Blogs

Ich schnüffele in letzter Zeit oft in fremden privaten Blogs. Schnüffeln ist natürlich nicht der richtige Ausdruck. Schnüffeln geht gar nicht! Ich fange besser nochmal neu an: Manchmal, meist abends, durchstöbere ich den gesamten Blogindex. Ich fange im alphanumerischen Verzeichnis immer ganz hinten an und arbeite mich nach vorn durch. Ohnehin schon stark frequentierte und kommerzielle Blogs (z. B. Produkttestblogs o. ä.) lasse ich links liegen. Nur mauerblümchenartig im Schatten gedeihende private Blogs von echten Menschen mit eigenen Gedanken sind für mich dann interessant. Da bleiben gar nicht so viele übrig, wie man denken mag. Ich komme aber meist eh nicht bis zum Anfang der Liste.

Hier bei Bloggerei.de sind übrigens noch keine Blogs gelistet, die mit der Zahl 9 oder 6 beginnen. Irgendwie erstaunlich oder? Mit diesen Anfangsziffern im Blognamen hätte man somit ein Alleinstellungsmerkmal, das zumindest bei Lesern wie mir für eine gewisse Neugier und Aufmerksamkeit sorgen würde.

Freie Blogs sind oft eine erfrischende Lektüre. Sie geben mir Einblicke in die Gedankenwelt völlig fremder Menschen, die man auf anderem Wege nicht erhalten hätte. Ist klar, dass nicht überall weltbewegende Fragen oder mich interessierende Themen behandelt werden. Das ist auch nicht der Punkt. Denn selbst wenn meine Reaktionen von völliger Ablehnung über Gleichgültigkeit, Unverständnis bis hin zur uneingeschränkten Zustimmung oder (selten) gar einem Gefühl der Seelenverwandtschaft reichen, also das gesamte emotionale Spektrum umfassen, sehe ich hinter jedem Blog einen Menschen, der der Welt etwas sagen möchte, der sich traut, der Welt seine Gedanken zu offenbaren, ein denkendes aktives Wesen.

Selbst wenn Blogs von vielen belächelt werden und nur eine Nische der modernen Medienwelt besetzen können, da sie kommerzielle Medien, professionell recherchierte Beiträge und Agenturmeldungen nie ablösen werden, bleiben sie, insbesondere die einflussreicheren und allseits bekannten Politik- und Wirtschaftsblogs, die teils auf beeindruckende Leserzahlen verweisen können, ein nicht zu unterschätzender Faktor für die öffentliche Meinungsbildung. Unabhängige Blogs verändern stückchenweise nicht nur die althergebrachte, traditionell staatsnahe Medienlandschaft, sondern auch den Rezipienten (bei diesem Wort muss ich übrigens immer an Udo Lindenberg denken) dieser „alten“ Medien. Wird nicht durch die innerliche Auseinandersetzung mit kontroversen Blog-Postings, die freie Meinungen transportieren, auch ein allmählicher Bewusstseinswandel eingeleitet? Ja, irgendwie bin ich schon davon überzeugt, dass man als mündiger Blogleser die offiziösen Medien und deren Verlautbarungen mit der Zeit kritischer wahrnimmt, je mehr man sich in Blogs, Internetforen und Kommentarspalten tummelt und die gelesenen Inhalte reflektiert. Bewusst kritisch aufnehmen und differenziert reflektieren, meine ich.

Ich sollte noch hinzufügen, dass ich den Begriff des Blogs sehr weit fasse. Auch Mikroblogs, Tweets, Postings in Internetforen und Kommentarspalten von Online-Medienportalen, in denen sich jeder Beitrag einem Nutzer zuordnen lässt, gelten nach meinem Verständnis als kleine Blogs: kurzum jeder von Nutzern auffindbare virtuelle Ort im Web, d. h. im öffentlich sichtbaren Internet, wo Meinungen geäußert, gespeichert und dauerhaft (bzw. für längere Zeit) zum Abruf bereitgehalten werden.

