Genuss ohne Reue

Nein, Prokon-Genussrechte besitze ich nicht. Obwohl das Wort „Genussrecht“ im Grunde ja einen sehr verführerischen Klang hat. Es hört sich irgendwie lecker an und erzeugt im Gehirn eine positive Assoziation. Man hat das Recht zu genießen, sich an Gewinnen zu delektieren. Wer könnte da widerstehen? Ich bin zwar kein Kostverächter, hätte aber derlei Genussscheine trotzdem nie gekauft, egal wie viele Prozente man mir versprochen hätte. Kapital einsammelnden Unternehmen, die recht aufdringlich mit unrealistisch hohen Renditen werben und mich unaufgefordert mehrmals im Jahr mit Postwurfsendungen belästigen, traue ich prinzipiell nicht über den Weg.

Der Zusammenbruch von Schneeballsystemen ist häufig mit schmerzhaften Verlusten auf Seiten gutgläubiger Anleger verbunden, die im Vertrauen auf die Seriosität von Unternehmensvertretern, die Glaubwürdigkeit hoher Gewinnversprechen, Empfehlungen oder aus anderen Gründen zuletzt eingestiegen oder nicht rechtzeitig ausgestiegen sind. Da in Schneeballsystemen Forderungen der Altanleger mit den Einlagen neu geworbener bzw. geköderter Anleger bedient werden, ist irgendwann Schicht im Schacht. Selbstredend erspare ich mir jegliche Äußerungen von Schadenfreude oder gar oberlehrerhaftes Gerede wie „Gier frisst Hirn“ oder „selbst Schuld, wer sich nicht informiert“. Schließlich weiß man nie, ob derlei Vorwürfe gerechtfertigt wären. Da gäbe es beispielsweise die oft zitierte Omi, die die Spargroschen von ihrem lächerlich niedrig verzinsten Sparbuch in Genussrechte umgeschichtet hat, weil ein Enkel oder Verwandter ihr hierzu geraten hat. Völlig uneigennützig natürlich: „Omi, du musst doch mit der Zeit gehen und die Rendite aufpeppen. Von den Zinsen kaufste dir nen neuen Fernseher. Ich wünsch mir übrigens nen Mopped.“ Könnte aber auch anders gewesen sein.
Auf die allgemeinen Risiken von Kapitalanlagen will ich auch gar nicht hinaus.

Wer bis zu dieser Stelle gelesen hat, ist zu Recht etwas ungehalten und fragt sich möglicherweise, wann ich denn zum Punkt komme. Butter bei die Fische! Solch ein Blog, ein „Notizblog“ gewissermaßen, verleitet ja immer auch etwas zum Schwafeln, wobei die Gefahr besteht, dass man seine Leser mittendrin verliert. Ja, sie gehen verloren, weil sie nicht mehr folgen können oder wollen, weil sie eine gute Pointe vermissen oder vielleicht denken, diese Texte seien alle ziemlich sinnfrei, und überhaupt sei ich doch ein ziemlicher Idiot, was offensichtlich sei. Ein Klick, und weg ist der erboste Leser. Manchmal kommen sie wieder, oder andere kommen, aber wer weiß das schon. „Leser“ ist vielleicht auch ein falscher Begriff. Besucher oder „Follower“ gefällt mir auch gut. Vielleicht hätte man Mitläufer früher als „Followers“ bezeichnen sollen. Hört sich einfach besser an: „Ich war ja nur ein kleiner Follower.“ Die Sprache bricht sich wie ein Lichtstrahl im Prisma der Zeit. Aber bevor ich weiter abschweife…
Ich wollte nur einen kurzen Gedanken skizzieren, bevor ich ihn wieder vergesse.

Der Niedergang etlicher Ökounternehmen, beispielhaft habe ich mal die drohende Planinsolvenz des mutmaßlich nicht ganz so seriösen Windparkbetreibers Prokon herausgegriffen – kündet dies nicht auch vom Scheitern der grünen Ideologie, die von vielen auch als Ökoreligion bezeichnet wird?

