Mahnung im Auftrag der Pay Online24 GmbH

Was die sprachliche Qualität anbelangt, werden Viren- und Spam-Mails, Phishing-Versuche sowie sonstige betrügerische Aktivitäten immer besser, scheint mir. Doch, da hat die Spam-Industrie unter Einsatz muttersprachlicher Fachkräfte offenbar eine Qualitätsoffensive gestartet, die nun endlich Früchte trägt. Da hat sich wirklich viel getan in den letzten Jahren. Jedenfalls waren die neuesten Spam- bzw. Viren-Mails, die ich im Posteingang hatte, in gut verständlichem Deutsch formuliert. Früher waren ja solche E-Mails immer der Lacher schlechthin. Oft stimmte da nicht mal die Anrede oder die Absenderadresse der E-Mail, und die Texte waren mit Logik-, Rechtschreib- und Grammatikfehlern nur so gespickt. Mittlerweile sind die Mails in vernünftigem Anwaltsdeutsch formuliert und kommen mit einer plausiblen Absenderadresse. Solange man nicht in die Kopfzeilen bzw. den Quelltext hineinschaut, könnte man, wäre man naiv, die gefakte Absenderadresse fast für bare Münze nehmen (ein netter Versuch jedenfalls, der Respekt verdient); aber der Hauptpunkt: die Mails enthalten sogar richtige Empfänger-Adressangaben in korrekter Schreibweise, d. h. die zur E-Mail-Adresse passenden Personen- und Adressdaten, die man wohl in irgendeinem Online-Shop abgegriffen hat.
Logisch, dass man den gutgläubigen, erschrockenen Empfänger natürlich zum Klicken auf den virenverseuchten Zip-Dateianhang verführen will. Aber immerhin, obwohl ich normalerweise solche Mails unbesehen lösche, hab ich da heute tatsächlich einen Moment gezögert und den Text mal kurz angelesen, bevor ich die bekackte Mail gelöscht hab. Schon interessant, dass sich auch Spam-Versender da verbessert haben und sich auf die Bedürfnisse der Kunden und Opfer eingestellt haben. Es ist schon ein sprachlicher Leckerbissen, ja doch. Bereitet mir immer Vergnügen, derlei Mahnungen bzw. höfliche Zahlungserinnerungen zu lesen (und zu löschen), und das ist doch die Hauptsache oder? Gut, ist klar: Löschen und ignorieren. Aber ich denke, wenn es künftig so kommen sollte, dass juristische, behördliche und inkassoseitige Aktivitäten in zunehmendem Maße online und per Smartphone abgewickelt werden (perspektivisch auch mit weitergehender oder zwangsweiser Umstellung auf bargeldlosen Zahlungsverkehr bzw. nach Bargeldverbot), desto mehr Leute werden wohl tendenziell auch für ähnliche Betrugsversuche anfällig sein, wenn jegliche webbasierte Zahlungsaufforderungen, Mahnungen und Erpressungsversuche künftig eher einem realen, auch behördlicherseits zugelassenen oder staatlich vorgeschriebenen Szenario entsprechen könnten und dementsprechend glaubwürdiger wirken. Noch glaubwürdiger als jetzt schon! Voll geil. Ist das zu glauben? Ich meine, man wird vielleicht irgendwann tatsächlich nicht mehr zwischen einer betrügerischen Mail (Abzockversuch) und einer behördlichen Mail (staatlich legitime Forderung) unterscheiden. Macht vielleicht auch keinen Unterschied, wenn man’s recht bedenkt.

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