Flut tut nimmer gut

In Deutschland steigen die Wasserpegel.
Wenn man die Bilder sieht, auf denen Anwohner und Helfer mit Sandsäcken gegen die unerbittlich heranströmenden Wassermassen kämpfen und versuchen, sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen, wird man unwillkürlich an die Sintflut erinnert, die in der Mythologie vieler Kulturen als eine schreckliche Flutkatastrophe geschildert wird.

Die Sintflut, die eine Überflutung des gesamten Lebensraums von Mensch und Tier auf der Erde zur Folge gehabt haben soll, symbolisiert eine kollektive Tragödie der Menschheit, die sich tief ins Bewusstsein der Völker eingebrannt hat.

Die Aussicht auf eine solche Flut verheißt daher normalerweise nichts Gutes. Im Bewusstsein der meisten Menschen dürfte der Gedanke an eine drohende Überflutung ihrer Umgebung zu Recht Angst, Furcht und andere negative Assoziationen auslösen.

Niemand möchte sein Hab und Gut in den Wassermassen untergehen sehen oder gar selbst vom reißenden Strom mitgerissen werden…

In der Finanzwirtschaft scheint der Begriff der Flut hingegen positiv besetzt zu sein.

Viele Ökonomen und Banker sehnen sich eine Flut sogar ausdrücklich herbei – eine Geldflut, die sich jedoch im Endeffekt auf den braven Bürger und Sparer ähnlich verheerend auswirken könnte wie die Überschwemmung von Dörfern und Feldern entlang der deutschen Deiche.

Die Flutung der Märkte mit billigen Zentralbankkrediten oder gar der Ankauf von Wertpapieren durch Zentralbanken wird als allseits heilsbringende Maßnahme angepriesen und soll die Weltwirtschaft angeblich wieder auf Wachstumskurs trimmen.

Das Wort Geldflut klingt dabei für sich genommen eigentlich nicht bedrohlich. Ganz im Gegenteil käme mir persönlich eine Flutung meines Kontos mit Liquidität momentan sogar sehr gelegen.

Man könnte vielleicht sogar im Geld schwimmen, wenn Banker die Schleusen ihrer virtuellen Geldspeicher öffnen und eine allgemeine Geldflutung ausrufen würden?

Schließlich würde uns die monetäre Flut wertvolle Geldeinheiten im Überfluss bescheren, mit denen wir kaufen könnten, was das Herz begehrt. Wir wären alle kleine Dagobert Ducks und könnten uns auf den Fluten der Liquidität geruhsam in den Wohlstand treiben lassen.

Leider, leider war es nicht ganz genau das, was Fed-Chef Ben Bernanke, der japanische Regierungschef Shinzo Abe und EZB-Boss Mario Draghi im Sinn hatten, als sie beschlossen, die Märkte mit Geld zu fluten.

Denn selbstverständlich sollten nicht Verbraucher oder Kunden, sondern nur Geschäftsbanken in den Genuss des billigen Geldes kommen, um dann möglichst viele Kredite zu marktgängigen Zinsen an ihre mehr oder weniger kreditwürdige Kundschaft auszureichen, die dann schön strampeln muss, um mit dem geliehenen Geld die Konjunktur anzukurbeln…
So läuft das Spiel. Bankkunden und potenzielle Kreditnehmer sind die durstigen Pferde, die das billige Wasser schlückchenweise aus dem bis zum Rand gefüllten Marktbecken schlabbern sollen, jedoch teuer dafür bezahlen sollen.

Leider scheint der Plan zur Trink- bzw. Kreditstimulierung nicht aufzugehen. Auf gut Deutsch: Der Trog ist zwar voll, aber die Pferde wollen oder können nicht saufen. So kommt die Geldflut bislang nur in den Aktien- und Immobilienmärkten an und bildet in aller Eile deftige Preisblasen bzw. hohe Flutwellen aus, um bei der bekannten Symbolik zu bleiben.

Ein nennenswertes Wirtschaftswachstum findet in der Eurozone nicht statt, eine verstärkte Kreditvergabe durch Geschäftsbanken an Bürger und Verbraucher ist bisher auch nicht zu beobachten.

Trotz der enormen Geldflut sitzen Verbraucher oder Unternehmer also buchstäblich weiterhin auf dem Trockenen.
Zwar hat man die Finanzmärkte mit billigem Geld versorgt, jedoch kommt dies der wertschöpfenden Wirtschaft nicht zugute.

Zudem gibt es unerwünschte Nebeneffekte:
In der Geldflut ertrinken gewissermaßen die Sparer und Inhaber von Kapitallebens- und Rentenversicherungen, die mit unterhalb der Inflationsrate liegenden kümmerlichen Zinssätzen abgespeist werden. Die sinkende Kaufkraft der Sparvermögen kann durch abschmelzende Zinserträge nicht mehr kompensiert werden.

Dazu gesellt sich perspektivisch gesehen die Gefahr eines unkontrollierbaren Inflationsanstiegs, sollte sich die auf einen extremen Pegelstand angewachsene Geldflut ihren Weg in die (reale) Wirtschaft bahnen und dort die Teuerung anheizen. Durch eine so genannte Ketchup-Inflation, bei der lange Zeit auf moderatem Niveau verharrende Teuerungsraten plötzlich überschießen und zu massiver Geldentwertung führen, würden alle Besitzer von Geldvermögen letztlich in den Malstrom der Liquiditätsflut gezogen.

So wie das Hab und Gut der Flussanwohner dem Hochwasser zum Opfer fällt, werden sich Vermögen und Kaufkraft von Sparern bzw. Normalverdienern in der Geldflut in nichts auflösen.

Liegt nicht der eigentliche Sinn und zugleich die Tragik der von Ökonomen und Bankern vollmundig geforderten Geldflut darin, dass sie nur denjenigen nutzt, die selbst an den Kontrollhebeln des Liquiditätsstroms oder möglichst nahe am Wehr sitzen?

Für den einfachen Sparer und normalen Bürger könnte sich die Geldflut hingegen als genauso fatal erweisen wie die diesjährige Hochwasserkatastrophe.

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