Ist Russophobie heilbar?

DSCN3215_kompr„Ist Russophobie eigentlich heilbar?“ Die Frage kam unerwartet und traf mich wie ein Pfeil, der aus der Dunkelheit aus kürzester Entfernung auf jemanden abgeschossen wird.
Ich erstarrte mitten in der Bewegung, in der einen Hand eine Grillzange, in der anderen eine halbvolle Flasche Oettinger, mit der ich gerade die vor sich hin brutzelnden Würste bespritzt hatte. Selbstverständlich erst, nachdem ich mich mit einem kräftigen Schluck von der Qualität des preiswerten Hopfengebräus überzeugt hatte, das im Kaufland gerade für 32 Cent pro Flasche im Angebot gewesen war. Es zischte immer so angenehm, wenn das Bier mit Fett vermischt auf die von einer dünnen Ascheschicht bedeckte heiße Holzkohle tropfte. Es sollte ein gemütlicher Grillabend mit einigen wenigen guten Freunden und einigen Nachbarn werden, wobei letztere in erster Linie aus taktischen Gründen eingeladen worden waren.
Der etwas wacklige Grill hatte seine Betriebstemperatur schließlich doch erreicht, die Holzkohle glühte nur noch an einigen Stellen schwach, die Eberswalder Würste und die marinierten Fleischstücke begannen, einen fast perfekten goldbraunen Farbton anzunehmen. Ein würziger Duft von leckerer Grillbratwurst lag in der Luft. Im Hintergrund dudelte gedämpfte Synthipop-Musik, ein alter Song von Depeche Mode, übertönt durch das beruhigende Gebrabbel aus höflichem Smalltalk und dem Stimmenwirrwarr durcheinander redender Personen, das einem stets auf Partys oder Familienfeiern entgegenschlägt und dessen Lautstärke sich mit steigendem Alkoholpegel allmählich hochschaukelt. Es war aber noch früh am Abend, an einem dieser letzten spätsommerlichen Wochenenden, an denen man mit allen Zellen seines Körpers spürt, dass der kühle Herbst bevorsteht und diese seltsame Melancholie nach dir zu greifen droht. In der Ferne hörte man die Straßenbahn über die schadhaften Gleise rumpeln. Man möchte diesen Sommer festhalten, nur noch ein paar warme Tage erleben, bevor man in den Herbstblues eintaucht.

