Nie wieder gute Vorsätze!

Macht Ihr gute Vorsätze? Ich mach keine.
Gut, das war die Kernaussage erst einmal in leichtem Deutsch.

Jetzt noch mal etwas komplexer ausgeführt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, so heißt es. Direkt ins Paradies könnte daher ein ungepflasterter, vielleicht auch schlammiger Weg führen, auf dem man unbeschwert und unbelastet von löblichen Vorsätzen entlangstapft, je nach Situation reagiert und die Dinge locker auf sich zukommen lässt.

Fasst Ihr gute Vorsätze zum Jahresende? Ich nicht. Nicht mehr. Früher schon, aber früher ist vorbei. Es hat sich nicht als hilfreich erwiesen, würde die Frau Merkel vielleicht mittels einer ihrer gewohnten Sprachschablonen sagen.
Gute Vorsätze zum Jahreswechsel erfüllen immer auch den Zweck einer reinen Selbstbeschwörung. Man versucht, sich selbst (über die eigenen Fähigkeiten) zu täuschen und einzulullen, indem man sich anspruchsvolle (und bislang unerreichbare) Ziele setzt. Ja, nächstes Jahr möchte/werde ich es schaffen, was auch immer zu tun – das nimmt man sich jedenfalls fest vor. Man fühlt sich dadurch einen Moment lang besser, voller Energie und Tatkraft, so als ob man tatsächlich über sich hinauswachsen, sich dem eigenen Idealbild annähern könnte. Dabei steckt in jedem guten Vorsatz bereits der Kern des künftigen (wahrscheinlichen) Scheiterns. Wie ein über dem eigenen Kopf schwebendes Damoklesschwert droht die Nichterfüllung der hochgesteckten Erwartungen, der lobenswerten Vorsätze bereits zum Zeitpunkt ihrer Abfassung. Und man ahnt es, nicht wahr? Seid ehrlich. Denn all dies, was ich mir jetzt zum Jahreswechsel vornehme, hätte ich längst tun können, wäre es mir wirklich wichtig und wäre ich dazu in der Lage gewesen.

Natürlich kann und sollte man sich ab und zu Dinge vornehmen, sich realistische Ziele setzen, versteht mich nicht falsch. Aber gute Vorsätze zum Jahresende zu postulieren, ist sinnlos oder sogar kontraproduktiv. Ich könnt mich beömmeln, wenn ich dran denke, wie oft ich mir zum Jahreswechsel immer lobenswerte Dinge vorgenommen habe, den ganzen sinnbefreiten Quark, gesünder leben, noch mehr Sport treiben, netter zu meinen Mitmenschen sein (natürlich Quatsch), einen neuen Job suchen etc. pp. Wenn ich mal den ganzen Psychokram außen vor lasse, läuft es auf Eines hinaus: Alles man wirklich tun will und kann, tut man irgendwann – mit Betonung auf irgendwann; oder man lässt es eben bleiben. Unterlässt man es (bewusst oder unbewusst), etwas zu tun, fehlte eben der dementsprechende Wille oder Leidensdruck, d. h. der Vorsatz hat sich nicht manifestiert (unabhängig davon, ob ich dies auf einer schlauen Top-10-Liste aufgeschrieben und wie fest ich mir eingeredet hatte, dass es mein innigster Wunsch wäre, öfter ins Fitnessstudio zu rennen, nicht so viel zu trinken, ein paar Kilo abzunehmen, mehr Geld zu verdienen oder was auch immer). Bei derlei guten Vorsätzen zum Jahresende setzt man sich meist unrealistische langfristige Ziele, woraufhin der künftige Frust schon vorprogrammiert ist, wenn man sich in einem klaren Moment der eigenen Unzulänglichkeit bewusst wird und erkennt, dass man die zelebrierten Vorsätze nicht oder nur teilweise erreicht hat.

Weiter: Auch der Zeitpunkt ist völlig egal – wozu soll es gerade zum Jahreswechsel sinnvoll sein, sich innerlich unter Druck zu setzen? Es ist doch nur ein beliebiger und willkürlich gewählter Zeitpunkt. Eine sowohl im menschlichen als auch im kosmischen Maßstab bedeutungslose Zeiteinheit ist verstrichen, mehr nicht. Dazu kommt: Man setzt sich selbst unter inneren Erwartungsdruck. Da versagen sowieso die meisten Menschen. Erkennt man oder gesteht man sich im Jahresverlauf sein Versagen ein, wird man in der Regel enttäuscht und ein Stück desillusioniert sein.

Also ich fasse zusammen: Erstens ist es sinnlos und selbst wenn nicht, wäre zweitens der Zeitpunkt der Vorsatzfassung völlig egal. Kann natürlich jeder halten, wie er will.
Wünsche Euch noch einen guten Rutsch!

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2 Antworten auf Nie wieder gute Vorsätze!

  1. Vorsätze? Kann man die essen? Oder kommt es von vorsetzen? Dann hat es auch etwas mit Essen zu tun, oder?

    • Max sagt:

      Klar, alles hat schon irgendwie mit Essen zu tun. :-) So hieß es doch:
      “Dass er mit St(r)umpf und Stiel sie zu vertilgen, sich vorgesetzt.” (Lessing; Nathan der Weise)

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