Dieses Gespräch hat nie stattgefunden

Ein verhärmter Pfandflaschensammler, der seinen mit prallen Beuteln und Taschen beladenen Drahtesel unten am Ufer der Spree vorbeischob und seinen auf den Wegesrand gerichteten Blick zufällig in diesem Moment anhob, erblickte die beiden Männer, die in luftiger Höhe über der Spree am Geländer einer beidseitig verglasten Fußgängerbrücke lehnten, die zwei moderne Zweckbauten im Berliner Regierungsviertel miteinander verband. Die gläserne Fußgängerbrücke, die nur für Bundestagspersonal zugänglich war, verband das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und das Paul-Löbe-Haus in Höhe des sechsten Stocks miteinander. Meist wurde dieser Übergang zwischen den beiden Parlamentsbauten nur als obere Brücke, zuweilen jedoch auch in ironischem Ton als Jakob-Mierscheid-Steg bezeichnet, da irgendwelche Witzbolde das Bauwerk einst nach dem fiktiven SPD-Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid benannt hatten. Den Pfandflaschensammler mit seinem alten Damenfahrrad interessierte all dies freilich nicht. Diese Welt war ihm fremd. Früher einmal, in einem anderen, geordneten Leben, da hätte es ihn vielleicht interessiert. Jetzt bedachte er sie nur mit einem gleichgültigen Blick – diese architektonischen Meisterwerke im Regierungsviertel, hypermoderne sterile Zweckbauten ohne Geschichte, denen angesichts der immer zahlreicher zu Tage tretenden Baumängel keine Zukunft beschieden sein würde. Nach einem verächtlichen Blick auf die dort oben hinter ihrem gläsernen Schutzschild auf ihn heruntergaffenden und vorbeihastenden Männer und Frauen richtete er seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Papierkorb, in dem er als Lohn seiner Mühe darauf hoffen durfte, gelegentlich eine dieser PET-Pfandflaschen zu ergattern, die ihm 25 Cent einbringen und ihn seiner nächsten Mahlzeit ein kleines Stück näherbringen würde.

Edmund Dräcker, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, stützte sich müde mit beiden Unterarmen auf das Geländer und schaute nachdenklich in die Ferne. Er kam gern hierher. Der Blick über die Windungen der Spree und den Berliner Horizont beruhigte ihn und half ihm, seine Gedanken zu ordnen. In Gedanken versunken blickte er auf die dunkle, leicht gekräuselte Wasseroberfläche der träge dahinfließenden Spree. Wie immer war Staatssekretär Dräcker tadellos gekleidet, was ihm ein souveränes Aussehen verlieh, auf das er insgeheim stolz war, wenn er es auch nie zugeben würde. Er trug ein elegantes, anthrazitfarbenes Sakko mit Rückenschlitz und eine dazu passende Bundfaltenhose ohne Umschlag. Ja, er legte Wert auf sein Äußeres, wollte aber keiner dieser eitlen, selbstverliebten Gecken sein, die unter den Hinterbänklern der etablierten Parteien so häufig anzutreffen waren, wie er seiner Frau gegenüber immer wieder spöttisch bemerkte. Für die Passanten da unten sehen wir hinter unserem kugelsicheren Glas aus wie exotische Zierfische in einem Aquarium, dachte er. Fische, die an der Luft nicht überleben würden. Wenn die Leute da draußen über alles Bescheid wüssten, würden sie uns sofort aufhängen, soll Schäuble mal halb im Ernst geäußert haben. Bei Schäuble wusste man natürlich nie, woran man war. An den neben ihm stehenden jüngeren korpulenten Mann gerichtet, murmelte er halblaut: „Tja, Hermann, da kann man nichts machen. Oxi heißt Nai. Macht ist Schwäche. Krieg ist Frieden. Demokratie ist Knechtschaft.“ Sein Gegenüber schmunzelte: „1984?“
Dräcker ließ ein kurzes freudloses Lachen hören. „Ich hatte eher 2015 im Sinn. Orwell war ein Optimist. Heut’ ist die mächtigste Frau der Welt zu schwach, um ihr eigenes Handy zu sichern.“ Unverkennbar schwang Spott in seiner Stimme mit. „Was meint denn Gabriel zu den neuesten Forsa-Zahlen?“
Hermann Wolkenstein, aufstrebender SPD-Abgeordneter und einer der politischen Newcomer in Berlin, dem beste Verbindungen zur Parteispitze nachgesagt wurden, hatte sein Pokerface aufgesetzt – er glaubte zumindest daran, einen derartigen Gesichtsausdruck imitieren zu können. Er war unschlüssig, wie er antworten sollte. Einerseits war er diesem Dräcker etwas schuldig, da jener ihn das ein oder andere Mal mit nützlichen Informationen versorgt und ihm kleinere Gefälligkeiten erwiesen hatte, andererseits konnte sich dieser bestens vernetzte CDU-Mann noch berechtigte Hoffnungen machen, im künftigen Kabinett Merkel in die Ministerriege aufgenommen zu werden, wenn, ja wenn es noch ein neues Kabinett unter einer Bundeskanzlerin dieses Namens geben sollte…

