Der Kampf um die Köpfe

Wer nichts weiß, muss alles glauben. Als Westeuropäer zappeln wir, die wir uns doch meist für umfassend informiert und aufgeklärt halten, auch nur wie hilflose Marionetten an den dünnen, fast unsichtbaren Fäden, die einflussreiche politische und wirtschaftliche Eliten und Medienmacher in den Händen halten.
Gestern sorgte weltweit eine Meldung für blitzartig aufflammende Empörung in den Webmedien und sozialen Netzwerken. Eine hochrangige UN-Vertreterin hatte in einer Videokonferenz verkündet, sunnitische Extremisten der ISIS im Irak hätten in den von ihnen kontrollierten Gebieten die Genitalverstümmelung aller Frauen befohlen. Etwa vier Millionen Frauen befänden sich somit in Gefahr, diesem grausamen Eingriff unterzogen zu werden. Eine gruselige Vorstellung, zweifellos, dachte ich auch. Nur eben falsch. Die stellvertretende UN-Gesandte im Irak war einer dreisten Falschmeldung aufgesessen, woraufhin man diese ungeprüft mit dem Zorn der Gerechten in die Welt herausposaunt hatte. Nachrichten- und Presseagenturen übernahmen diesen Hoax prompt, woraufhin deutsche Zeitungen, die bekanntlich nicht im Verdacht stehen, westliche Agenturmeldungen einer allzu kritischen Bewertung zu unterziehen, die Meldung unverändert übernahmen.

Wohlgemerkt: Nachrichten- und Presseagenturen gelten als privilegierte Quellen, deren Meldungen ungeprüft übernommen werden dürfen. Dennoch seien Journalisten verpflichtet, Informationen sorgfältig zu überprüfen und ggf. nachzurecherchieren (schreibt zumindest Wikipedia).

Man überlege sich, wie wenige renommierte Nachrichtenagenturen es in der westlichen Welt gibt (DPA, Reuters, AP oder AFP), deren Meldungen, dem Kostendruck in den Redaktionen geschuldet, bestenfalls noch kurz selektiert und dann häufig unverändert veröffentlicht werden. Was, wenn diese Nachrichtenagenturen (wie auch die Presse) gar nicht so unabhängig wären und objektiv berichten würden, sondern ebenfalls interessengeleitet wären oder beeinflusst würden, von wem auch immer? Wie oft wurden schon irgendwelche Twitter- oder Facebook-Meldungen von Personen, deren Identität nicht verifiziert werden konnte, übernommen und als Beleg herangezogen, nur weil es interessierten Kreisen gerade in den Kram passte? Ein von mir geschätzter Blogger schrieb heute in einem Beitrag, dass Deutschland zum Schlachtfeld geworden sei, auf dem die hartnäckigste und erbittertste Propagandaschlacht seit Ende des sogenannten Kalten Krieges läuft. Auch mein Eindruck ist es, dass hier eine öffentliche Medienschlacht ausgetragen wird, wobei es sich aber um einen Kampf zwischen ungleichen Gegnern handelt: einer fest etablierten Medienmacht mit all ihren Privilegien, Sendeplätzen, bezahlten Redakteuren und Kolumnisten, die Tag für Tag lautstark die Deutungshoheit für sich reklamieren – und den Resten einer kritischen, wachen, d. h. noch nicht sedierten Öffentlichkeit, die ihren Unmut noch in Kommentaren, Blogs, Onlinepetitionen und Leserzuschriften äußern darf.
Aber je mehr Gräben die öffentliche Meinungslandschaft in Deutschland durchziehen (z. B. zum Thema Russland/Ukraine oder Gaza/Israel), desto wütender und erbitterter wird dieser Kampf wohl künftig ausgetragen werden, ein Kampf um die Köpfe.

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