Laufen macht frei

Locker bleiben. Tief durchatmen. Nicht hetzen lassen.
Den Dingen ihren freien Lauf lassen…
Ihr habt sicher schon an meiner Schrift bemerkt, wie ruhig und entspannt ich geworden bin.

Ich laufe ja schon seit meiner Jugendzeit gern und viel, besonders jetzt im Herbst. Laufen macht den Kopf frei. Man kann seine Gedanken ordnen und ungezwungen über alles Mögliche nachsinnen, z. B. über Gott (Gott ist tot) und die Welt (sehr komplex), das Universum (unergründlich) und den ganzen Rest (auch immer sehr spannend).
Es ist so, als würde man beim Laufen eine höhere Bewusstseinsstufe erreichen und in höhere Sphären vordringen, was natürlich sehr plump ausgedrückt ist. Aber man will ja schließlich auch von seinen Lesern verstanden werden. Wobei Leser ohnehin überbewertet werden. Aber nix für ungut, ich schweife schon wieder ab.

Es geht ums Laufen bzw. Joggen, was etwas präziser ist…
Es ist jedenfalls ein körperliches Vergnügen, sich mittels der eigenen Extremitäten locker trabend fortbewegen zu können, wobei auf Dauer ein durchaus akzeptables Tempo erreicht werden kann.
Wenn man nicht gerade depressiv gestimmt ist, kann man den Herbst als Jahreszeit und das Laufen im Besonderen so richtig genießen, jedenfalls bevor es richtig kalt wird. Gerade, wenn mal die Stimmung im Keller ist, heißt es, pack die Laufschuhe ein, und nix wie los. Was das Joggen angeht, sind Herbstmonate wie der diesjährige Oktober so richtig nach meinem Geschmack. Ich mag das leise Rascheln der Blätter. Das Laub beginnt auch schon zu verrotten und streut gelbe, rote und grüne Farbkleckse auf den Weg. Ab und zu sieht man einen Berliner Stadtfuchs oder einen verspäteten Igel, der erschrocken guckt und meinen Weg kreuzt.

Eine Wohltat ist auch die kühle, klare Herbstluft mit ihrem feucht-modrigen Geruch, der stellenweise eine nussige Note hat, wie ich neulich staunend bemerkte. Oder sollte mich mein zugegebenermaßen nicht sehr feiner Geruchssinn getäuscht haben? Leider gibt’s noch kein Geruchs-Internet, so dass ich meine Eindrücke von diesem herbstlichen Duft-Eldorado hier nur mit kargen, spröden Worten beschreiben kann. Haha, ein Duft-Eldorado. Na Schwamm drüber. Ihr könnt euch vorstellen, was ich meine, was?

Hauptsache jedenfalls, dass man wieder tief durchatmen kann, was meine geplagten Lungen entlastet, die sonst von der abgas- und rußgeschwängerten Großstadtluft oder dem stinkenden Büromief gepeinigt sind. Berlin stinkt. Ich hasse Berlin. Nun ja. Ruhig bleiben. Also bleibt oft nur das Laufen.

Leider wird es mittlerweile schon recht früh dunkel, daher muss ich rechtzeitig aufbrechen, wenn ich noch bei Tageslicht zurückkommen möchte. Laufen bei Dunkelheit ist nicht ganz so prickelnd, wenn man die Strecke bzw. den Geländeuntergrund nicht genau kennt.
Tja, auch die anderen flinken Läufer, denen man so begegnet, scheinen im Herbst entspannter zu sein, und sogar Läuferinnen grüßen, was sonst ja eher nicht die Regel ist.

Jedenfalls drehte ich da neulich so leicht und locker meine üblichen Runden im herbstlichen Gelände, und kam an dem Wassergraben vorbei, an dem ich im Sommer meine kleine Kröte in die Freiheit entlassen hatte. Wie ich in einer früheren Wasserstandsmeldung im Blog berichtet hatte, war es mir gelungen, diesen Froschlurch mit viel Liebe aus einer kleinen Teichkaulquappe großzuziehen… Faszinierende Erfahrung, diese Verwandlung. So sah übrigens das mutmaßliche Elterntier aus:

Frosch

Ob er wohl schon ein frostsicheres Winterquartier bezogen hat, der kleine Lurch? Lebt er überhaupt noch, oder wurde er von einem gierigen Räuber gefressen? Ja, all diese tiefsinnigen Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich in meinen weißblauen Adidas-Laufschuhen zwischen einigen Pfützen Slalom lief.
Die plötzliche Erkenntnis, dass ich nie erfahren werde, wie es der kleinen Kröte auf ihrem weiteren Lebenswege ergangen ist, ließ mich in meinem Laufe doch tatsächlich kurz innehalten. Interessiert euch nicht oder? Weiß ich doch.
Wie dem auch sei, jedenfalls trabte ich dann unverzagt weiter. Ja, jetzt hab ich doch tatsächlich eine wahre Begebenheit und private Details aus meinem Leben preisgegeben. Oh, Oh…

Apropos Kröten fressen. Kröten schlucken muss ja auch die Frau Merkel oder der Herr Gabriel, je nach Sichtweise, bei den derzeit noch laufenden Koalitionsverhandlungen. Erst wird sondiert, dann wird koaliert…
Die nächsten Jahre dürften spannend werden. Mindestens so spannend wie die letzten Jahre, schätze ich.
Den Peer Steinbrück habe ich übrigens neulich auch noch mal gesehen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo man bekanntlich in der ersten Reihe sitzt. Der Peer steht aber jetzt in der zweiten Reihe der SPD-Garde, die stolz aufmarschiert ist, wie beim Ausflug eines Kegelvereins ins Rathaus.
Mach’s gut, Peer, alter Kämpfer, wollte ich ihm zurufen. Hast uns eigentlich gut unterhalten im Wahlkampf.
„Zapp“, zielsicher traf mein Finger die Programmtaste auf der Fernbedienung, und weg war er, der Peer.

Ja, etwas Wehmut verspürte ich auch, muss ich zugeben, auch wenn der Peer Steinbrück zuletzt keinen guten Lauf hatte, um noch mal elegant auf das Thema zurückzukommen.
Aber das Leben geht weiter, Freunde. Vorerst jedenfalls.
Und nach dem Lauf ist vor dem Lauf.