Man munkelte jedenfalls, dass die Kanzlerin angeblich erwog, ihren glücklosen Gesundheitsminister Grötz auszutauschen. Daher musste Wolkenstein trotz seiner Loyalität auf der Hut sein, wenn er Parteiinterna an diesen altgedienten Routinier weitergab; das politische Berlin war bekanntlich eine Schlangengrube, die zum jetzigen Zeitpunkt sogar noch gefährlicher war als früher; und Dräcker war ein alter Fuchs, bei dem man nie wusste, woran man war. Er räusperte sich und wollte zu einer unverfänglichen Antwort ansetzen…
„Schon gut, Hermann. Ist eigentlich auch egal. Wenn kümmert es noch, was Gabriel sagt. Die Umfragedaten hat er statistisch bereinigen und optimieren lassen, schon klar. Machen wir ja auch nicht anders. Die sind faktisch bedeutungslos. Haben diese Umfragen jemals etwas anderes als das von uns Gewünschte ausgesagt?“ Dräcker seufzte leise und löste sich vom Geländer. So war es üblich, schon immer. So funktionierte die parlamentarische Demokratie – und es lief besser als je zuvor, dachte er in einem seltenen Anfall von Sarkasmus. Lüge ist Wahrheit, Billiglohn bringt Aufschwung. Armut bedeutet Wohlstand. Wie war doch gleich der Plural von Oxymoron, fragte er sich zum wiederholten Male. Oxymora? Er seufzte. Das sollte er endlich mal nachschlagen. Er hasste jegliche Unsicherheit.
„Die Kanzlerin überlegt schon, Militär im Inneren einzusetzen. Sie meint, sich so noch etwas Ruhe erkaufen zu können. Aber Ruhe wofür? Um was zu tun? Ich meine, sie könnte gezwungen sein, die Bundeswehr einzusetzen oder das, was von der Bundeswehr momentan noch übrig ist. Die gehen natürlich auch stiften. Desertieren in Massen, die armen Schweine. Niemand hat momentan einen genauen Überblick über einsatzfähige Truppen und Bestände. Und die Amerikaner haben auch mit sich selbst zu tun, wie wir wissen. Nun ja, es kursieren verschiedene Gerüchte. Könnte jedenfalls bald ungemütlich werden.“ Er streckte sich, um seine Muskeln aufzulockern. „Jeder ist sich selbst der Nächste, Hermann. Wir leben in Berlin in unserem eigenen Kosmos, gut versorgt und abgeschirmt vom Rest der Welt. Noch jedenfalls. Griechenland, Türkei, der Krieg mit Russland, die ethnischen Unruhen in Frankreich, ist alles noch weit weg. Können wir nur hoffen… Es tangiert uns nicht oder? Und doch manchmal…“
„Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei. Wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“, zitierte Wolkenstein aus der Erinnerung. Seine Lieblingsverse deklamierte er immer mit eindringlicher, angenehmer Stimme, deren dunkles Timbre ihm bei Parlamentsdiskussionen sicher zum Vorteil gereichte. Dräcker ließ ein kurzes freudloses Lachen hören und nahm den Faden auf: „Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus, und segnet Fried und Friedenszeiten.“
„Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Demokratie ist Knechtschaft“, murmelte Dräcker nach kurzem Schweigen. „Vielleicht sollten wir es beenden? „Walküre zweipunktnull auslösen, verstehst du? Wenigstens ein Zeichen setzen? Versuchen, die Karre aus dem Dreck zu ziehen, solange es noch geht?“ Beide Männer schwiegen. „Ein offener Putsch? Um Himmels Willen! Man würde uns doch gleich danach an die Wand stellen. Merkel kann doch sowieso nichts tun.“ Wolkenstein verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Eben, eben. Man bräuchte halt treue und entschlossene Verbündete. Ach, vergiss es“, wiegelte Dräcker ab. Wolkenstein war ein Feigling, unentschlossen, so wie alle Anderen, die ewigen Zauderer und Weicheier. Selbst dann noch auf ihre Pfründe bedacht, wenn die Welt in Trümmern versinken sollte – von vornherein war es ein Fehler gewesen, mit ihm zu sprechen. Jemanden wie Wolkenstein sollte man besser nicht ins Vertrauen ziehen.
Er warf einen schnellen Blick auf seine Uhr und verzog das Gesicht: „Ich muss los, Hermann. Gleich tagt der Gesundheitsausschuss. Diese neue Epidemie, die Narkolepsiefälle, da hast du sicher schon von gehört? Die weiten sich jedenfalls auch auf Leute aus, die damals nicht gegen die Schweinegrippe geimpft wurden. Niemand kennt bislang die Ursache. Noch etwas rätselhaft, daher soll die Bevölkerung besser nicht beunruhigt werden. Jedenfalls die, die noch nicht anderweitig erkrankt sind. Die haben ja auch andere Sorgen. An deiner Stelle würde ich aber vorerst kein Wasser aus der Leitung trinken. Ihr habt doch noch fließend Wasser in eurer „Gated Community“ im Grunewald? Du, wir sollten uns mal wieder zusammensetzen, bei einem gemütlichen Bierchen vielleicht. Na, gib Bescheid, in welches Ausweichquartier du später umziehst. Oder hast du schon einen sicheren Bunkerplatz im Umland für deine Familie? Falls es hart auf hart kommt? Na egal, man sieht sich. Und grüß deine Frau von mir!“
Edmund F. Dräcker nickte dem befreundeten SPD-Abgeordneten zum Abschied kurz zu, ohne auf eine Antwort zu warten, und bewegte sich ruhigen Schrittes auf den Eingang des Paul-Löbe-Hauses zu. Ein folgsamer Referent und zwei unauffällige Personenschützer erwarteten den Politiker bereits.

