Erklärungsansatz: Kulturwandel

Woher denn die immer weiter zunehmende Gewalt käme, das solle ich ihm mal erklären, schrieb mal vor Jahren ein Blogger. Man solle ihm aber nicht mit Politik kommen, denn die interessiere ihn nicht …
Nun denn, also ein kulturwissenschaftlicher Erklärungsansatz:
Die jüngsten Ausschreitungen in Dijon und Stuttgart lassen sich auch als Ausdruck eines fortgeschrittenen Kulturwandels interpretieren, der sich seit Jahrzehnten vollzieht. Dieser Kulturwandel wurde schon vor geraumer Zeit als „Prole Drift“ bezeichnet.
Der Grundgedanke dahinter ist, dass sich in früheren Epochen kulturelle Werte und ästhetische Wertvorstellungen in der Gesellschaft von oben nach unten verbreiteten, also von der Aristokratie geprägt, später vom Bürgertum bewahrt und dann auf die unteren Stände oder Schichten der Gesellschaft ausstrahlten und von diesen übernommen wurden. Seit dem 20. Jahrhundert hat sich diese Entwicklung in den westlichen Industrieländern umgekehrt; die schöngeistige, vornehme Kultur wurde nach und nach durch eine vulgäre, körperlich orientierte und tendenziell gewaltverherrlichende Unterschichtskultur ersetzt, die vertikal in die Oberschicht(en) hineinwirkt. Diese destruktiv konnotierte Kultur, die sich an einer medial vermittelten (Möchtegern-)Gangster- und Hollywood-Kultur orientiert und diese nachahmt, gibt sich vulgär, protzig und ist in hohem Maße von körperlicher Gewalt fasziniert.

(Ein anschauliches Beispiel lieferte vor Jahren der legendäre „Kiezklatscher“ des ehemaligen Hamburger Zuhälters Stefan Hentschel, der im Rahmen einer TV-Doku einen störenden Passanten vor laufender Kamera zwischen zwei Sätzen eben kurz mal aus der Hüfte in die Fresse schlug, ohne die andere Hand aus der Tasche zu ziehen oder seinen Redefluss groß zu unterbrechen. Kam so unglaublich cool rüber, dass die Aktion bis heute als kultig gilt und gern von jungen Männern auf den Straßen nachgespielt und nachgeahmt wird.)

Charakteristisch für den Prole Drift ist seine bewusste Abgrenzung von der klassisch geprägten, hochbürgerlichen (auch traditionell deutschen) Kultur, die als spießig und nationalistisch (rechts) verachtet wird.
Mit dem Prole Drift verschwinden im Grunde das Schöne, das vornehme Wesen, das Geistvolle und Hintersinnige aus unserer Welt, wie täglich auf den Straßen, beim Anblick moderner Architektur (Zweckbauten und Mehrzweckhallen), beim Anhören populärer Musik (disharmonischer Sprech- und Stottergesang), beim Anschauen von immer blutrünstigeren Filmszenen (Q. Tarantino et. al.) und ermüdender Talkshows unverkennbar. Räume werden beherrscht vom Gewalttätigen, Lärmenden, Dümmlichen und Protzigen.

„Die neue Zivilisation erfährt sich selbst als rebellisch und andersartig, und dies wird immer dann besonders klar erkennbar, wenn sie auf Reste der agrargesellschaftlichen Hochkultur stößt. Sie möchte explizit krumm sein, schief, falsch, verdreht, also »links«.“, so Rolf Peter Sieferle treffend in “Das Migrationsproblem”.
Es ist der „Beginn eines neuen Zeitalters, in dem alles »umgewertet« wird, was einst gegolten hat.“ Der Polizist ist nun nicht mehr der geachtete Ordnungshüter, geschweige denn Freund und Helfer, sondern der entmenschlichte Feind, den man mit einem Karatetritt niederstreckt, dem man mit Pflastersteinen den Kopf einschlagen möchte. Wie gesagt, die Umwertung alter Werte: Arbeit ist Scheiße. Deutschland ist ein mieses Stück Scheiße. Heimatverbundenheit ist rechtsradikal. Ignoranz ist Stärke. Dummheit ist Kult. Rücksichtslosigkeit verdient Respekt.
Förderlich für diesen Kulturwandel erweist sich, dass die gesellschaftlich bzw. medial vorherrschende linke Ideologie ebenfalls eine Umwälzung mit den Mitteln der Gewalt anstrebt, sofern sie sich gegen den ideologischen Gegner und Klassenfeind richtet, da man der Unterschicht, vormals „Proletariat“, nach marxistisch-leninistischer Lesart revolutionäre Umgestaltungskraft zubilligt. Nun ja, ganz ohne Politik geht’s doch nicht.
Rolf Peter Sieferle kam zu dem Schluss, der Prole Drift sei die „phänomenologische Antizipation des Bürgerkriegs bzw. des »molekularen Kriegs«, von dem Enzensberger gesprochen hat“.
In dieser antizipierten Kultur des tribalen Kriegs, der ja heute schon auf den Schulhöfen ausgetragen wird und sich bald in weitere Siedlungsgebiete ausbreiten wird, kann wieder die Stunde für das »abenteuerliche Herz« schlagen. Für Jugendliche, die das reale Kriegserlebnis vermissen und nach Kompensation suchen, kann in der multikulturellen, multitribalen Gesellschaft ein moral equivalent to war liegen: Ein Ort von Wagnis, Abenteuer und Extremerfahrung, als Alternative zur spießigen Nationalkultur.“
Dijon und Stuttgart bieten somit lediglich einen Vorgeschmack auf kommende Abenteuer und Extremerfahrungen.
(Zitate aus „Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“, Rolf Peter Sieferle)