Die Geschichte vom Frosch

Frosch
… Einige Frösche überlebten ihre Auswanderung aus dem heimischen Tümpel, die sie in einem riskanten Hüpfmanöver über die gefährliche Asphaltstraße geführt hatte, und fanden einen neuen Unterschlupf – doch ihre Heimat Froschland sollten sie nie wiedersehen.

Zwei todesmutige Exemplare waren sich beim gefährlichen Zickzack-Parcours über die Straße begegnet und hatten gleichzeitig den rettenden Grünstreifen auf der anderen Seite der Straße erreicht. Nach einer kurzen Verschnaufpause beschlossen sie, sich gemeinsam auf die Suche nach einem neuen feuchten Zuhause zu begeben.

Die beiden Weggefährten waren ein ungleiches Paar. Der eine Frosch, mit einer hübschen grasgrünen Grundfarbe, war oft pessimistisch eingestellt und erwartete immer nur das Schlechteste. Fortlaufend unkte er, die Nahrung werde knapp, man werde bald kaum noch Insekten finden, denn wann hätte man zuletzt noch so viele fette Grashüpfer fangen können wie früher, in der guten alten Zeit? Ohnehin werde eine große Dürre kommen, und das große Insektensterben werde einsetzen, quakte er weiter. Er habe das schließlich von den am heimatlichen Tümpel vorbeigehenden Menschen gehört, und diese hätten schließlich immer Recht behalten, auch damals, als sie die Ausbaggerung des Mulmgrabens vorausgesagt hatten. Der andere Frosch, ein unauffällig dunkelgrün gefärbtes, schwarz gesprenkeltes Männchen, schwieg zu all den Unkenrufen seines Gefährten. Er fraß lieber noch etwas und blieb wachsam, anstatt sinnlos herumzuquaken. Er schnappte sich alles Fressbare, das er fangen und verschlingen konnte: Heuschrecken, Fliegen, kleine Käfer, Larven und dergleichen. Wenn er satt war, trainierte er zudem seine Sprungmuskeln und bekam innerhalb kurzer Zeit recht muskulöse Schenkel. Eines Tages, als die Luft besonders trocken war, erreichten die beiden Frösche die Wand eines steinernen Gebäudes, in dem ein Kellerfenster einen Spalt breit geöffnet war. Angenehm kühle Luft drang aus dem Inneren, so dass man beschloss, mit einem mutigen Satz ins kühle Dunkel hineinzuhüpfen. Zu ihrer großen Überraschung landeten die beiden Frösche in einem großen Krug voller kühler Milch, den die Bäuerin oder Hausherrin auf dem Kellertisch abgestellt hatte.

Zuerst schien alles perfekt. Frösche lieben Milch, denn sie wirkt auf die empfindliche Froschhaut wie pflegender Balsam. Die beiden Frösche kosteten auch vorsichtig von der Milch. Schmeckte nicht schlecht, und als sie die beiden fetten Stubenfliegen entdeckten, die hilflos in der weißen Flüssigkeit ruderten, genossen sie auch diesen leckeren Snack nach dem anstrengenden Tag. Doch oh, als sie versuchten, wieder aus dem Krug herauszukommen, gelang es ihnen nicht. Der runde Rand des Gefäßes war nach oben gewölbt und viel zu glatt. Er bot nicht die Spur eines Halts oder Absatzes, auf dem selbst das geschickteste Froschbein zum Sprung hätte ansetzen können. So viel sie sich auch abmühten und den Rand mit ihren Froschmäulern sowie Vorderbeinen abtasteten, es schien kein Entkommen zu geben.

Mit der Zeit ermüdeten die beiden Frösche, die mittlerweile um ihr Überleben kämpften. Sie mussten natürlich immer strampeln und in Bewegung bleiben, um sich an der Oberfläche halten zu können. Der hübsche grasgrüne Frosch quakte unablässig in anklagendem Ton, was ihn zusätzliche Kraft kostete. Er hatte im heimischen Tümpel von dort herumlungernden Menschen eine Theorie aufgeschnappt, die für ihn mit der Zeit zu einer fiktiven Idee geworden war, und jammerte: „Quak, quak. Wir sind erledigt, mein Freund. Das ist das Ende. Die Menschen töten uns. Die Bäuerin wird die Milch bald holen, in einen Topf umfüllen und auf den heißen Herd stellen. Die Milch, in der wir schwimmen, wird sie langsam erwärmen. Erst werden wir nichts merken, aber mit der Zeit wird die Milch immer wärmer und wärmer, bis wir bei lebendigem Leibe gekocht werden. Das war immer schon der Plan dieser Bestien, die uns in diese tödliche Falle gelockt haben. Quak, quak …“ Schließlich gab der Frosch seine Gegenwehr auf und hörte auf zu strampeln. Er ertrank in der Milch. Sein verzweifeltes Quaken ging dem anderen Frosch lange nicht aus dem Sinn, doch er hätte ohnehin nichts tun können. Der zweite Frosch wollte ums Verrecken nicht aufgeben. Er war ein zäher Bursche, gut trainiert und wohlgenährt, da er zugunsten zusätzlicher Beute und ausgedehnter Streifzüge stets auf nutzloses Herumquaken und Faulenzen auf Seerosenblättern verzichtet hatte. Dieser Frosch strampelte und ruderte in dem Milchkrug unverdrossen weiter und hörte damit nicht eher auf, bis sich aus der Milch tatsächlich Sahne und schließlich Butter in ausreichend fester Konsistenz gebildet hatte, so dass der Frosch auf dieser Oberfläche noch rechtzeitig vor dem nächsten Morgen heraushüpfen konnte. In den Ecken des kühlen Kellers fand sich ein sicherer Unterschlupf, in dem er sich noch eine Zeitlang ausruhen und stärken konnte. Dieser Frosch lebte dann noch lange glücklich und zufrieden in einem angenehm trüben, ringelnatterfreien Teich direkt neben dem Haus. Oft saß er auch sinnierend vor dem Komposthaufen in der Ecke des Gartens, auf dem sein einstiger Gefährte mitsamt der Butter aus besagtem Krug entsorgt worden war …

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