„Sag doch mal. Der Russenhass, die Furcht vorm Russen, ist es nicht so wie bei der Angst vor Spinnen, Arachnophobie oder so ähnlich. Ist das heilbar?“ Natürlich erkannte ich die Stimme, ohne mich umdrehen zu müssen. Ich war leicht genervt. Ich hatte keinen Bock auf solche Gespräche. Es war Christian, seit einer gefühlten Ewigkeit Kumpel, zuweilen auch Freund. Konsterniert legte ich die Grillzange aus der Hand. Alles hätte so perfekt sein können.
Keine Ahnung, wie er auf diese Frage kam. Unser Gespräch hatte sich zuvor eher um unverfängliche Themen gedreht, etwa ob Merkel für die Ice Bucket Challenge nominiert wird, ob sie dabei wie Helene Fischer einen weißen BH tragen würde, oder ob Schill nach dem Ausstieg aus dem Container wieder in die Politik einsteigen könnte. Hirnloses Gerede, das man nach dem nächsten Bier schon wieder vergessen hat.
Plötzliche Gedankensprünge kannte ich allerdings von Chris, den ich seit langem zu meinem engeren Freundeskreis zähle. Fremden gegenüber kann es schon mal vorkommen, dass er ein Gespräch mitten im Satz abbricht und plötzlich verstummt, so als sei ihm die Sinnlosigkeit der Konversation plötzlich bewusst und er des Gesprächspartners überdrüssig geworden, bevor er sich schließlich zwecks Wahrung der Etikette noch zu einem knappen Satzabschluss und einem gequälten Lächeln durchringt. Wenn ihn etwas beschäftigt, lässt er allerdings nicht locker, bevor er eine zufriedenstellende Antwort bekommt.
Ich drehte mich um und fragte, ob er ein Rad ab habe. Er verneinte.
„Nein echt jetzt, meinst du, Russophobie ist heilbar?“
„Du meinst therapierbar, Chris“, belehrte ich ihn.
„Ja, na meinetwegen“, gab er gönnerhaft zu und griff nach seinem Bier. „Du hast doch auch mal ein paar Semester Psychiatrie studiert, wa?“
„Psychologie.“ Ich war leicht genervt. „Studium ist aber eh für die Tonne. Das, was du an der Uni lernst, kannste heute auch ergoogeln. Und das therapeutische Geschwätz wird eh überbewertet…“
„Na aber sach doch mal, Max. Nach deiner fachmännischen Meinung….“ – er betonte das Wort „fachmännisch“ und versuchte dabei, ein leichtes Lallen zu unterdrücken. Er brach ab, nahm einen tiefen Schluck und setzte neu an:
„Die russophoben Schreiberlinge, weißt du? Diese Russenhasser und -hetzer von Spiegel und Konsorten, kennste doch? Die Namen fallen mir jetzt nicht ein.“ Chris konnte sich schlecht Namen merken. Eine Macke, die mich früher, als wir noch im Studentenwohnheim hausten, oft genug zur Weißglut getrieben hatte. Christian konzentrierte sich aufs Wesentliche. Namen waren für ihn von sekundärer Bedeutung, sie interessierten ihn einfach nicht.
„Die sind doch krank oder? Also wie kann man die heilen, ähm therapieren? Vielleicht mit Elektroschocks?“
„Oder Kneippkuren“, witzelte ich. „Ein Bad in ner Wanne mit Eiswasser soll auch Wunder wirken.“ Ich begann, Gefallen an dem Gespräch zu finden, obwohl es sinnlos war. Aber egal, niemand hörte uns, niemand würde je von unserem Geschwätz erfahren. Die anderen Gäste unterhielten sich angeregt und begannen schon, Bratwürste mit Senf oder Ketchup und Brötchen in ihre Schlünde zu stopfen. War ja umsonst. Ich seufzte und setzte mich auf einen von der Sonneneinstrahlung verwitterten blassblauen Gartenstuhl aus billigem Kunststoff und versuchte, zumindest den Tisch neben mir im Auge zu behalten, auf dem ich einige Flaschen Spirituosen geparkt hatte. Die Flasche mit dem Wodka schien sich bereits merklich geleert zu haben. Meine Lieblingsmarke, Russkij Standard Imperia, eine der besten Wodkasorten der Welt. „Wie fandste denn den Wodka?“ Die Antwort stand in seinen glasigen Augen geschrieben.
„Na ja“, sagte ich. „Ferndiagnosen sind natürlich immer schwierig.“ Ich räusperte mich.
„Man müsste auch erstmal schauen, womit man es im Einzelnen zu tun hat, also die Symptome dieser Störung definieren; man muss eben ein genaues Krankheitsbild skizzieren. Dann kann es durchaus sein, dass es physische Ursachen sind, also ich sag mal einfach, zerebrale Durchblutungsstörungen. Ob es tatsächlich eine psychische Störung, ein Wahnzustand ist, müsste man genauer untersuchen… Da gäbe es dann sicher medikamentöse Lösungen, ich meine Behandlungsmöglichkeiten, aber man sollte nicht vorgreifen…“ Ich unterbrach kurz, um uns noch ein paar der letzten Bratwürste auf den Teller zu schaufeln.
„Ob dann jetzt deren Wahrnehmung und Denken krankhaft beeinträchtigt sind und sich ihr seltsames Verhalten damit erklären lässt, müsste man untersuchen, hmm. Spricht zwar schon einiges für eine wahnhafte Störung, aber so genau würde ich mich da nicht festlegen wollen. Kann ja auch sein, dass die nur ihren Job besonders gut machen wollen und wissen, was von ihnen erwartet wird. Linientreue Redakteure mit ner Schere im Kopf, so wie früher bei den Parteizeitungen. Und bei Betonköpfen würden auch leichte Schläge auf den Hinterkopf nicht helfen, auch wenn die sich ja angeblich positiv aufs Denkvermögen auswirken sollen, wie man früher sagte.“ Wir mussten unwillkürlich lachen.
„Ach, der ganze Psychokram wird ja sowieso immer überbewertet. Letztlich kannste in den Kopf nicht reingucken. Jedenfalls nicht, ohne die Schädeldecke zu öffnen. Und auch dann würde man ja außer einem blutigen, schleimigen Klumpen aus Gehirnmasse nichts sehen, jedenfalls siehste nicht, ob da irgendwas falsch gepolt ist oder Neuronen verrückt spielen. Man steckt nicht drin. Weißte ja selber.“ Wir mampften und verschlangen die restlichen Würste.
„Vielleicht auch eine Massenpsychose, die durch gleichgeschaltete Medien ausgelöst und befördert wird? Man weiß ja seit langem um die gesteigerte Beeinflussbarkeit von Kollektivstrukturen“, dozierte ich. Ich fand Gefallen an diesem Gedanken.
„Denk mal an die ganzen medialen Einflüsse, den ganzen Müll aus Hollywood und die amerikanischen Serien, die sich viele tagtäglich ohne Pause reinziehen. Das ist pure massive Beeinflussung, kulturelle Infiltration eben, eine sanfte, aber wirkungsvolle Gehirnwäsche, die ideologische Standpunkte und Wertungen vermittelt und deiner Psyche einen Stempel aufdrückt, ohne dass du es merkst. Und wie oft sieht man normale deutsche Filme, mal abgesehen von dem wöchentlichen beknackten Tatort und ähnlichem Quatsch? Und wann haste zum letzten Mal einen russischen Film gesehen?“
„Hmm. Keine Ahnung. „Wächter der Nacht“ hab ich vor ein paar Jahren gesehen.“
„Na siehste. Gerade mal ein Film. Fantasy noch dazu. Ist doch gar nichts im Vergleich zu dem ganzen rabiaten Hollywoodscheiß. Kann aber auch sein, dass es sich seit… – ich meine, eine unterschwellige Russenfeindlichkeit gibts ja seit Jahrhunderten, schon seit Napoleons Zeiten und noch länger, also dass es sich über Generationen hinweg im Unterbewusstsein des normalen Westlers manifestiert hat. So wie die Angst vor Monstern, Barbaren oder den Mongolen des Dschingis Khan. Das kollektive Unbewusste, das sich unter dem Einfluss von Erzählungen, Gruselgeschichten und Mythen entwickelt, sich im Laufe der Evolution als psychischer Müllabladeplatz in menschlichen Hirnen ausbildet, ist von dieser Furcht vor dem Russen geprägt, die sich unter gegebenen Umständen Bahn bricht. Von C. G. Jung stammt übrigens diese Theorie, dass…“
„Hä, was für’n Jung?“
„Egal. Vergiss es. Noch’n Bier?“
Von dem ganzen sinnlosen Gequatsche war mein Mund trocken geworden. Mein Bier war schal geworden und schmeckte grässlich. Ich beschloss, auf Wodka umzusteigen, bevor die Flasche gänzlich leer war.
In der Ferne war jetzt der an- und abschwellende Heulton von Sirenen zu hören. Polizei- oder Rettungsfahrzeuge schienen sich zu nähern. Irgendwo war wohl wieder jemand abgestochen worden. Es war ein ganz normaler Grillabend.