Natürlich haben mittlerweile auch die Online-Ableger der Tageszeitungen und Magazine diesen Trend zur freien Meinungsäußerung in der Blogosphäre erkannt und Blogger oder Lohnschreiber verpflichtet, deren gebrandete Blogs an die Webpräsenz des Mutterportals angeflanscht wurden. Entbehrt übrigens auch nicht einer gewissen Komik, wenn in einem Twitterfenster der Zeitungsportale einschlägige Tweets der Redaktion durchs Bild rollen, in denen originellerweise auf die Artikel der eigenen Postille verwiesen wird. Wenigstens wirkt es sehr dynamisch. Egal. Blogs und soziale Netzwerke dienen verständlicherweise den Medienkonzernen (wie auch anderen Unternehmen) als wirkungsvolles Marketing-Werkzeug. Klar, wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Trotzdem wird es nie wieder so sein wie früher in der spießigen alten Zeit, als Meinungen von Redakteuren bzw. Kolumnisten der einflussreichen überregionalen Blätter oder irgendwelcher Tagesschau-Kommentatoren einfach geschluckt wurden und fast schon als sakrosankt galten. Heute wird im Netz gegebenenfalls jede Aussage eines Politikers oder Regierungssprechers in Frage gestellt, jede DPA- oder Reuters-Meldung in Zweifel gezogen, auf ihre Plausibilität oder Glaubwürdigkeit abgeklopft, seziert oder widerlegt. Und schon mancher unbedarfte Politiker oder Promi hat sich bei Twitter oder FB mit dümmlichen Sprüchen als Vollpfosten geoutet. Die Webgemeinde ist eben ein unbestechlicher Ermittler und gnadenloser Richter. Allerorten wird (im Web) argumentiert, polemisiert, widersprochen, gemutmaßt und diskutiert, Menschen vernetzen sich. Neue Initiativen, neue Allianzen entstehen vielleicht unmerklich. Mir scheint, irgendwie ist das auch gut so. Es geht nur langsam voran, aber es bewegt sich was (tendiere wieder zu einem optimistischen Szenario).
Die Leser-Revolution, der stille Aufstand der mündigen Bürger, im letzten Jahr von Gabor Steingart (Handelsblatt) als „Ende des Frontalunterrichts“ beschworen, wird – dazu genügt schon ein Blick in die moderierten Kommentarspalten der Online-Presseportale – täglich neu angefacht. Aber enden Revolutionen eigentlich nicht immer grausam und blutig?

13 thoughts on “Blogs”

  1. Wie ich selbst schon dargelegt hatte, ich betrachte es noch mit einem “NJein”. Wir Blogger sind zu wenige, um etwas bewegen zu können. Und wir lesen im Grunde selbst die Blogs, die sich kritisch damit auseinander setzen. So kommen unsere Hit-Zahlen Zustande, allein wir beide ergänzen uns als gegenseitige Leser und Kommentatoren – auch und gerade deswegen, weil wir in vielerlei Hinsicht gleich ticken. So versuche ich zwischendurch trotz alledem immer noch mein favorisierten Themen einzuarbeiten oder wenn die Zeit fehlt, mit anderer Leute Meinung, die konform meiner ist, zu “hausieren”. Aber, auch wenn ich nur 2 Leute am Tag zum Nachdenken bewegt habe, dann bin ich schon glücklich damit.

