Merkels Macht

Angela Merkel wird oft in einem Zusatz als mächtigste Frau Europas oder gar der Welt bezeichnet. Man nimmt es nicht mehr bewusst wahr, denn es hat sich bereits fest in unsere Hirne eingebrannt, so wie ein glühender Metallstempel in eine wächserne Matrize eindringt. Butterweich, denn hört man es nicht gern? Sprechern und Moderatoren des Staatsrundfunks geht diese abgedroschene Floskel glatt und ohne Stocken von den Lippen. Daher ist anzunehmen, dass diese Sprachregelung mit Angela Merkels Entourage abgestimmt ist. Anfangs hab ich es noch mit Staunen, später mit einem Kopfschütteln quittiert. Jetzt reicht es meist nicht mal mehr zu einem resignierten Schulterzucken, wenn ich höre, dass die deutsche Kanzlerin, unbestritten eine tüchtige Parteifunktionärin und gewiefte Taktikerin, von Radio- oder TV-Heinis im ernsten, staatstragenden Ton als mächtigste Frau der Welt oder Europas tituliert wird.

Als ich letztens von den getürkten Abstimmungsergebnissen für die oberpeinliche ZDF-Show „Deutschlands Beste“ erfuhr, grübelte ich (für meine Verhältnisse) relativ lange darüber nach, wer, wenn überhaupt, ein Interesse an derartigen Vergleichen, Rankings oder Einstufungen haben kann, in denen die/der Beste, die/der Mächtigste oder die/der Beliebteste gekürt wird. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass es selbstredend um profane Unterhaltung und PR auf niederem Niveau geht, veranstaltet von saturierten, kleingeistig-spießerischen Programmmachern eines zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die das zahlende Volk einlullen und für dumm verkaufen möchten. Also davon mal ganz abgesehen.

Angela Merkel hat keinerlei wirtschaftliche oder finanzielle Macht. Sie ist eine Staatsdienerin und bezieht ein angemessenes Gehalt für ihre Verwaltungstätigkeit. Die ihr zeitweise verliehene politische Macht kann sie nur in einem äußerst begrenzten Gestaltungsrahmen einsetzen, einem Rahmen, den ihr die Partei, die Regierungskoalition, das Parlament und vor allem die Schutzmacht USA zugestehen. Jemand, der noch nicht einmal die Ausweisung eines entlarvten CIA-Spions durchsetzen oder für eine abhörsichere Telefonverbindung im Kanzleramt sorgen kann, soll uns als die mächtigste Frau der Welt verkauft werden? Interessant.

Das Magazin Forbes begründete Merkels Positionierung auf Platz 1 der „World’s 100 Most Powerful Women“ mit ihren Bemühungen zur Beilegung der Schuldenkrise. Damit stoßen wir vielleicht schon zu des Pudels Kern vor. Bei Merkels symbolischer Krönung zur mächtigsten Frau handelt es sich somit um einen reinen Trostpreis, verliehen für „Bemühungen“ – so ähnlich wie die umstrittene Auszeichnung des Argentiniers Lionel Messi als bester Fußballer der WM 2014.

Ein Blick auf die Namen der Nächstplatzierten in der Forbes-Rangliste der mächtigsten Frauen verdeutlicht, wo wirkliche Macht verborgen liegt und wie sie sich manifestiert.

Macht ist potenzieller Einfluss auf Wirtschaft und Politik, umgesetzt in finanzielle Kraft, Stärke, die Fähigkeit, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln direkt oder indirekt Regelungen und Gesetze durchzusetzen, den Lauf der Welt zu beeinflussen. All dies vermag eine Frau Merkel nicht. Sie ist eine solide Netzwerkerin und tüchtige Parteifunktionärin, die sich gewissermaßen von ganz unten hochgearbeitet hat. Dafür gebührt ihr Respekt. Besonders heute, da sie ihren 60. Geburtstag feiert, wie ich gerade in meinem Kalender sehe. Glückwunsch. Aber dennoch ist sie im Grunde recht machtlos. Die globalen Machtzirkel scheren sich keinen Deut um eine Frau Merkel.

Viele mächtige Frauen agieren aus dem Hintergrund oder üben Macht und Einfluss nur mittelbar aus, über die Männer, die sie kontrollieren. Und dann sind da Namen wie Melinda Gates, Hillary Clinton, Michelle Obama, Johanna Quandt oder Friede Springer – sicherlich wahrhaft mächtige Frauen. Anzunehmen ist weiterhin, dass viele „Strippenzieher/-innen“ naturgemäß lieber im Dunkeln bleiben. Wer über echte Macht verfügt und diese ausübt, scheut das Licht der Öffentlichkeit. Zu viel Aufmerksamkeit könnte die eigenen Kreise stören. Das Mantra von der allmächtigen Frau Merkel käme daher den tatsächlichen Machteliten gerade recht. Zu denken gibt auch, dass an der Legende von Merkels Macht auch europäische Politiker gern mitstricken, die mit Verweis auf eine angebliche Machtfülle und Vorherrschaft Merkels in Europa Zugeständnisse einfordern und eigene nationale Interessen auf Kosten Deutschlands durchsetzen möchten. Somit dient das Gerede von der mächtigen Kanzlerin wohl auch als argumentatives Placebo, das den Deutschen zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins vorsorglich oder gnadenhalber verabreicht wird, auf dass sich selbige mit der Verflüssigung ihres Landes und ihrer Nation abfinden mögen.

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