Gedanke zur Nacht

Zwischen den Zeilen lesen zu können, ist schon eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit, die nicht nur in repressiven Systemen oder Diktaturen von Vorteil ist. Setzt natürlich immer voraus, dass jemand auch so schreibt, dass man zwischen den Zeilen etwas herauslesen kann. Ich frag mich schon lange, ob das vielleicht ein kulturspezifischer Ost-West-Unterschied ist. Das Lesen (nicht unbedingt das Schreiben) zwischen den Zeilen hat mich immer fasziniert, es hat auch immer etwas Vertrautes – man liest dadurch langsamer, aufmerksamer und pflegt (normalerweise) auch einen anderen, sanfteren Kommunikationsstil. Gut, durch das Internet leidet die Kommunikationskultur wieder, die mit den Jahren auch bei mir deutlich rüder und viel oberflächlicher geworden ist.
Ich lese ja oft (oder besser manchmal) Texte, bei denen mir die Hintergründigkeit sofort auffällt. Da ist mir dann in Gesprächen oder auch Netzforen aufgefallen, dass gar nicht jeder gleichermaßen dafür sensibilisiert ist bzw. nicht jeder versteckte Andeutungen oder Auslassungen oder etwa Sarkasmus wahrnimmt oder versteht. Oder glasklare Fakes, satirische Übertreibungen, klischeehafte Überspitzungen. Ich frag mich jedenfalls, ob das nicht vielleicht (auch) daran liegt, dass ich noch im anderen Deutschland aufgewachsen bin und da sozialisiert wurde, zur Schule gegangen bin und so weiter und so fort. Damals hat man oft Kritik nicht offen geäußert oder geschrieben, sondern nur angedeutet, verschlüsselt oder leichte Anspielungen gemacht, z.B. politischer Art, über die Partei- und Staatsführung und so weiter. Oder man hat eine positive Aussage extra übertrieben und damit das Gegenteil gemeint. Oder man hat etwas feinen Spott reingepackt. Na ja, mein Vater konnte das auch gut, fällt mir ein. Das musste auch nicht unbedingt knallharte Systemkritik sein. War einfach ein reizvolles Ausdrucksmittel. Vielleicht ist mir daher dieser Stil eher noch vertraut, weil Schriftsteller, Künstler und Filmemacher oder auch Leute, eben Kumpels, die man aber nicht so gut kannte, manchmal versucht haben, ihre Botschaften eher verschlüsselt zu vermitteln, d.h. so geschrieben haben, dass man etwas hineininterpretieren konnte, was nicht direkt gesagt werden konnte. Ich weiß nicht, ob das ohne Beispiele jetzt jeder versteht. Okay, das ist schon lange her, aber irgendwie merk ich in einem solchen Fall sofort, wer aus dem Osten oder Westen kommt, wobei ich das sonst nie thematisieren würde, weil’s mir im Übrigen auch in den 90ern schon egal war. Ist mir nur jetzt aufgefallen. Jetzt scheint es teilweise auch wieder so zu sein. Ich meine, dass man in einem vergifteten gesellschaftlichen Klima wieder zu diesem bewährten Mittel greift, in dieses Kommunikationsmuster verfällt – obwohl es natürlich auch ein smartes künstlerisches Ausdrucksmittel ist; regt zum Nachdenken an, hat etwas Rätselhaftes – und vielleicht erkennt auch nicht jeder Leser, dem ein Text gefällt, was man sagen will, d.h. was das Gemeinte ist – das wäre der Idealfall … Ach, das war nur so ein Gedanke. Recht passend dazu schrieb übrigens Michael Klonovsky: Zustimmung beruht meistens auf Missverständnissen und ist vernachlässigbar …

Spätere Ergänzung (vom Tag darauf): Zynismus war übrigens auch in den späten 80ern in der DDR sehr verbreitet, besonders unter Studenten der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Es gab ja auch damals durchaus leise kritische Stimmen unter den führenden Gesellschaftswissenschaftlern, auch in diesen Kreisen (z. B. Jürgen Kuczynski, den kennt vielleicht der eine oder andere noch), die systemische Fehler und Widersprüche (auch antagonistischer Art) erkannt haben, aber letztlich wurde immer gekuscht. Bis es zu spät war, oder bis die Zeit reif war, je nach Sichtweise. So wie heute eben auch. Konformistischer Zynismus, der als Ausgleich für einen suizidalen Zeitgeist dient. Vielleicht auch eine Parallele, die ich jedenfalls für erwähnenswert hielt.

Vorerst letzte Anmerkung hierzu: Ich erinnerte mich auch noch daran, dass man früher auch von einer eigenständigen Nationalkultur der DDR sprach. Zumindest gab es Leute – ich weiß aber nicht mehr, ob das jetzt Staatsdoktrin war (wenn, dann sicher nicht von Beginn an) oder im damaligen Kulturministerium ausgeheckt wurde – die jedenfalls in den 80er Jahren diese Ansicht vertreten haben, dass hier eine eigenständige (ostdeutsche, natürlich sozialistische) Nationalkultur entstanden ist (oder auch geschaffen werden sollte?). 100%ig überzeugend fand ich das eigentlich nie, obschon es schon viele eigenständige Elemente (Literatur, Sprache, Malerei, Musik) gab, bei denen man eine Abgrenzung oder Unterscheidung hätte vornehmen können. Ob man das in den Untertönen, in der Kommunikation oder eben zwischen den Zeilen noch spürt … Ich meine nur unterschiedliche oder eigenständige kulturelle Aspekte. Natürlich aus heutiger Sicht verständlich, warum man das vielleicht postulierte oder wollte, aber ebenso verständlich, warum davon nichts übrig geblieben sein dürfte.

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