Ergänzung

Als Kind wohnte ich im Wiesenweg. Der Wiesenweg war tatsächlich eine Straße inmitten von Wiesen. Die dortige Gegend bzw. der betreffende Stadtteil war dünn besiedelt, und es gab unberührte Naturwiesen auf fettem Bördeboden, so weit das Auge reichte. Bis zum Horizont (was wahrscheinlich nicht stimmte und nur meiner kindlich-knirpsigen Wahrnehmung geschuldet war) erstreckte sich das tiefe Grün der saftigen Wiesen, auf denen sich Grashüpfer, Schmetterlinge, Lurche und anderes Getier tummelten. In einem Graben schwammen glückliche Kaulquappen, die zu quakenden Fröschen heranreifen durften, sofern sie nicht gefressen oder gefangen wurden. Später, als die Wiesen verschwanden und grauen Betonblöcken weichen mussten, wurde der Wiesenweg umbenannt. Die Straße bekam den Namen eines örtlichen Heimatkundlers. Zum Glück war der gute Mann extremer politischer Umtriebe unverdächtig, daher trägt die Straße auch heute noch seinen Namen. Jeden Tag mussten wir als brave Schulkinder mit unseren schweren Ranzen etliche Kilometer zur Schule laufen, bei Wind und Wetter. Schmerzhaft schnitten sich die alten Lederriemen nach einiger Zeit in unsere Schultern ein. Später bekamen wir dann unsere Hoverboards; das Schweben machte vieles leichter …
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Die Benennung von Straßen in Deutschland wurde und wird oft für politische Zwecke vereinnahmt. Welchen Persönlichkeiten wird gedacht? Welchen nicht? Warum? Welche Ereignisse werden hervorgehoben, und wie werden sie benannt (Sieg, Befreiung, Revolution, Vereinigung, Anschluss)? Die Benennung ist eine politische Entscheidung. Sie ist ein wirkungsvolles Instrument der Herrschenden zur Begründung und Aufrechterhaltung von persönlichkeitsgestützten Erinnerungskulten/-kulturen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. (Natürlich wird ein oder vielleicht auch der überwiegende Teil der Straßen aus Zweckmäßigkeitsgründen auf traditionelle Weise neutral bzw. generisch benannt, z.B. Kirch-, Haupt-, Dorfstraße usw.)
Ideologisiert man hingegen Straßennamen, wird man entsprechend dem herrschenden Zeitgeist oder der veränderten offiziösen Bewertung bzw. Einstufung der namensgebenden Persönlichkeiten nach bestimmten Zeiträumen Änderungen durchsetzen, d. h. „Anpassungen“ vornehmen. Das Ganze wird dann zum Spielball einiger Historiker und Bewertungsexperten. Gab doch erst vor einiger Zeit hier in Berlin ein Riesentheater, weil wegen der neuen Frauenquote in neuen Straßennamen eine männliche Persönlichkeit abgelehnt wurde; dummerweise war’s da kein alter deutscher weißer Mann, wo’s ja egal ist, sondern es handelte sich bei dem abgelehnten Namensgeber um eine jüdische Persönlichkeit.
Da hat man dann als Kompromiss den Namen der zugeordneten Gattin auch noch aufs Straßenschild gequetscht. Oder angenommen, irgendeine historische Figur fällt rückwirkend in Ungnade, weil irgendne Expertin neuerdings gefährliches, reaktionäres Gedankengut in alten Werken erkennt. Okay, den Leuten kann’s egal sein. Heroisierung und Dämonisierung sind wie zwei Seiten einer patinierten Münze. Derartiger Personenkult wird aber in anderen Ländern eher sparsam praktiziert, wenn überhaupt. In England ist mir das z.B. selten begegnet, und in vielen Ländern ist die Benennung aus praktischen Gründen einfach numerisch oder orientiert sich an althergebrachten Gegebenheiten, etwa Landschaftsmerkmalen, Gebäuden etc. Eine von der „Obrigkeit“ verfügte massenweise Umbenennung von Straßen und Orten hat einen Bruch in der persönlichen Erinnerungskultur der Menschen zur Folge, die aus ihrer persönlichen Geschichte heraus eine eher unpolitische Beziehung zu den Orten und den mit ihnen verknüpften Namen haben. Leicht irritierend wie ein Riss in der Matrix. Es mag auch Entfremdungserscheinungen der alteingesessenen Bevölkerung befördern, wenn mit einem Mal alle Benennungen umgekrempelt werden. Mag auch so gewünscht gewesen sein. Orientierungshilfe oder Spiegel der Zeit? War es bei mir auch so? Hat es mich also gestört? Hmm, eher nicht, mir war das wohl ziemlich egal, wie die Straßen hießen. Das wächst sich auch aus. Man gewöhnt sich an (fast) alles. In Berlin hab ich das damals gerade im Übergang erlebt. Ich hatte Anfang der 90er noch einen Stadtplan mit den alten Namen, die allen auch geläufig waren, kannte aber natürlich auch die neuen Namen, so dass man übergangsweise auch immer mal beide  Namen gebraucht hat, je nachdem. (Aber die Stadt ist jetzt sowieso nicht mehr dieselbe Stadt, also drauf geschissen.)

Nur als Ergänzung zum vorhergehenden Posting und als Replik auf einen diesbezüglichen Kommentar gedacht, der mich per E-Mail erreicht hat (und hier nicht erscheint; trotzdem Danke für die Zuschrift).
PS: Wenn jemand mal seinen Kommentar nicht veröffentlicht sehen möchte, einfach einen kurzen Vermerk drunter schreiben.

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