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6 Antworten auf Dieses Gespräch hat nie stattgefunden

  1. Dark Lord sagt:

    Ich glaube nicht daran, dass die Aquariums-Insassen jemals auf die Idee kommen, solche Gespräche zu führen. Eher leben sie lieber friedlich in ihrer eigenen Welt. Du hast übrigens noch den Spitznamen für diese Brücke vergessen: irgendwas mit Beamten und rennen ist mir erhalten geblieben ;) Wurde uns zumindest mal als Touristen so verkauft…

    • Max sagt:

      Ja, angeblich nennt man die o.g. Brücke auch “gehobene Beamtenlaufbahn”, was auch schlüssig wäre. ;-)
      Zu ersterem Punkt natürlich Zustimmung. (Nachtrag: Da müsste man als Autor schwer dran arbeiten, um solche Charaktere in dem Szenario glaubwürdig erscheinen zu lassen.) Naja, das ist nur eine Art “Outtake” aus einer (nicht geschriebenen) Dystopie, also ein geringfügig angepasstes Textfragment, das schon seit einiger Zeit auf meiner Festplatte verstaubte. Irgendwann mal angefangen, und dann war nach ein paar Seiten schnell die Luft raus… :-(
      Vorgestern nur zufällig drauf gestoßen, als ich mich durch die Ordner geklickt hatte und dachte, eh, diesen Brack hab ich geschrieben? Bäh, taugt ja echt nur noch fürs Blog. ;-)

  2. Dark Lord sagt:

    So etwas ähnliches hattest du doch auch schon mal mein ich mich zu erinnern?

    • Max sagt:

      Ah stimmt, du meinst “Patient X” – http://citronimus.de/patient-x/
      Das war daran angelehnt, einer der Protagonisten sollte der Gesundheitsminister sein, ein interessanter Charakter, sehr sensibel auch :-)
      Hmm ja, hatte damals überlegt, eine längere Erzählung draus zu stricken, aber wie gesagt: Es machte plopp, und dann war die Luft raus. ;-)

  3. Dark Lord sagt:

    passiert… war aber trotzdem eine gute abgeschlossene Geschichte ;)

    • Maxx sagt:

      Bei dir im Blog hatte mir das Story-Fragment “Schlaflos” übrigens gefallen, fand ich recht gut; hatte ich gestern gelesen. Fast verpasst, ich komme in letzter Zeit leider kaum noch mit dem Lesen mit, auch sonst bei Büchern und so. :-(

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