Human Branding (3)

Wer sich nur über seine Leistungen definiert, bleibt – solange ein Überschuss an derartigen Leistungserbringern herrscht – eine anonyme, gesichtslose Ressource, die problemlos ausgetauscht werden kann, wenn sie z. B. zu teuer wird oder unbequeme Forderungen stellt.
Dabei ist erst einmal unerheblich, wie gut bzw. qualitativ hochwertig diese Leistungen sein mögen. Entscheidend ist der Aspekt, dass der betreffende Erbringer bzw. Anbieter der Leistungen nie unentbehrlich ist und keine unverwechselbare Identität oder einmalige Kompetenz einbringt, die gerade ihn für diesen Job bzw. Auftrag qualifiziert. Dem potenziellen Abnehmer bzw. Käufer der Leistung müsste daher folgende Einsicht vermittelt oder bewusst werden: Es ist nicht (in erster Linie) die Leistung oder der Preis, sondern die Person (besser: die von dieser Person entkoppelte (gleichsam markenbildende) Gruppe ihrer Eigenschaften), auf die es hier ankommt. Dies kann geschehen, indem man sich schrittweise eine menschliche Markenidentität zulegt und sich über diese „Eigenmarke“ präsentiert.

Jeder kennt diese Tipps: Erstklassige Leistungen im Job, freundliches Auftreten gegenüber Kunden, dem Chef in den Allerwertesten kriechen und hilfreiche Beziehungsnetzwerke knüpfen. Ist zwar schon die halbe Miete, reicht aber nicht aus.
Der Schlüssel zum Erfolg besteht meines Erachtens darin, nicht in der Masse unterzutauchen, sondern aus der Masse hervorzustechen, sich von einer gesichtslosen, austauschbaren Fachkraft in eine unverwechselbare menschliche Marke mit erstklassigen Fähigkeiten zu verwandeln – und dies auf eine natürliche Weise, ohne sich zum Kriecher oder Schleimer zu degradieren, ohne lächerlich zu wirken. Gar nicht so einfach oder?
Eine Möglichkeit, um sich heutzutage von der Masse abzuheben, ist die Entwicklung einer persönlichen Markenidentität. Nachvollziehbar? Ich hatte mir für diesen Prozess tatsächlich den Begriff „Human Branding“ ausgedacht, bis ich bei einer Anfrage an Kamerad Google sah, dass dieser Begriff tatsächlich schon geprägt wurde. Branding bedeutet Markentechnik bzw. Markenentwicklung.
Die Idee ist also doch nicht so bahnbrechend, wie ich ursprünglich dachte. Bestätigt leider wieder einmal meine nicht vorurteilsfreie Ansicht, dass wahrscheinlich jeder mehr oder minder originelle Gedanke irgendwann schon einmal gedacht und zuweilen auch fixiert wurde.

Wenn man also den Markengedanken konsequent weiterführt, könnte man sich unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft die Frage stellen, ob man den Markenbegriff nicht noch weiter fassen kann. Warum sollten sich nur Promis und Schauspieler als Marke begreifen?
Kann nicht jeder von uns, der als unabhängiger Unternehmer oder auch als Arbeitnehmer am Markt teilnimmt, auch aus sich selbst heraus eine eigene Marke entwickeln und diese symbolisieren? Jeder Mensch stellt doch eine andere, jeweils unverwechselbare Kombination verschiedener ihn prägender Eigenschaften dar. Genau wie eine Marke ist auch der Mensch eine soziale und kulturelle Komposition – sinngemäß schrieb dies einst Hans Domizlaff, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die Markentechnik begründete. Jeder von uns hat also auch einen Markenkern, den man nur freilegen, sichtbar machen und dezent vermitteln muss. Ist es nicht unklug, diesen potenziellen persönlichen Markenwert brach liegen zu lassen?
Jeder von uns kann sich demzufolge als Marke verstehen, um nicht als gesichtsloses Individuum in der anonymen Masse derer unterzugehen, die im Grunde mit ihm auf dem Markt konkurrieren.
Wir leben in einer Zeit der Ökonomisierung des Privaten; die Kommerzialisierung hält Einzug in fast alle Lebensbereiche. Wenn man diese Entwicklung nicht aufhalten kann – und ich denke nicht, dass man das kann – muss sich der Einzelne irgendwie mit ihr arrangieren.
Es reicht eben heutzutage nicht aus, nur hervorragende Arbeit zu leisten, gute Konditionen zu bieten oder geringe Gehaltsforderungen zu stellen. Nein, ich denke, es ist sogar kontraproduktiv, nur auf das eigene Leistungsvermögen oder die eigene Konformität zu verweisen.
Das Individuum, die Person, die man einstellt oder beauftragt, macht den Unterschied – nicht die Leistung, denn die können andere ebenfalls in hinreichender Qualität zu gleichen (oder sogar besseren) Bedingungen (z.B. in einem Billiglohnland) erbringen. Denn du als Leistungserbringer bist facettenreich, unverwechselbar in deinem Eigenschaftsprofil und authentisch! Dies gilt es herauszuarbeiten, zusammenzufassen und zu einem Markenkern weiterzuentwickeln. Du erhebst dich aus der Masse (wie „Phönix aus der Asche“ hätte ich fast geschrieben) und wirst selbst zu einer einprägsamen Marke bzw. zum Abbild der menschlichen Marke, die der Kunde/Arbeitgeber im Bedarfsfall kaufen oder beauftragen wird.
Hört sich doch schlüssig an oder? Wobei es sicherlich nicht einfach umzusetzen ist, wenn man es nicht ohnehin schon intuitiv erfasst und berücksichtigt.
Es ergäben sich aus dieser Erkenntnis natürlich auch diverse praktische Implikationen, Tipps und Hinweise dahingehend, wie man eine persönliche Markenidentität bilden kann. Vieles ist aber wiederum branchen- und berufsabhängig, so dass die Gefahr besteht, dass man zu sehr abstrahiert und verallgemeinert oder eben zu sehr in kleine Details abdriftet. Interessiert jetzt bestimmt auch keinen weiter, daher breche ich erstmal ab.
Meine eigene Perspektive ist ja die eines (kleinen) Freiberuflers bzw. Selbständigen. Es gibt bestimmt auch entsprechende Ratgeber oder Sachbücher im Marketing-Bereich zu dieser Thematik, könnte ich mir vorstellen. Na ja, soweit meine Gedanken dazu. Hab es in drei Teile gesplittet, damit die Lektüre nicht zu ermüdend ist, gesetzt den Fall, dass es jemand liest natürlich – dann müsste man also mit dem ersten Teil beginnen, hmm, wobei es ziemlich sinnlos ist, dies an das Ende des letzten Beitrags zu schreiben. Es sei denn, es gibt Leute, die immer von hinten nach vorn lesen, was ziemlich unwahrscheinlich sein dürfte ;-)

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