    1. Ja, eine gute Ergänzung. Ich vergaß, deinen Beitrag zu verlinken, der mich eigentlich erst dazu angeregt hat, mir mal wieder eingehender darüber Gedanken zu machen, warum ich (noch) schreibe (Medien, Blogs, Meinungen). Bei mir (bzw. meiner Motivation zum Lesen und Schreiben) steht wahrscheinlich auch eher der (manchmal unbezwingbare) Drang zum Schreiben, die Liebe zu pfiffig/raffiniert geschriebenen Texten (deren Verfasser nicht unbedingt meiner Meinung entsprechen müssen) im Vordergrund. Viele Gedanken kann man besser strukturieren, wenn man sie mal schriftlich fixiert. Es freut mich aber, wenn man im Netz auf Leute stößt, die ähnlich zu denken bzw. zu ticken scheinen.
      Ja, gegensätzlich eingestellte oder gar gleichgültige Menschen von etwas überzeugen zu wollen, ist die hohe Kunst der Argumentation. In der Regel lesen die ja bei uns auch nicht. :-) Dann steht vor der Umsetzung in die Praxis, in konkrete Verhaltsänderungen bzw. Handlungen in der realen Welt immer noch eine hohe Schranke. Habe bewusst etwas übertrieben mit der “Revolution”. ;-). Glaub nicht, dass das mit den normalen 08/15-Blogs gelingen kann. Da fehlt dann wieder die Interaktion, der Diskurs. Aber es tut auf jeden Fall gut, gelesen zu werden, Ideen aufzunehmen oder Anregungen liefern zu können…
      Diese Meinungsvielfalt, die Möglichkeit, Meinungen, Standpunkte und Gedanken in aller Ausführlichkeit zu formulieren und unzensiert unmoderiert kund zu tun, das möchte ich nicht missen – es ist ein echtes Plus.

    1. Das stimmt, gerade diese Produktblogs nehmen m. E. immer mehr zu. Der Sinn davon erschliesst sich mir bis heute nicht. Warum soll Ich kostenlose Werbung für Firmen machen die sowieso Milliarden verdienen?

      Grüße aus Dresden

      Philipp

      1. Ja, ich denke mal, es geht vielen Betreibern der Seiten gar nicht mal so sehr um die Inhalte, sondern um den (werberelevanten) Traffic auf der Seite (für den Seiten- oder Blogbetreiber). Man kann ja mit relativ generischen Inhalten (Produkttests, -berichte) auch recht viele Klicks und Seitenaufrufe bekommen. Wirst dann halt über Google verschlagwortet und angeklickt… Kann mich auch erinnern, dass ich mal um eine Verlinkung gebeten wurde und erst gar nicht kapiert hatte, dass das Linkziel eine Content-Farm war, also eine Site, wo nur generische Inhalte drin waren, d.h. völlig sterile Beiträge, banale Infos und allgemeine Weisheiten, nicht falsch, aber extra geschrieben und zusammenkopiert, um Besucher auf diese Seite zu bringen… Völlig sinnlos.
        Grüße aus Berlin! Wie läufts denn in Dresden?

    1. Läuft es bei diesen reinen Produkttests so, dass die Firmen den (oft weiblichen) Bloggern kostenlos irgendwelches Zeugs zusenden und die sich im Gegenzug verpflichten, (unentgeltlich) darüber zu bloggen?
      Wenn ich so auf manche Blogs stoße, ist es für mich oft gar nicht ersichtlich, ob die Mädels jetzt über gesponserte Lippenstifte oder Kosmetika bloggen oder ob sie eben einfach als Hobby zufällig über ihre Lieblingsmarke schreiben… Hmm, müsste doch dann eigentlich gekennzeichnet sein oder?

  2. “Selbst wenn Blogs von vielen belächelt werden und nur eine Nische der modernen Medienwelt besetzen können, da sie kommerzielle Medien, professionell recherchierte Beiträge und Agenturmeldungen nie ablösen werden, bleiben sie, insbesondere die einflussreicheren und allseits bekannten Politik- und Wirtschaftsblogs, die teils auf beeindruckende Leserzahlen verweisen können, ein nicht zu unterschätzender Faktor für die öffentliche Meinungsbildung. Unabhängige Blogs verändern stückchenweise nicht nur die althergebrachte, traditionell staatsnahe Medienlandschaft, sondern auch den Rezipienten (bei diesem Wort muss ich übrigens immer an Udo Lindenberg denken) dieser „alten“ Medien.”

