Facebook

Facebook oder Twitter sehe ich im Grunde auch gar nicht mal wegen der Datensammelwut oder der Machtkonzentration dieser Konzerne so negativ. Jedenfalls nicht in erster Linie. Die sind mir egal. Die dortigen Nutzer auch (sofern sie nicht hier mitlesen ;-) oder mit mir verwandt oder befreundet sind). Meine Kritik ist eher grundsätzlicher Natur. Der Grund, warum ich mich z. B. Facebook immer verweigert habe und auch anderen Vernetzungsportalen misstrauisch gegenüberstehe bzw. die nur wohldosiert nutze, ist, dass eine solche virtuelle, rein aufmerksamkeits- und sympathiegetriebene Rudelbildung immer zu einer Selbstkonditionierung im kollektivistischen Sinne führt. Das macht (auf lange Sicht) unfrei.

Ein beziehungsbasiertes Personen-Netzwerk unter dem Dach eines überwachten Internet-Portals ist eine Gruppe von Beeinflussern mit unterschiedlichem sozialen Ranking (d. h. ein Rudel) – in einem Facebook-Rudel kommt es zur Ausbildung sozialer Gruppenzwänge, denen man sich nicht entziehen kann, will man dazugehören. Man strebt unbewusst nach Konformität. Jedes soziale Wesen passt sich an (oder bringt/zwingt andere Wesen dazu, sich anzupassen). Man prägt den Diskurs oder unterwirft sich dem Diskurs. Ist man Amboss oder Hammer? In Diskussionsgruppen, Internetforen und Netzen sind nie alle Teilnehmer wahrhaft gleichberechtigt. Einzelne Personen, Facebook-Alphas, meinungs- und gesinnungsmäßige Multiplikatoren, die die höchste Glaubwürdigkeit bzw. „Street Credibility“ innehaben und die Knotenpunkte jeder Vernetzung bilden, übernehmen die Wort- und Meinungsführerschaft. Unbotmäßiges Verhalten, was “falsche”, d.h. dem Gruppenkonsens widersprechende Meinungsäußerungen einschließt, wird durch Aufmerksamkeits- und Sympathieentzug bestraft. Niemand kann sich diesen kollektivistischen Zwängen in sozialen Netzwerken ganz entziehen, will er oder sie respektiertes Mitglied seiner Gruppe(n) bleiben.

Der soziale Preis einer erzwungenen Trennung von Facebook  ist der kollektive Aufmerksamkeits- und Liebesentzug – die Höchststrafe für alle Falschmeinenden in einer sanften Erziehungsdiktatur. Man wird aus seinem Rudel ausgestoßen oder im Namen der Obrigkeit auf Facebook gesperrt. Man verliert alle „Likes und Friends“ in der Community, die in Zeiten von Facebook & Co. oft die einzigen sozialen Bindungen darstellen … Diese sozialen Zwänge, denen man qua Gruppenzugehörigkeit unterworfen ist, wirken nur unterschwellig … und führen meist dazu, dass man eben ggf. bestimmte Fragen gar nicht thematisiert, sich der Meinung enthält, schweigt, höchstens mal ein Smiley postet – aber die “Zwänge” sind trotzdem immer da. Das ist die unbequeme Wahrheit – bei Facebook erziehen sich die Nutzer mit der Zeit selbst zu gleichgeschalteten Zellen gehorsamer Duckmäuser … egal wie, das Individuum wird durch das FB-Kollektiv entscheidend geprägt. Wer da ausschert, ist allein oder muss sich ein neues Rudel suchen … daher bleibt man irgendwann, denn was wäre ein Leben ohne Facebook-Friends? …

2 thoughts on “Facebook”

  1. Meine Geschichte: Zur Unterstützung einer von mir präferierten Partei mit möglichen Einträgen, fing ich vor 1 Jahr dort an. Ich hatte mich vorher schon bei diaspora angemeldet (was ich immer noch besser finde) Wie auch immer, ich fing mit ein paar Einträgen an, kapierte aber offenbar nicht, wieso es so gut wie keinen gab der wiedersprach. Dann kam ich dahinter, daß es so was wie öffentliche Chronik bei FB nicht gibt. (Das gibt es bei Diaspora) und dann nach 3 Monaten lies ich meine Kollegen wissen, das FB wohl für Filter-Blase steht. Der ganze Sinn von FB ist einfach dort Zeit zu verbringen und sich gegenseitig zu beweihräuchern. Nur ändert es eben nichts daran, daß es eine große Benutzertruppe hat, aber im Endeffekt sind dann doch die meisten Gruppen relativ klein. Ich denke jeder Hunde/Katzenkanal oder Gruppe hat mehr Leute die da mitmachen als bei irgendeiner politischen Partei.

    Ich bin noch dabei, schreibe auch regelmässig etwas aber wenn es nur um mich ginge wäre mein Account schon gelöscht. Prädikat meinerseits: Nicht empfehlenswert….

    1. Ja, Filterblase ist sicher auch eine passende Zuschreibung für FB ;-) … Es bilden sich ja tatsächlich lauter kleine Filterblasen, was ja auch erstmal ganz im Sinne des Erfinders war oder ist. Aber da besteht die Gefahr, dass man mit der Zeit vielleicht durch gegenseitige Beweihräucherung, wie Sie schreiben, und Selbstbespiegelung auch gewissen Illusionen erliegt – (Klar, für Firmen ist es in erster Linie ein mächtiges Marketing-Instrument. Facebook wird ja in den nächsten Jahren versuchen, die riesige User Base auf vielfältige Weise u. ohne größere pol. Reibungsverluste zu monetarisieren.) …
      Stimmt, über Diaspora habe ich auch schon mal Postings und Links von Ihnen gefunden … (bzw. über Google-Suchanfragen, die dann Diaspora-Treffer anzeigten.) Vorher war mir Diaspora gar nicht bekannt … Ganz interessant, da es ja gerade dem Gedanken der Dezentralisierung Rechnung trägt (im Gegensatz zu den “alten” zentralistischen sozialen Netzwerken) – so gesehen, gar nicht verkehrt.

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