5 thoughts on “Ist Russophobie heilbar?”

  1. Du bespritzt eine Wurst mit Bier? Noob! Kapitalverbrechen! Hängt ihn auf! … ;)

    Über diese Frage sich zu unterhalten würde ich tatsächlich für arg überflüssig halten. Gibt je genug Gegenargumente, aber trotzdem. Genauso gut könnte man da sGespräch auf alle Bevölkerungsgruppen anwenden …

    Davon mal abgesehen. Zu lang, zuviel Geschwafel. Das kannst du besser ;)

    1. Hehe, ich ahnte, dass das Ablöschen/Bespritzen mit Bier kritisiert wird. Stimmt, es ist eine Todsünde. ;-) Aber mal davon ab, alles, was da steht, hat nichts mit mir zu tun… Also das bin nicht ich. Es ist nur zufällig in der Ich-Form eines “Schwaflers” geschrieben, aber sonst sind derlei Postings meistens fiktiv (Kategorie Fiktion)… Natürlich nicht immer und nicht alles, aber dies ist ja auch kein “übliches” Tagebuch… Ich hab nur manchmal Lust, das, was ich eigentlich sagen will, auf andere Weise auszudrücken, ohne es dem gelegentlichen Leser zu einfach machen zu wollen. Für ein Blog auch eher unpassend, da zu lang und sicher auch irritierend… Nur sicherheitshalber erwähnt. :-)

  2. Und wie das Grill-löschen abgestraft wird!

    Ansonsten muss Ich deine wunderbar bildhafte Sprache loben. einzigartig.

    Zu dem Thema muss ich sagen dass das m. E. den Nagel wirklich ziemlich auf den Kopf trifft.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

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