Nur geträumt

Anhörung vor dem Ausschuss zur Untersuchung europafeindlicher Umtriebe -
Irgendwann in ferner Zukunft…

(Erläuterung der Traumsequenz: Ein mit unbekannter Flaggensymbolik geschmückter vollbesetzter Saal wird sichtbar. Erinnert entfernt an eine Kantine in einem ostdeutschen Kombinat.)

Wie die meisten Träume ist auch diese alptraumhafte Szenerie in Graustufen gehalten. Nach dem Aufwachen kann ich mich daher an keine Farben erinnern. Am ehesten ähnelt die Szene einem schwarzweißen Fernsehbild.

Vor einem podestartig aufgebauten schweren Holztisch (vermutlich aus Eichenholz), an dem drei ältere Männer mit grimmigen Gesichtern sitzen, kniet ein einzelner Mann mittleren Alters. Bin ich etwa dieser Mann? Auf dem vor ihm erhöht stehenden schweren Eichentisch erblicke ich drei Wasserflaschen, einfache Trinkgläser und eine kleine Flagge. Die Flagge sieht irgendwie anders, eben ungewohnt aus, geht mir im Traum unwillkürlich durch den Kopf. Der Mann wird an jeder Seite von zwei schlagstockbewehrten uniformierten Bewachern flankiert. Diese Uniformen habe ich noch nie gesehen. Sie wirken wie eine jener Fantasie-Uniformen, wie sie einst Michael Jackson trug.
An der Stirnwand des Raumes hinter dem Tisch hängt ein gerahmtes Bild, eine offenbar retuschierte Fotografie eines mir unbekannten älteren, streng dreinblickenden dunkelhaarigen Mannes mit dichten Augenbrauen. Vielleicht ein führender Politiker oder hoher Würdenträger jener Tage?
Aus alten, dumpf klingenden Lautsprecherboxen an der Wand ertönt nun eine laute Stimme, die für mich schwer zu verstehen ist. Der mittlere der drei Männer, offenbar eine Art Wortführer, ist schon sichtbar ungehalten.
„Äußern Sie sich endlich, Beklagter, wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit.“
Der seit geraumer Zeit vor dem Podest kniende Mann wirkt völlig erschöpft. Er hebt kurz den Kopf und schaut sich im Raum um. Aus seinem Blick spricht die blanke Hoffnungslosigkeit. Der Anhörungssaal, wie man ihn euphemistisch nennt, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Anwesenden, etwa 40 bis 50 Leute unterschiedlichen Alters und Geschlechts, scheinen dem Tribunal aufmerksam zu folgen. Einige Blicke treffen den einsamen Mann, manche scheinen hasserfüllt, andere hingegen eher kalt und emotionslos; aber auch einige mitfühlende Reaktionen glaubt der auf den Knien hockende Mann in den Gesichtern der Zuhörer zu erkennen.
Seine Knie schmerzen. Seit Stunden hockt er nun hier in dieser demütigenden Stellung. Was will man denn noch von ihm wissen? All dies liegt doch schon so lange zurück. Er blickt kurz auf.
„Ich habe meinen Erklärungen nichts hinzuzufügen, Herr Vorsitzender.“

