Kniestrümpfe

Ich mochte Kniestrümpfe noch nie. Als Junge fand ich Kniestrümpfe uncool. Keine Ahnung, warum. Ich könnte mir natürlich jetzt irgendwas zusammenspinnen, etwa dass der elastische Stoff auf meiner empfindlicheren Haut am Schienbein kratzte und juckte oder dass ich damals das Gefühl hatte, die langen bunt gemusterten Strümpfe würden meinen freien Geist einengen, bzw. ähnlichen Bullshit, den man zu schreiben pflegt, wenn man unbedingt etwas Geistreiches absondern möchte, um Feuilletonisten wohlwollend zu stimmen oder den Anschein zu erwecken, dass man neben einem nackten Textgerüst noch eine hintergründige Botschaft zu vermitteln hätte, die sich nur dem aufmerksamen Leser erschließt …
Nein, Freunde, so nicht! Wahrscheinlich mochte ich Kniestrümpfe in Verbindung mit kurzen Hosen einfach nicht, weil ich sie kindisch fand. Ich war wohl ein seltsames Kind. Und als Junge wollte ich alles Mögliche sein, nur nicht kindisch wirken.
Ich zog sie daher nur an, wenn ich musste, genauer gesagt, wenn Mutter mich zwang.

Selbst an diesem Tag auf unserem trostlosen Hinterhof neben dem Mülltonnenstandplatz, an einem der wärmeren Frühlingstage vor vielen Jahren, als ich mir mein nacktes Schienbein an diesem kochend heißen Auspuffrohr eines Motorradgespanns verbrannte, vermisste ich meine Kniestrümpfe nicht. Sie hätten mir in dieser Situation wahrscheinlich auch nichts genützt. Es tat höllisch weh. Ich schrie, denn mein Bein brannte wie Feuer. Man konnte förmlich zusehen, wie sich eine riesige Brandblase an meinem Unterschenkel bildete. Meine Schmerzensschreie vermischten sich mit lautem orgastischem Stöhnen, das aus dem halb offen stehenden Fenster im ersten Stock drang. Unsere Nachbarin hatte gerade Besuch. Der Besitzer des abgestellten Motorrads mit Seitenwagen hatte seinen Motor zuvor richtig warm gefahren.

Mein Freund Olaf war neugierig geworden und hielt sein Bein ebenfalls an den Auspuff. Seine Brandblase fiel dann etwas kleiner aus. Wie zwei kleine Teufelchen tanzten wir jammernd um das einsame Motorradgespann herum, während droben aus dem Fenster Liebesschreie ertönten.

3 thoughts on “Kniestrümpfe”

  1. Geschichten, die das Leben schreibt. Ich hab schallend gelacht, der Abend ist gerettet. Verdammt, ich hab gelacht! An einem Montag! Du bist schuld. Aber der entstandene Film war wirklich erstklassig. Schade, dass man Kopfkino nicht abspeichern kann …

  2. Ah, freut mich, wenn ich mal zu deiner Erheiterung beitragen konnte, Dark Lord. ;-)
    Ist auch eine zu 100 % echte Erinnerung. Ich zitierte ja mal den Joachim Meyerhoff, der schrieb: “Erfinden heißt erinnern.” Tatsächlich. Ich wollte was zu einer Story von Karin Reddemann (“Zeit der Kniestrümpfe”) schreiben, aber prompt kam (unerwartet) eine verschüttete Erinnerung raus.

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