Alles Troll oder was?

„Liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie Trolle? Trolle sind Unholde, die Böses im Schilde führen und sich in Diskussionen auf provozierende oder beleidigende Äußerungen beschränken…
Sie wollen doch kein (männlicher oder weiblicher) Troll sein oder? Denn Trolle brauchen wir hier nicht. Also bleiben Sie ruhig, und überlegen Sie zunächst, ob Ihr Kommentar sinnvoll ist. Fassen Sie sich kurz, und schreiben Sie Ihren konstruktiven (positiven) Kommentar am besten gleich unter Ihrem Klarnamen, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben…“

Ein in diesem Duktus abgefasstes zwölfzeiliges Pamphlet, garniert mit einem lustigen Bildchen begrüßt jeden Leser und potenziellen Verfasser von Kommentaren in der Online-Ausgabe einer renommierten Wirtschaftszeitung.

Beim Durchlesen der meisten Kommentare, die oft von einer Handvoll unverzagter wütender Kämpen stammt, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass ungeachtet dieser verzweifelten Antitrollkampagne die Dichte selbiger Unholde dort nicht geringer ist als anderswo, wo man vor dem frechen Leserpöbel bereits kapituliert hat…

Also ein netter Versuch, aber Ziel verfehlt.

In den Kommentarspalten einschlägiger Zeitungen versammelt sich – genau wie im „Real Life“, also in der Offline-Welt vor der Trinkhalle oder am Stehimbiss täglich um halb 12 – auch in Internetforen und in Kommentarbereichen die immer gleiche Schar der üblichen Verdächtigen, Verbitterten und Internetsüchtigen…

Denn wie nicht anders zu erwarten, lassen sich waschechte Trolle kaum von drohend oder anbiedernd klingenden Ernsthaftigkeitsappellen der Online-Redakteursgilde abschrecken. So banal es auch klingen mag – viele Trolle ahnen gar nicht, dass sie Trolle sind oder für solche gehalten werden.

Ernsthaft an einer kritischen Diskussion interessierte Kommentatoren fühlen sich hingegen von Trollwarnungen eher abgeschreckt und enthalten sich tendenziell eher einer Diskussion. Niemand will im Begrüßungstext lesen, dass die Redakteure zahlreiche Leser ihrer Publikation als Trolle ansehen… Der Leser denkt daraufhin vielleicht: Könnte mein kurzes und knappes, aber sehr polemisches Posting nicht auch als Trollversuch empfunden werden? Oder wird mein Beitrag hier in diesen trollfreundlichen Umfeld überhaupt gelesen? Also lässt man das Kommentieren gleich bleiben…

In anderen Online-Zeitungen werden Kommentare hingegen heftigst zensiert, oder renitente Schreiberlinge mit bestimmten E-Mail-Adressen werden mutmaßlich auf eine interne Sperrliste gesetzt.

Ein Negativbeispiel hierfür ist nach meiner bescheidenen Erfahrung ein Blatt aus dem Hause Springer, Welt Online, das Leserkommentare für den gelegentlichen Betrachter oft nach undurchschaubaren, möglicherweise subjektiven Kriterien von Moderatoren sperren lässt.

Man hat jedoch den Eindruck, dass häufig dümmliche, provokante oder in eine der Redaktion genehme politische Zielrichtung weisende Postings veröffentlicht werden, während gegenteilige und/oder hochgradig polemische Meinungen mittlerweile zuverlässig im elektronischen Nirwana verschwinden. Ich persönlich habe es daher längst aufgegeben, Mainstream-Artikel kommentieren zu wollen…

Wenn man sich umschaut, scheinen ja Trollhorden das Web förmlich zu überschwemmen. In inflationär zunehmender Anzahl werden Tag für Tag in Online-Foren Trollalarme ausgerufen. Ja, ist denn der Kampf gegen die trollige Flut schon verloren, fragen sich nun besorgte Meinungsmacher und Inhaltsverwalter?

Oder sollte nicht jeder von uns in sich gehen und sich selbst kritisch fragen, ob nicht auch in ihm ein kleiner Troll steckt?

Ein maßgebliches Problem ist, dass sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes „Troll“ im Kontext der Netzkultur gewandelt hat.

Als typischer Troll gilt heutzutage meist jemand, der missliebige kritische bzw. als störend empfundene oder der Mehrheitsmeinung eines Diskussionsforums zuwider laufende Beiträge verfasst, die die Diskussion ausbremsen oder harsche Reaktionen der alten Hasen provozieren.

Neue und unerfahrene Foren-User, die naive oder mittels Selbstrecherche leicht zu beantwortende Fragen stellen, geraten ebenso schnell unter Trollverdacht.

Der gute alte Troll, der in der nordischen Mythologie noch als ein rätselhaftes Wesen galt, das gute oder böse Eigenschaften verkörpern konnte und Zauberkräfte besaß, ist in der modernen digitalen Gesellschaft mit einer eindeutig negativen Bedeutung belegt und zum verschwommenen Feindbild von Moderatoren, Redakteuren und Lesern von Online-Medien verkommen.

Der Begriff ist jedoch interessanterweise nicht von dämonischen Zauberwesen, sondern vom englischen Verb „to troll“ abgeleitet. Trolling ist eine Angeltechnik, bei der man einen Köder hinter einem Boot herzieht, um auf derlei bequeme Weise Fische zu fangen.

Der Troll bezeichnete also ursprünglich im Usenet einen Diskussionsteilnehmer, der geschickt Köder in Form von provokanten Beiträgen auslegte, um Widerspruch zu provozieren und andere Forenteilnehmer gezielt in langwierige oder störende Diskussionen zu verstricken und so die Forenkultur zu untergraben…

Also eigentlich eine sehr raffinierte Strategie, derer sich gerade zahlreiche Online-Medien bedienen. Werden nicht auch auf Online-Plattformen und in renommierten Online-Zeitungen gezielt kontroverse Beträge von umstrittenen Autoren veröffentlicht, mit denen lediglich das Ziel verfolgt wird, starke Reaktionen in den Reihen ihrer gutgläubigen Leserschaft hervorzurufen?

Sitzen daher viele der echten Trolle gar in den warmen Redaktionsstuben und lachen sich ins Fäustchen, wenn die kommentierende Leserschaft brav über das dahingehaltene Stöckchen springt?

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