Human Branding (2)

Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es denn wäre, in einer Überflussgesellschaft wie der heutigen zu leben. Meine Sicht war damals eher konsumentenseitig orientiert, so wie es naturgemäß bei den meisten Leuten ist. Man schaut sich die Reklame an, blättert in hochglänzenden Werbeprospekten, blickt in strahlend hell erleuchtete Schaufenster und zum Bersten gefüllte Supermärkte oder Kaufhäuser und wähnt sich im Schlaraffenland.

Ich konnte mir als Dreikäsehoch schwerlich vorstellen, dass in einer Überflussgesellschaft stets auch ein gewisser, in der Höhe schwankender Überschuss an unverkauften Waren, überflüssigen Anbietern, ungenutzten Arbeitskräften herrscht, herrschen muss. Im Vergleich zu einer zentral gelenkten Mangelwirtschaft aus Sicht des solventen Konsumenten sicherlich ein kleines Paradies, aber die andere Seite der Medaille, die eher unerquicklich ist, zeigt sich, wenn man selbst gezwungen ist, seine Ware Arbeitskraft bzw. sich selbst als jederzeit austauschbare menschliche Ressource auf einem der gesättigten Märkte billigst anzubieten.

Gut, in der heimeligen guten alten Zeit organisierte man sich in Gewerkschaften oder engagierte sich vielleicht sogar in Parteien, Bürgerinitiativen und versuchte, seine Interessen, von denen man wusste, dass sie mit denen der Mitmenschen oder Kollegen anderer Firmen und Betriebe deckungsgleich sind, zu bündeln und durchzusetzen bzw. sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Ab und zu schrieb der eine oder andere Bürger vielleicht sogar einen Leserbrief an (s)einen Abgeordneten oder die Lokalzeitung, um Dampf abzulassen bzw. seinen Unmut in geziemender Weise kund zu tun.

Aber diese Zeiten sind ein für allemal vorbei. Die Lokalpresse hat zwar noch ihre Berechtigung, aber die Auflagenzahlen der meisten überregionalen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine befinden sich aus unterschiedlichen Gründen im freien Fall. Unter den „normalen“ Leuten, die ich kenne, ist kaum noch jemand, der Zeitungen kauft. Die meisten unserer Politiker werden wohl zu Recht verachtet, denn ihre Parteien sind allein am Machterhalt interessiert. Wenn an der Macht, regieren sie am Volk vorbei. Vom Volk spricht ohnehin niemand mehr; ersatzweise hat sich die neutrale merkelsche Sprachregelung „Menschen in Deutschland“ bzw. „die Menschen da draußen“ eingebürgert.

Halten wir fest: Die Globalisierung hat gesiegt, der Euro ist gescheitert, und die Wallstreet/Öllobby regiert die Welt. Dazu kommt der heraufbeschworene Konflikt mit Russland; eine Neuauflage des Kalten Krieges droht (stark vereinfacht). Möchte jemand widersprechen? Nein? Na gut, dann weiter im Text. Der Organisationsgrad der Gewerkschaften sinkt stetig. Immer weniger Leute arbeiten in tarifgebundenen Unternehmen. Es boomen vor allem atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitarbeit, Praktika, Minijobs und prekäre Selbständigkeiten. Zu befürchten ist, dass die Unwucht in der Eurozone selbige über kurz oder lang zerreißen und auch Deutschland mit in den Abgrund ziehen wird.

Die Arbeitswelt ist heute viel stärker fragmentiert als früher, sie ist in viele kleine Nischen und Refugien aufgespalten, in denen jeder versucht, sich noch irgendwie durchzuschlagen. Je fragmentierter die Arbeitswelt, desto undurchschaubarer und unterschiedlicher sind aber die Interessen der Arbeitnehmer bzw. Marktakteure, und desto schwieriger ist es auch, sich in der modernen Arbeitswelt zu behaupten.