    Ich kann nur hoffen, Sie haben damit recht – ansonsten sieht/sähe es noch schlimmer aus. Stellen Sie sich heute vor Sie hätten “nur” unsere Zeitungen – ein Albtraum.

    1. @FDominicus: Allein mit Zeitungen wär man vollends verloren.
      Anm.: Ich komme leider seit einiger Zeit gar nicht in Ihre Kommentarspalten oder Unterseiten Ihres Blogs rein; Mozilla Firefox meckert dann immer wegen eines ungültigen Sicherheitszertifikats.
      “Meldungstext: Diese Verbindung ist nicht sicher. Der Inhaber von http://www.q-software-solutions.de hat die Website nicht richtig konfiguriert. Firefox hat keine Verbindung mit dieser Website aufgebaut, um Ihre Informationen vor Diebstahl zu schützen.”

      :-( Ist schade, weil ich bei Ihnen oft gern mitlese.

      1. Können Sie mit einer Sicherheitsausnahme aufnehmen, dann kommen Sie auch rein. Ich habe halt nur ein selbst signiertes Zertifikat. Wichtig ist doch nur, daß nicht jeder mitlesen kann. Und dafür reicht ein selbst signiertes Zertifikat locker aus.

        1. Alles klar, danke, mach ich! War mir nur nicht 100%ig klar, ob Sie da bewusst, also speziell ein eigenes Zertifikat eingesetzt hatten. Also nicht gehackt, klar. ;-)

  3. Für Nachrichten genügt mir mittlerweile ein schlanker Live-Stream (irgendein Nachrichtensender), ansonsten brauch ich auch keine Zeitungen mehr. Wenn was Wichtiges passiert, bekomm ich es schon irgendwie mit.

    Die Zeitungen, die das Mainstream-Spektrum abbilden, bieten m. E. eine manipulative Mischung von ohnehin schon vorselektierten Fakten, oberlehrerhaften Wertungen und subjektiven, betonkopfharten Meinungen, oft sogar böswillig verzerrt, an der bzw. an meiner Realität vorbei, na ja – Meinungen als Nachrichten getarnt – daher so überflüssig wie ein Kropf, die zu lesen… Ich lehne immer schon dankend ab, wenn mir jemand mal ein Freiexemplar von Zeit, Spiegel oder Berliner Zeitung schenken will. Danke nein, schade um die Zeit, schade ums Papier … Komisch, früher so bis 2004 hab ich die schon ab und zu gelesen.
    Hat sich irgendwie verändert. Wahrscheinlich denken die Zeitungsleute, sie hätten irgendwie noch Autorität und einen politischen Erziehungsauftrag, wie früher? Nur kauft das denen heutzutage halt niemand (bzw. kaum jemand) noch ab … Wirken einfach wie aus der Zeit gefallen …
    Gibt aber auch abseits der Blogverzeichnisse immer bessere Blogs, in die ich ab und zu gern reinschaue. Leute, die gut schreiben können, Leute, bei denen man sich teilweise auch wiederfindet …. Da stößt man allerdings auch nur mal durch Zufall drauf, wenn die jemand mal irgendwo verlinkt, wo man liest.
    In die Blogverzeichnisse schau ich ehrlich gesagt aber auch gar nicht mehr rein. Bin auch bei allen (außer Bloggerei.de) ausgelistet oder abgemeldet, soweit das ging. Blogverzeichnisse nützen meist nur den Verzeichnisbetreibern selbst, vielleicht generieren sie noch ein paar Backlinks aber sonst? Kann mir kaum vorstellen, dass Leser über diese Bloglisten auf ein Blog stoßen, ja? Alles was zählt, sind Google-Treffer, Links, Verweise, Empfehlungen, Multiplikatoren etc.

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