Die Kunst, Recht zu behalten

Es gab da dieses kleine Manuskript, das sich einst im Nachlass von Arthur Schopenhauer fand: „Die Kunst, Recht zu behalten“.
Kennt Ihr das? Das kam mir neulich mal in den Sinn und in die Hände, als ich meinte, dass einem etliche der von Schopenhauer beschriebenen Kunstgriffe in Foren- und Echtweltdiskussionen immer mal wieder in der einen oder anderen Variante oder Ausprägung begegnen. Sieh mal einer an, dachte ich, als ich da neulich reinschaute – auch damals hat man Diskussionsstrategien durchdacht und rhetorische Kniffe gezielt angewendet. Viele dieser taktischen Kunstgriffe wendet man ja schon instinktiv an bzw. hat man die auch dadurch erlernt, dass man sie an anderen beobachtet und bei Gelegenheit übernommen hat. Wobei ich denke oder glaube, dass man zu Schopenhauers Zeit (und davor) vielleicht sogar noch besser, ich meine gesitteter und respektvoller zu diskutieren wusste als heutzutage. Da ist auch schon wieder dieses Wort: respektvoll. ;-)
Ich fange mal mit dem letzten Kunstgriff an, der wohl heutzutage am häufigsten bemüht wird: „Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob“ (vgl. auch Kunstgriff 8: Den Gegner zum Zorn reizen.) Ist eigentlich eine simple Methode, mit der man aber im Internet wohl recht oft konfrontiert wird. Vielleicht auch wirksam, aber eher so was wie ein letzter Ausweg, um beim Rückzug das Gesicht zu wahren.

Na okay, einfach mal so einige der schopenhauerschen Kunstgriffe quergelesen, ergänzt und angewendet auf die öffentliche Landschaft anno 2017.
Vielleicht der wichtigste Punkt überhaupt (so konkret findet sich das natürlich nicht bei Schopenhauer, ist nur daran angelehnt, klar?):
Man versuche, den Gegner ins moralische Abseits zu stellen. Wenn man merkt, dass man aufgrund schwacher Argumente oder einer nicht zu leugnenden Faktenlage in die Defensive gerät, so versuche man, den Gegner mit einem emotional aufgeladenen Wortschwall (vgl. Kunstgriff 36) in die Ecke des absolut Bösen zu rücken oder mit dem Leibhaftigen schlechthin in Verbindung zu bringen. Man lenke vom eigentlichen Thema ab und unterbreche den Gegner so oft wie möglich, um ihn aus dem Konzept zu bringen (vgl. Kunstgriffe 18, 29).
Man gebe sich selbst als ehrliche Haut und den Gegner (implizit) als Heuchler aus. Man stelle fest, die Lage sei nun einmal so wie sie sei, und man behaupte, der Gegner habe ja schließlich auch keine Lösung parat. Sollte der Gegner hingegen Lösungsvorschläge unterbreiten, behaupte man, die heutige Welt sei viel zu komplex, als dass es noch einfache Lösungen für derart gravierende Probleme gäbe (vgl. Kunstgriff 19). Man verkünde, man sei nicht untätig, aber man wolle die Ursachen an der Wurzel bekämpfen, was Zeit benötige. Man schiebe die Schuld auf mangelnde Kooperation der Partner. Man strebe eine gesamtheitliche Lösung zum Wohle der Menschheit an, der Gegner hingegen wolle nur an die Fleischtöpfe (vgl. argumentum ad hominem – übergreifender Modus der Disputation).
Man zeige wortreich progressiven Tatendrang, aber unterstelle dem Gegner mangelnde Erfahrung und rückwärtsgewandtes Denken. (Mit dem Gegner würde alles nur viel schlimmer werden. Man beschwöre dazu düstere Kapitel der Vergangenheit in den schwärzesten Farben.) Man belege anhand eigens aufbereiteter Statistiken (mit denen man eifrig herumwedele), der Gegner ließe sich von unbegründeten Ängsten und Vorurteilen leiten oder sei ein Opfer fremdgesteuerter Propaganda. Man behaupte, die Aussagen des Gegners zeugten insgesamt von seiner Nähe zu einer menschenverachtenden Ideologie, die ihn als Gesprächspartner vollends disqualifiziere (vgl. z. B. Kunstgriff 16). Sodann werte man sich selbst moralisch auf, indem man behaupte, man schäme sich (für den Gegner oder dafür, dass man irgendeine charakteristische ethnische (oder sonstige) Eigenschaft mit diesem Gegner gemeinsam habe). Es ist dabei auch hilfreich zu betonen, dass man schon lange sehr geduldig mit dem Gegner war, dieser sich jedoch selbst außerhalb der Gemeinschaft stelle. Ist eine solche Ausgrenzung oder Dämonisierung nicht möglich, so unterstelle man zumindest, der Gegner lege es darauf an, Beifall aus der falschen Ecke zu bekommen. Könnte man sicher noch weiterführen, wenn man denn will, insgesamt hatte Schopenhauer da 38 Kunstgriffe beschrieben, aber natürlich hier nicht alles relevant …

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