Gefallene Engel

Ich fühle mich momentan etwas desorientiert und antriebslos. Lust- und richtungslos irre ich in meinem kleinen geistigen Universum herum. Ich vermute, es liegt vielleicht nicht am Wetter, sondern am Zusammenbruch der letzten moralischen Instanzen der Bundesrepublik: ADAC und Stiftung Warentest, Vereine, die mir seit eh und je wie feste, unerschütterliche Burgen erschienen, untrennbare Bestandteile der deutschen Verbraucher- und Autofahrerfolklore, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren oder zumindest teilweise eingebüßt. Der gelbe Engel ist abgestürzt. Ist es das, was mir den Schlaf raubt? Spielt deshalb mein moralischer Kompass verrückt? Spüre ich unterschwellig, wie mir meine moralische Orientierung abhanden gekommen ist, die ich bislang von meinem Pannenhilfeverein bekam? Meine innere Kompassnadel schlägt zuweilen urplötzlich stark nach rechts oder links aus, um sich dann wieder ziellos auf einen mittleren Wertebereich einzupendeln. Welche Werte gelten denn noch, auf wessen Urteil kann man noch vertrauen, wenn schon bei der Umfrage zum Auto des Jahres Teilnehmerzahlen vom größten deutschen Autofahrerverband schamlos gefälscht werden? Wer sagt mir, was das beliebteste Auto der Deutschen oder die beste Autobahnraststätte ist? Oder nehmen wir die Stiftung Warentest nach dem Rittersportdebakel: Welchen Toaster soll ich kaufen, welche Riesterrente abschließen? Fragen, die ab jetzt nicht mehr glaubwürdig beantwortet werden können, obgleich sie für uns von essentieller Bedeutung sind. Oh, vielleicht bin ich sensibler, als ich dachte. Ja, wenn ich recht drüber nachdenke, muss dies wohl der Grund für meine labile geistige Verfassung sein.
Denn wie jeder ordentliche Bürger und Verbraucher verließ ich mich früher stets vertrauensvoll auf die Testergebnisse von ADAC und Stiftung Warentest. Wie konnte dies auch anders sein, schließlich besaßen selbige Organisationen höchste Glaubwürdigkeit in Michelland. Niemals hätte ich deren Urteil in Zweifel gezogen oder auch nur im Traum daran gedacht, sie könnten eigene finanzielle Interessen oder gar Gewinnerzielungsabsichten verfolgen. Wäre ja lachhaft, dachte ich damals. Die tun das alles nur für uns, ihre Mitglieder. Jeden Monat studierte ich gründlich die ADAC Motorwelt und las mit inbrünstiger Begeisterung alle Inserate für Treppenlifte, Haarwuchsmittel und Kreuzfahrten, unterbrochen von kurzen informativen Beiträgen und kundigen Leserbriefen von Pensionären und Rentnern. Wie viele deutsche Opelfahrer liebte ich es auch, meinen Wackeldackel in der Heckablage nicken zu sehen, und achtete stets darauf, für den Notfall eine frische und vor allem trockene Klopapierrolle im Auto zu haben. Eine gelbe Warnweste durfte ebenfalls nicht fehlen. In Verbindung mit dem ADAC-Mitgliedsausweis glaubte ich, für alle Unbill des Lebens gut gerüstet zu sein. Ich war einer von ihnen, von 18 Mio. Mitgliedern. Ich gehörte zu den Guten, denn 18 Millionen können nicht irren. Mein Weltbild hat nun schweren Schaden genommen. Wie soll ich denen jemals wieder vertrauen? Die haben mir meinen gelben Engel kaputt gemacht.
In meiner internen Liste der größten Kränkungen der Menschheit, die kürzlich bereits von Sascha Lobo erweitert wurde, rangiert der Kasus „gelber Engel“ an Position 5. Jedenfalls vorerst. Bin ja Optimist, aber wer weiß, was noch kommt…

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