Gedankenabfall betr. Kapitalismuskritik

Neulich las ich einen Artikel, in dem beklagt wurde, dass der Kapitalismus alles verwerten würde, selbst die Kritik und die Symbole seiner ärgsten Feinde, z. B. Name und Konterfei von Che Guevara. Er sauge sie einfach in sich auf, verwurste sie und spucke sie als kommerzielle Produkte wieder aus (Telepolis: Mit einer Tasse Kaffee die Welt retten).
Zugegeben, mir selbst waren auch schon ähnliche Gedanken gekommen, allerdings hätte ich da nie ein moralisches Problem mit verknüpft. Warum auch? Sowohl Kapitalist als auch Sozialist oder Kapitalismuskritiker bleiben immer auch Teil desselben Systems, dem sie genauso wenig entfliehen können wie zwei unverträgliche Fische, die im selben Aquarium herumschwimmen (sofern nicht einer der Fische vor Stress aus dem Becken springt). Ein Kritiker und Feind des Systems wird also genauso durch den Fleischwolf der wirtschaftlichen Verwertungskette gedreht werden, wie beispielsweise irgendwelche Schwachmaten, die ihre 15 Minuten Ruhm bei RTL2 genießen.

Natürlich ist es dem personifizierten Kapitalismus völlig schnuppe, wen und was er verwertet. Es ist eben alles Wurst. Es zählt nur die Bekanntheit oder Verwertbarkeit der Marken Fair Trade, Che Guevara, oder sonstiger Bösewichte.
Warum sollte man nicht auch Bilder von Marx oder Mao in goldgepresstem Latinum verkaufen, wenn Leute Geld dafür zahlen und es Gewinn einbringt? Sichert Jobs. Selbst die Vorsitzende Merkel sagte doch: Sozial ist, was Arbeit schafft. Übrigens waren auch die damals real existierenden sozialistischen Staaten Teil des kapitalistischen Weltsystems, da bekanntlich unter chronischem Devisenmangel leidend. Daher waren selbst die ärgsten Feinde des Kapitalismus auf staatlicher Ebene gezwungen, dem Klassenfeind auf seinen verhassten kapitalistischen Märkten im NSW diese unter sozialistischen Bedingungen produzierten Güter gegen harte Konkurrenz anzubieten, um dringend benötigte Devisen, also harte Währung, zu erwirtschaften. Die Waren landeten dann oft in Versandhauskatalogen, und niemand der Käufer ahnte wohl, dass sozialistische Werktätige, die tagtäglich morgens freudestrahlend beim Fahnenappell antraten, um die Internationale zu trällern, der Partei für alle soziale Wohltaten zu danken und dem Genossen Honecker ein langes Leben zu wünschen, die äußerst preiswert erstandenen XXL-Holzfällerhemden im Schweiße ihres Angesichts gefertigt hatten.
Zurück in die Gegenwart: Und warum nicht mit einer Tasse Kaffee, einem Kasten Bier oder einem „nachhaltigen“ Flugticket ein gutes Gewissen kaufen? Moderner Ablasshandel ist nicht per se schlecht. Der Käufer des fair gehandelten Kaffees ahnt zwar nicht, dass unter Umständen dessen Produzenten und beteiligten Arbeiter schlechter bezahlt werden als bei normalen Marken, aber er ist auch kein größerer Depp als z. B. der Kunde, der eine Lebensversicherung kauft. Beide wiegen sich in Illusionen. Und sind nicht Illusionen und Gefühle auch wertvolle geistige Güter, denen man einen Preis anheften kann? Nennen wir es den „Feelgood-Faktor“: Sich als guter Mensch fühlen – ist es das nicht wert, mal ein paar Euros locker zu machen? Geht mal in euch!

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