohlenstoffeinheit verlassen ist. Vielleicht ist man nur höflich, oder die mit mir interagierenden Personen können meine Fehlfunktion nicht erkennen, so dass man mich auch in diesem Zustand für ein vollwertiges Wesen hält, einen stinknormalen Menschen, unvollkommen wie so viele Andere auch? Ich tarne mich gut und lasse meinen Avatar normale menschliche Reaktionen zeigen.
Wie damals in einer meiner letzten missglückten Prüfungen an der Uni lasse ich meinen Avatar nicht im Stich. Er gehört doch irgendwie zu mir, denke ich und verschmelze dann wieder mit ihm. Es fühlt sich gut an, wieder eins zu sein. Der ganze Vorgang dauerte meist nur wenige Sekunden. Kann es sein, dass andere Menschen ebenfalls ihre Körper zeitweise oder gar dauerhaft verlassen und komplett ferngesteuert herumlaufen können? Dieser Gedanke kam mir heute, als ich im Vorbeigehen in eure Gesichter blickte. Fremde, leere Gesichter.

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