Ohne EEG und die absurde Überförderung erneuerbarer Energien auf Kosten der Stromverbraucher hätte es z. B. kein Geschäftsmodell Prokon gegeben. Hätten 75.000 Privatanleger einem „gewöhnlichen“ Unternehmen selbst angesichts des derzeitigen Niedrig- oder Nullzinsumfeldes auch nachrangige Anleihen mit einem hohen 8 %igen Kupon abgekauft? Gerade der unerschütterliche Glaube an die segensreiche Wirkung des Windes für eine regenerative Energieversorgung, wobei deren wirtschaftliche Sinnhaftigkeit in den Hintergrund rückt, hat möglicherweise einen beträchtlichen Teil der Anleger erst dazu bewogen, in Scharen in dieses Modell zu investieren, denn Hand aufs Herz (das Herz ist links): Gutes Geld mit Windrädern verdienen und dabei ein reines Gewissen haben, wer möchte das nicht? Ethisch korrekt, denn es werden ja keine Näherinnen in Bangladesh ausgebeutet. Dass die deutschen Stromverbraucher, die armen Schweine, die fetten Renditen über ihre Stromrechnung bezahlen müssen, tut jetzt nichts zur Sache. Mal davon abgesehen, dass weitere Neuanleger gebraucht würden, da mit einer geschätzt 3 %igen Ertragsrate aus dem Windparkgeschäft die 8 %igen Ausschüttungen auf die Genussscheine schwerlich erwirtschaftet werden könnten. Entscheidendes Kriterium ist: Es scheint unter moralischem Gesichtspunkt löblich zu sein, an der Energiewende (ergo der Rettung der Welt) zu verdienen (und die weniger begüterten Nichtanleger per Ablasshandel dafür bezahlen zu lassen). Ideologische Beeinflussung (Umerziehung) plus „Grünifizierung“ des gesamten Landes führt so zu einer Teilung der Bevölkerung in Gewinner und Verlierer der Energiewende.

Ideologie ist der größte Feind der Vernunft. Der größte Feind einer Ideologie ist die Realität. Die unerbittliche Realität, in der sich triviale ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht ausblenden lassen, wirkt wie ein reinigendes Gewitter. Denn Gewinne müssen real erwirtschaftet oder von Kunden zwangsweise bezahlt werden. Die Energiepreise explodieren dank zunehmender Subventionitis und Umverteilungslogik. Immer mehr Bürger können ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen oder müssen sich einschränken. Der Binnenkonsum leidet. Die Energiewende ist gequirlter Murks. Ändern wird sich trotzdem nichts, zumindest nicht zum Besseren. Es verhält sich dabei vielleicht ähnlich wie bei einem tiefreligiösen, unerschütterlichen Glauben. Einen Gläubigen oder ideologisch Verblendeten wird man wohl mit Sachargumenten nie vom Gegenteil überzeugen können.

Die grünen Garden sind jedenfalls von der Richtigkeit und Allgemeingültigkeit ihrer Ideologie überzeugt. Obwohl die Grünen die Wahlverlierer schlechthin waren, haben SPD und CDU deren Positionen, die als modern gelten und in weiten Kreisen des Bildungsbürgertums (noch) akzeptiert sind, in opportunistischer Manier übernommen. Zweifel sind nicht vorgesehen. Wenn es in die Hose geht, liegt es an der Umsetzung oder Verteilung der Kosten, die zu optimieren wären. Außer leeren Floskeln, z. B. man müsse die Menschen „mitnehmen“ oder Strom müsse „bezahlbar bleiben“, wird man nichts erwarten können. Grundlegende Geburtsfehler, wie fehlende technische Realisierbarkeit leistungsfähiger Stromspeicher, fehlende Grundlastfähigkeit, Fehlanreize oder die CO2-Chimäre, werden nicht thematisiert, denn am Zukunftsprojekt Energiewende zu zweifeln, wäre Blasphemie.

Bei der als alternativlos bezeichneten Eurorettung ist es übrigens ähnlich, denn sie wird mittlerweile ebenfalls ideologisch verkleistert. Die Geschichte des ehemals real existierenden Sozialismus lehrt uns allerdings auch bzw. sollte uns lehren, dass ein System, das sich einer (totalitären) Ideologie unterordnet, bei der wirtschaftliche Realitäten und Marktgesetze ignoriert werden, letztlich dem Untergang geweiht ist. Aber zum Glück trifft das ja auf unsere Gesellschaftsordnung, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, nicht zu.

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