Über Fristigkeiten

Kurzfristig kann man schon gut klarkommen bzw. ein krisenhaftes Problem aufschieben, aber langfristig wird das nicht funktionieren. Wie oft habe ich einen ähnlichen Satz schon von Politikern, Bankern oder kritischen Zeitgenossen gehört oder gelesen? Ich selbst habe derartige Sätze wahrscheinlich auch schon unzählige Male geschrieben oder dahingesagt – eine bis zum Erbrechen durchexerzierte Sprachformel, die in Fleisch und Blut übergegangen ist, wie so viele Ausdrücke und Phrasen, die unsere tägliche Sprache durchdrungen, buchstäblich infiziert haben, so dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt.

Abgesehen davon, dass die obige Aussage eine lähmende Wirkung hat, schwingt in dieser Prognose auch die Erwartung mit, man möge zwar Recht behalten, aber die Anderen, also fremde Leute oder nach uns kommende Generationen mögen die Zeche für unser Durchwursteln bezahlen, sofern die Langfristigkeit den eigenen Erlebens- und Erfahrungshorizont übersteigt. Machen wir halt erstmal solange weiter, bis es irgendwann nicht mehr funktioniert. Solange die Musik spielt, muss man tanzen, äußerte einst der Chef der Citigroup. Legendär. Und irgendeine Musik spielt immer. Also tanzt besser, bis euch die Beine abfaulen.
Das wohlige Gruseln einer fernen dystopischen Zukunft – unwirklich, da man sie selbst nicht am eigenen Leibe zu erfahren hofft?
Unser Leben, unsere ganze Existenz ist flüchtig, von Kurzfristigkeit geprägt. Das Hemd ist mir näher als der Rock, sagte man früher. Wir denken bis zum nächsten Monat, wenn Gehalt überwiesen wird, vielleicht auch bis zur nächsten Steuererklärung, bis zum nächsten Jahresurlaub oder zur nächsten Bundestagswahl, von der wir ahnen, dass sie an der als alternativlos postulierten Ausrichtung des politischen Koordinatensystems nichts ändern wird.
Und was heißt schon langfristig? Ein Jahr? Zehn Jahre? Vielleicht 20 Jahre? Niemand denkt in solchen Zeitspannen, denn da wird die Zukunft düster. Die Erinnerung eines Menschen ist so kurz, dass selbst die eigene Biographie im Gedächtnis nach einigen Jahren verblasst. Man wird sich selbst fremd.
Die Erkenntnis, dass wir langfristig alle tot sind, überfällt jeden Menschen irgendwann im Laufe seines Lebens, manche früher, manche später. Daher ist für die meisten Menschen (und für Politiker) eben nichts als das persönliche und familiäre Wohlergehen (und bestenfalls die Weitergabe der eigenen Gene) das Ziel ihres Strebens.
Hunderte Male in den letzten 10 bis 20 Jahren, in privaten Gesprächen oder Diskussionen in Foren hörte oder las ich, kurzfristig könne man diese oder jene Probleme übertünchen oder Krisen verzögern, aber langfristig werde das nicht gutgehen. Währungs-, Banken-, Staatsschulden- oder Flüchtlingskrise – die Politik der rautenförmigen Tatenlosigkeit bzw. des verhängnisvollen Weiter-so sei langfristig zum Scheitern verurteilt. Mit der Zeit scheint dieser Satz eine sedierende Wirkung entwickelt zu haben, wie ein linguistischer Parasit, der sich ins menschliche Gehirn gefressen und es aufgeweicht hat, so dass wir in Schockstarre oder demütiger Zuversicht auf den Zeitpunkt warten, an dem „all das“ nicht mehr funktionieren wird. Der Börsencrash, der Kollaps der Weltmärkte, der Zusammenbruch der westlichen Zivilisation, der nächste Anschlag oder Krieg, die nächste Revolution/Rebellion, die große Pandemie – irgendwann wird das (oder etwas davon) kommen. Und dann? Man wird tun, was man immer tat. Die Überlebenden versuchen, weiter zu überleben und sich zu arrangieren. So wie überall und zu allen Zeiten.
Fazit: Für die Mehrheit ist kurzfristig mehr als ausreichend.
Empfehlung: Immer optimistisch bleiben (so wie der Typ, der aus dem Fenster fiel und nach den ersten Metern sagte: Bisher ist alles gutgegangen).
TV-Tipp: The Walking Dead (RTL2)

2 thoughts on “Über Fristigkeiten”

  1. Oh, da muss ich doch mal wettern:

    Wir Menschen sind klein, nur Affen und bisher nur einen Wimpernschlag in der Geschichte der Erde. Wir sind das Ergebnis, von dem sich die Natur etwas erhofft hatte und nur zu blind, dieses ETWAS zu durchschauen in unserem größenwahnsinnigen Egoismus. Was ist da Geschichte, was ist Zukunft? Wir beide wissen doch, dass wir uns im Kreise drehen, auf der Stelle trampeln, unfähig, weiter zu blicken. Nein, nicht weiter, sondern über den Tellerrand hinaus. Die Visionen der Zukunft verstauben, der Schleier der Zeit legt sich über uns. Umgedrehte Taschen – fliegende Autos.

    Wir sehen nur das Gestern, leben nicht das Heute sondern in einer Zeit, die wir nicht mehr erleben werden und bejubeln das Heute, dem wir zu entfliehen versuchen. Wir schaffen es einfach nicht, den Kreis rund zu zeichnen in der Angst, ständig anzuecken. Wir Menschen stehen auf verlorenem Posten. Amen. Auch falsch, richtig wäre: Sic Est.

    Optimistisch bleiben? Die Scheisse steht uns bis zur Nase und wir sollen fröhlich den Mund aufmachen und singen?

    RTL2???? Oh welch grauenvoller Morgen …

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