Maidan

Gib mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.
Archimedes

Scheinbar hatten die militärischen Führer des Rechten Sektors, des ukrainischen Bündnisses rechter Splittergruppen, das archimedische Hebelgesetz gut verinnerlicht: „Gebt uns einen festen Punkt, auf dem wir sicher stehen können, und wir heben den Staat aus den Angeln,“ mögen sie gedacht haben. Der Maidan-Platz in Kiew war ein solch fester, ein strategisch gut gewählter Punkt, an dem der Hebel angesetzt wurde.

Durch Einsatz einer Handvoll schwerbewaffneter und zum Äußersten entschlossener Kämpfer, die insgesamt vielleicht 2.000 Mann zählten, gelang es in kürzester Zeit – unter Bruch der gerade einen Tag zuvor geschlossenen Vereinbarung – den Widerstand der führungslos agierenden und sich bereits zurückziehenden Polizei zu brechen und die Macht in Kiew zu übernehmen. Dem in weiten Teilen der Bevölkerung verhassten, da korrupten, aber dennoch rechtmäßig gewählten Präsidenten Janukowitsch, der durch seine wochenlange zögerliche und unentschlossene Haltung seine Widersacher erst ermutigt und immer wieder Schwäche gezeigt hatte, blieb letztlich wohl nur die Flucht nach Charkow, in den Ostteil des Landes, um dem wütenden Lynchmob zu entgehen. Mit der Fahnenflucht des Präsidenten war die Sache gelaufen, da die restlichen Einheiten verständlicherweise sofort auf die Seite der Aufständischen überliefen. Ein gelungener Staatsstreich, der in westlichen Medien einhellig als Sieg der Demokratiebewegung gefeiert wurde. Die zuständige US-Diplomatin Victoria Nuland meldete mutmaßlich per SMS ein “Mission accomplished” nach Washington und schickte sich sogleich an, frisch gebackene Cookies auf dem Maidan zu verteilen. Bei ihren Cookies soll es sich übrigens um echte braune Kekse gehandelt haben und nicht um die ungeliebten kleinen Textdateien, die sich zwecks Identifizierung des Users auf seiner Festplatte einnisten.
Was mich aber irgendwie überrascht hat, war die (mir erneut ins Bewusstsein gerufene) Erkenntnis, wie schnell ein relativ autoritär regierter, aber im Kern maroder Staat stürzen kann, wenn ihm nur eine kleine schlagkräftige Gruppierung entschlossen genug entgegentritt und dem zögerlichen Gegner lange genug Paroli bietet. Janukowitsch war zwar nicht sonderlich beliebt, sicherlich auch nicht weniger korrupt als seine Amtsvorgängerin, genoss auch nicht allzu viel Rückhalt in der Bevölkerung, war aber dennoch der rechtmäßige und nach unseren Maßstäben demokratisch gewählter Präsident. Polizei und Armee standen loyal zu ihm, und er war mit ausreichenden Vollmachten ausgestattet, die es ihm erlaubten, Recht und Ordnung mit Gewalt durchzusetzen. Dennoch ist er erledigt, endgültig Geschichte. Es sind unumstößliche Fakten geschaffen worden.  Wie sich Russland und die Bevölkerung in den östlichen Landesteilen nun verhalten, wird letztlich darüber bestimmen, ob die Einheit des Landes bewahrt werden kann.

Zweifellos haben EU und USA durch ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine und ihre parteiische Einflussnahme dazu beigetragen, die Gegner Janukowitschs zu stärken, und seinen Sturz zumindest begünstigt. Die äußere Einflussnahme war aber nicht ursächlich für den Umsturz. Ausschlaggebend waren keine Lichterketten oder friedlichen Demonstrationen, sondern allein die schlagkräftigen und gut organisierten bewaffneten Gruppierungen, die bereit waren und nicht gezögert haben, auch Gewalt gegen Repräsentanten und Verteidiger der staatlichen Ordnung einzusetzen. Problematisch ist nur Folgendes: Nach einer derartigen Radikalisierung im Zuge bürgerkriegsähnlicher Unruhen dürfte es sich als schwierig erweisen, die Kämpfer zügig wieder zu demobilisieren. Timoschenkos Aufruf an die Milizen, auf dem Maidan weiterhin auszuharren, bis ihre Forderungen erfüllt seien und ein ihnen genehmer Präsident im Amt sei, lässt eher erahnen, dass die Demokratie weiterhin aus den Gewehrläufen kommen soll.

Wer Waffen hat, wird sie jetzt nicht so schnell wieder aus der Hand geben und gegebenenfalls nicht zögern, seinen Anteil an der Macht auf überzeugende Weise einzufordern.

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