Im Kreise dreht es sich…

Ein Blog darf nie statisch sein, denn Stillstand bedeutet Vergessen und schleichenden Untergang. So lautet zumindest die gängige Lehrmeinung der SEO- und Blog-Experten. Ohne neue Inhalte würden die Bots der Suchmaschinen und Blogging-Plattformen irgendwann vergessen, dass es mich gibt und fortan um diese markierte Stelle in der Matrix einen großen Bogen schlagen. Mit jedem neuen Beitrag wird es nun etwas „voller“ auf dem Server. Der Speicherbedarf steigt. Das ist alles.
Aber halt! Noch nicht aufhören zu lesen…

„Die Weltformel ist ein Zirkelschluß, wir kreisen ewig in einer Schleife.“
Wolfgang Herrndorf (1965–2013) in seinem Blog „
Arbeit und Struktur

Auch mein Blog gibt mir Struktur, und er illustriert eine persönliche Lebensphase. Jeder Beitragszähler markiert zugleich auch einen bestimmten Punkt auf meiner persönlichen Zeitleiste. Alte Beiträge rücken automatisch nach unten und sind irgendwann im Archiv des betreffenden Monats verschwunden. Ich vergesse sie irgendwann, wie manche Erlebnisse. Das ist gut so.

Im Laufe eines Menschenlebens, das bekanntlich mal kürzer oder auch mal länger sein kann, verändert sich das mikro- und makrogesellschaftliche Umfeld für jeden Menschen, der sich, abgesehen vom stetigen Spiel der jeweils vorherrschenden ökonomischen und politischen Kräfte, den Launen des Schicksals bzw. des mehr oder minder göttlichen Zufalls ausgesetzt sieht.

Wir sind wie jene Plastiktüten vom Obststand im Supermarkt, die so dünn sind, dass sie schon beim Abreißen von der Rolle und mühsamen Auffummeln als unangenehm empfunden und nach dem Kauf als nutz- und wertlos fallengelassen werden, von denen manche im Spiel der Windböen scheinbar ein Eigenleben entwickeln (Erinnerung an Szene in „American Beauty“) und die doch nur rein zufällig hierhin und mal dorthin geblasen werden. Ihr Schicksal ist schon bei ihrer Schöpfung besiegelt – so wie ihre Nutzlebensdauer absehbar in irgendeiner Hausecke endet, in der sie sich irgendwann verfangen, unter meterdickem Abfall der Mülldeponie begraben oder in einem Verbrennungsofen zwecks physikalisch korrekter Endlösung in Heizenergie umgewandelt.

Das erwähnte ökonomische und politische Umfeld eines Menschen begründet nur beiläufige Nebenbedingungen eines eigentlich neutralen Träger- bzw. Lebensmediums, in dem sich menschliche Individuen wie Bakterien in einer Nährlösung bewegen. Gesellschaftsordnungen, etwa Demokratie oder Diktatur? Kampf der Religionen und Zivilisationen? Alles nur Hintergrundrauschen im endlosen Auf und Ab auf einem Planeten denkender Affen mit Taschenrechnern.
Über Generationen hinweg gesehen ergaben sich, zumindest für die westliche Welt, Zeiten des beschwerlichen Aufbaus, Zeiten des relativen Wohlstands, gefolgt von langen Zeiten des Niedergangs oder unerwarteter Ereignisse wie Kriege, Naturkatastrophen oder Seuchen.

Es sei dahingestellt, ob wir uns einer Niedergangsphase nähern oder der Verfall bereits begonnen hat. Der Zyklus wiederholt sich jedenfalls wie endloses Gebrabbel in immer wieder veränderten Stimmlagen. Aufschwung und Niedergang, Glück und Unglück, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Moral oder Unmoral, Zufriedenheit und Unzufriedenheit, Krieg und Frieden. Es gibt kein Gleichgewicht der Werte, sondern eher ein definitorisches, Werturteile bestimmendes Pendel, das seit Menschengedenken unablässig zwischen zwei gegensätzlichen Anschlagpunkten, den Kategorien Gut und Böse, dahinschwingt.

Die konfliktbeladene Relativität moralischer Kategorien ist täglich spürbar. Die Frage, was gerecht oder ungerecht, gut oder böse ist, bleibt eine Frage des Standpunkts und der Meinungshoheit der jeweiligen Interessengruppen und herrschenden Cliquen.

Längst sind wir angekommen im Zeitalter einer neuen Immoralität jenseits von Gut und Böse, ähnlich wie Nietzsche es 1886 in seiner Vision einer neuen Zukunftsphilosophie beschrieb. Bestehende moralische Normen werden kreativ verändert und überwunden, auch wenn wir dies noch nicht wahrhaben wollen, allein der Wille zur Macht zählt letztlich im Daseinskampf. Moralische Kategorien werden zu beliebig dehn- und verformbaren Mitteln, die zur Dressur der Unteren dienen. Die Oberen dieser Welt haben dies bereits verinnerlicht.

Derweil rückt das Zahnrad der Zeit langsam aber unaufhaltsam weiter, um auf jeder kleinen Zahnradstellung kurz einzurasten, wie um die Endgültigkeit einer kleinen, jedoch nicht rückgängig machbaren Bewegung und der Drehrichtung zu symbolisieren. Das Zahnrad der Zeit ist antriebs- und abtriebsseitig mit anderen Rädchen im Getriebe des Universums verzahnt, wodurch sich das wahrgenommene Tempo zeitlicher Abläufe wie eine Unter- oder Übersetzung bei einem schaltbaren Stufengetriebe steuern lässt. So ergibt sich im Bewusstsein vieler Menschen der Eindruck eines zuweilen zäheren oder schnelleren Zeitflusses.

Einen großen Steuermann, der die Schalthebel des universalen Zeitengetriebes fest in der Hand hält, gibt es freilich nicht. Das Getriebe wird nicht durch einen Motor, sondern durch die Kraft des eigenen Abtriebs gespeist. Ein wahres Perpetuum mobile wäre somit unser Zeitengetriebe. Eine diesen Mechanismus beschreibende Theorie, die Theorie von Allem, müsste von einer derartigen Komplexität sein, dass sie sich – wie die Detailaufnahme eines unentwirrbaren Knäuels aus hoffnungslos ineinander verknoteten Fäden – für das menschliche Bewusstsein in ein unverständliches Nichts, ohne Anfang und Ende, auflösen würde.

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