Liquidity

Fluss_komprEr war eine anerkannte Koryphäe auf seinem Fachgebiet, der Untersuchung von Weichteilschichtdicken menschlicher Schädel. Unbestritten. Weltweit gab es höchstens eine Handvoll Experten, die ihm auf dem Gebiet der Schädel- und Gesichtsrekonstruktion das Wasser reichen konnten. Seine Dissertation und weiterführenden Studien über Weichteilveränderungen an europiden Schädeln unter besonderer Beachtung kulturspezifischer und ernährungsbedingter Merkmale hatten neue Maßstäbe gesetzt und die Kriminalwissenschaften gleichsam revolutioniert.
Akademische Meriten waren ihm jedoch immer unwichtig gewesen. Allein seine Fachkompetenz und die Anwendbarkeit seiner Kenntnisse in der Praxis – das war alles, worauf er stolz war. Mit der Zeit hatte er sogar einen gewissen Promistatus erreicht, seit bekannt geworden war, dass er zur Lösung einiger spektakulärer Kriminalfälle im Berliner Umland beigetragen hatte. In den zahllosen abendlichen Autopsie- und Kriminaldokus wurde er stets als populärwissenschaftlicher Erklärbär im weißen Kittel vorgeführt. Er sah und hörte sich diese laienhaft vorformulierten, immergleichen Sätze sagen, die diesen voyeuristischen Gruselsendungen einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen sollten, und er hasste sich mittlerweile dafür.

Ja, der Schädelpapst, wie man ihn hinter vorgehaltener Hand spöttisch nannte, war immer irgendwo auf dem Bildschirm präsent. Seine ständige TV-Präsenz, die ihn irgendwie an die Zeitschleife aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnerte, hatte ihn innerlich verändert. Er hatte es schon lange satt, ständig abends auf einem dieser Prekariatssender seine eigene feiste Visage zu sehen. Er war sich selbst lästig geworden. Manchmal kam er sich schon vor wie eine Schmeißfliege, die sich einfach nicht verscheuchen lässt…
Er bereute seine damalige Eitelkeit und Publicity-Geilheit. Aber die Verträge waren eindeutig. Der Sender besaß alle Rechte. Bitter.
Auch wenn ihm jegliche Allüren fremd waren und er unter Fachkollegen aufgrund seines kollegialen, bescheidenen Auftretens, wie er dachte, anfangs beliebt gewesen war, meinte er nun, seine Mitarbeiter oft hinter seinem Rücken tuscheln und lästern zu hören.
Und dennoch hätte er mit seinem Leben zufrieden sein, sich arrangieren können, mit seiner sicheren und auskömmlichen Pension, den zusätzlichen Honoraren als Gutachter, den Tantiemen seiner Fachbücher, den Abenden in den Privatclubs, wenn, ja wenn nicht… Alles hatte sich verändert, als dieser Mann in ihr Leben getreten war, sich in sein, in ihrer Leben hineingedrängt hatte. Dieser vermeintliche Blogger, ein Stalker aus dem Internet.
Auch wenn jener nun leblos vor ihm lag, so hatte er doch mit seinem Tod alles zerstört. Sein Leben, seine Karriere, alles war verloren.
Die Wanne mit der Natronlauge hatte er in seinem Schuppen, in der hintersten Ecke ihres verwilderten Gartens aufgestellt. Nichts sollte übrig bleiben.
Ein Satz aus einem Schreiben, das er kürzlich von seiner privaten Krankenkasse erhalten hatte, fiel ihm ein: „Bitte bedenken Sie, dass Zahlungen steuerlich immer dem Jahr zugeordnet werden müssen, in dem sie zu- bzw. abgeflossen sind.“ Aus irgendeinem Grund gefielen ihm diese glatten behördlichen Formulierungen, die sich gut einprägten. Er liebte diese Assoziationen, die sich unbewusst herstellten. Der Fluss der Zahlungen. Alles ist im Fluss begriffen. Das Leben, die Zeit. Die totale Verflüssigung. Schläfrigkeit befiel ihn. Er trank einen letzten Schluck, stieg auf das Gestell der über der gefüllten Wanne angebrachten Hebevorrichtung und betätigte den Schalter.

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