Verständlicherweise ist nun niemand mehr da, der die wirtschaftlichen Interessen der Masse des arbeitenden Volkes insgesamt vertritt. Auffällig ist auch, dass immer mehr Verteilungskämpfe künstlich geschürt werden und in Schärfe und Dauer zunehmen. Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft wächst der aufzuteilende Kuchen nicht mehr, sondern schrumpft tendenziell, so dass man die Größe eines Kuchenstückes nur auf Kosten anderer Anteile erhöhen kann. Als Ablenkung bietet sich die Strategie des Teilens und Herrschens an: Ein Regime hetzt die Menschen gegeneinander auf und verhindert so eine gemeinsame Identitätsbildung und Lösungssuche: Alt gegen jung, Rentner gegen Pensionäre, rechts gegen links, Kassen- gegen Privatpatienten, Deutsche gegen Ausländer, reich gegen arm, Steuerzahler gegen Hartzer – so werden immer neue Fronten gezogen. Fast jeden Tag wird in den Mainstream-Medien ein neues Fass aufgemacht oder eine Sau durchs Dorf getrieben. Empört Euch, schreibt Euch den Ärger im Internet von der Seele, oder macht Euch lustig – auch gut, das wirkt als Ventil und hilft, den Frust zu ertragen. Hauptsache, alles bleibt alles beim Alten. Nur einflussreiche Lobbys, staatsnahe Akteure und kleine, schlagkräftige Spartengewerkschaften können ihre Ziele noch weitgehend ungehindert durchsetzen.
Was tun, wenn man nicht diesen vorgenannten Gruppen angehört oder kein Beamter ist? Klar kann man resignieren, sich einfach hängen lassen, Dienst nach Vorschrift oder gar nichts tun, aber wer will das im Grunde seines Herzens schon, wenn man noch bei Kräften ist? Niemand, wage ich zu behaupten. Jeder möchte etwas Sinnvolles tun, das Gefühl haben, gebraucht zu sein; man will sich mit Anderen messen, sich dem fairen Wettbewerb stellen und letztlich für seine Leistung anerkannt werden.

Der Erfolg von Gewerkschaften und Betriebsräten basierte auf der Bündelung und Vertretung vieler gleichartiger Arbeitnehmerinteressen. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung einerseits und der Individualisierung andererseits, d. h. der Vereinzelung wirtschaftlicher Existenzen und an den Rand gedrängter Schicksale von Arbeitnehmern, können derartige Ständevertretungen aus einem vergangenen Industriezeitalter den Interessen des Einzelnen nicht mehr in ausreichendem Maße gerecht werden, sofern man nicht das Glück hat, in einem der wenigen verbliebenen florierenden Industriezweige, z. B. Autoindustrie, Maschinenbau, in Deutschland tätig zu sein oder einem privilegierten Berufsstand anzugehören.

Wie komme ich aber zurecht, wenn ich beispielsweise in einer nicht tarifgebundenen Firma, im Dienstleistungssektor arbeite oder als vogelfreier Freiberufler bzw. Selbständiger täglich ums Überleben kämpfen muss? Ist es ausreichend, ordentliche Arbeit abzuliefern, hervorragende Leistungen zu erbringen? Eben nicht. Folgendes Problem: Wer nur seine weitgehend normierte Ware Arbeitskraft anbietet, unterscheidet sich nicht von tausenden und abertausenden anderen Leuten, die die gleichartige Ware Arbeitskraft unter gleichen Bedingungen anbieten. Die Auswahl richtet sich dann allein nach dem Kriterium Preis oder Lohnkosten. Die Spirale dreht sich nach unten… Im Individualzeitalter muss man aber für Kunden, Auftragnehmer oder Arbeitgeber klar erkennbar, eindeutig identifizierbar, unverwechselbar sein, um sich von der Masse abzuheben.

Im Zeitalter des Internet rückt die Konkurrenz eng zusammen. Globaler Anbieter- und Preisvergleich oder weltweite Aussschreibung – kostet im besten Falle alles nur noch einen simplen Mausklick. Früher hieß Geschäftsanbahnung, dass man einem Laden, Geschäft oder einem bekannten vertrauenswürdigen Geschäftsmann einen Besuch abstattete, zum Telefonhörer griff, ein Anbieterverzeichnis etwa die Gelben Seiten konsultierte oder sich bei Freunden umhörte. Diese einst lokalen und regionalen, vertrauensbasierten Prozesse sind heutzutage weitgehend anonymisiert und werden mittels Mausklick abgewickelt, was zu Vertrauensverlust und Egalisierung der Kunden-Anbieter-Beziehungen führt.

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