„Was erlauben Sie sich! Reden Sie, Bürger, solange Sie noch können. Nehmen Sie zu den gegen Sie erhobenen Vorwürfen Stellung. Oder sollen wir Ihrem Gedächtnis noch einmal mit gezielten Elektrostimulationen auf die Sprünge helfen.“ (Im Saal ist gedämpftes Geraune zu hören.)
„Nein, nicht das“, höre ich mich wimmern, „ich gestehe alles!“
Der Vorsitzende lacht höhnisch: „Von allem war ja nicht die Rede. Es reicht, wenn Sie erstmal mit den Straftaten beginnen, die Sie begangen haben.“
(verhaltenes Gekicher im Saal)
„Aber, Herr Vorsitzender, ich habe doch schon alles… Ich habe doch kooperiert und bereitwillig ausgesagt. Das alles ist doch schon so lange her. Und ich wollte doch damals nur meine persönliche Meinung zum Ausdruck…“
Vorsitzender (zieht die Augenbrauen hoch, sichtlich ungehalten): „Waas? Welche Meinung? Seit wann hat die fünfte Kolonne eine eigene Meinung… Sie sind doch nur ein verblendeter Hassprediger.“
„Aber, Herr Vorsitzender, ich dachte, ich hätte das Recht auf freie Meinungsäußerung und war davon überzeugt…“
Vorsitzender (außer sich vor Wut): „Welche Überzeugung? Sie sind mir ja ein schäbiger Lump und Putin-Versteher. Eine Laus im Pelz unserer herrlichen Demokratie sind Sie. Zerbrechen Sie nicht unter Ihrer Gemeinheit?“
Beklagter (leise): „Herr Vorsitzender, ich…“
Vorsitzender (polternd ins Wort fallend): „Ja oder Nein? Antworten Sie gefälligst! Zerbrechen Sie unter Ihrer Gemeinheit?“
Beklagter (jetzt trotzig mit fester Stimme): „Herr Vorsitzender, ich lehne es ab, auf diese tendenziöse Art und Weise…“
Vorsitzender (immer lauter werdend): „Na, Sie sind mir ja ein Früchtchen. Ja, Sie können wohl auch nicht mehr zerbrechen, Sie sind ja nur noch ein Häufchen Elend, das vor sich keine Achtung hat.“
Der Vorsitzende des Tribunals holt Luft und setzt zu einer längeren Litanei an: „Ihnen wurde doch in den letzten Jahren mehrmals Gelegenheit geboten, sich zu bessern, sich umerziehen zu lassen und sich von ihren früheren falschen Äußerungen zu distanzieren, die Sie in den Jahren 2013 bis 2016 im unkontrollierten Internet getätigt haben. Sie haben all diese großzügigen Angebote unserer Gemeinde ausgeschlagen und sich bei ihren zuständigen Konvertierungshelfern gar nicht mehr gemeldet.
Hat Ihr Arbeitgeber übrigens eine Ahnung davon gehabt, was Sie ständig im Internet getrieben und welche hetzerischen Beiträge und europafeindlichen Kommentare Sie veröffentlicht haben? Oder haben Sie Ihrem Arbeitgeber gegenüber Ihre verachtenswerte russlandfreundliche Haltung verschwiegen? Reden Sie, Mann!“
„Aber ich war doch freiberuflich und selbständig tätig, Herr Vorsitzender“
Vorsitzender (mit kalter und hohntriefender Stimme): „Aha, selbständig waren Sie also – einer von denen, die nur Kosten abschreiben und Steuern sparen wollen, also einer von denen, die unserer solidarischen europäischen Gemeinschaft die zustehenden Sozialbeiträge vorenthalten, die mit ihrer Raffgier den Zusammenbruch des Sozialstaates mit herbeigeführt haben. So einer sind Sie also?“
(Ich schüttele entnervt den Kopf, schweige aber jetzt resigniert und versuche, auf den Knien in eine bequemere Haltung zu rutschen).
„Antworten Sie, Ungläubiger ähm Unwürdiger! Versuchen Sie nicht, Zeit zu schinden! Wir wollen hier zum Ende kommen. Es stehen auch noch andere Fälle an.“
(Ich trotzig mit fester Stimme): „Herr Vorsitzender, wie war die Frage?“
„Ob Sie so ein unsolidarischer Lump sind, der unserer europäischen Gemeinschaft Steuern und Sozialbeiträge vorenthalten hat?“
(Schüttele den Kopf, bin aber schon ziemlich verunsichert): „Nein, Herr Vorsitzender, ich bin doch gar nicht… Ich habe doch immer…“
Vorsitzender (unterbricht mich und schreit los) „Ein jämmerlicher Lügner sind Sie also auch noch! Hören Sie sich ihr Geschwätz, Ihr würdeloses Gestottere überhaupt mal selbst an? Gerade sagten Sie doch, dass Sie selbständig seien, wie es übrigens auch aus den Unterlagen der früher zuständigen deutschen Finanzbehörden hervorgeht. Auch die Historie Ihrer Meinungsdelikte und Hassverbrechen ist in Ihren NSA-Akten lückenlos erfasst. Leugnen ist also zwecklos, wie Sie sehen.“
Die beiden Beisitzer blättern gelangweilt in irgendwelchen dicken Aktenordnern.

„Kommen wir zum nächsten Punkt. Auf Ihrem Computer wurden zahlreiche Fotos unbekleideter junger Damen gefunden. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf, Angeklagter?“ (Ungläubig verzieht der Mann, der ich bin, das Gesicht und schweigt.)
„Ja, da schauen Sie ganz schön dumm aus der Wäsche. Hätten Sie wohl nicht gedacht, dass wir auf Ihren Computer zugreifen, was? Der Besitz jeglicher pornografischer Materialien ohne Lizenz ist strafbar und stellt einen schweren Verstoß gegen die allgemeinen moralischen Grundwerte dar. Was haben Sie zu Ihrer Entlastung zu sagen?“
„Aber Herr Vorsitzender, das sind doch nur Fotos von Frauen…“
„Aha, nur von Frauen. Homophob sind sie wohl auch noch oder? Das passt ja zum Bild eines asozialen Hetero-Chauvinisten und Putinverstehers. Es ist in der Tat auffallend, dass keine männlichen Subjekte auf den Fotos zu sehen sind. In Ihrem Freundeskreis in den sozialen Netzwerken finden sich auch keine registrierten homosexuellen Freunde oder Bekannten. Geben Sie wenigstens zu, dass Sie ein Schwulenhasser sind.“
(Mir stehen mittlerweile die Schweißperlen auf der Stirn):
„Aber nein, Herr Vorsitzender, ich bin doch kein…“
Vorsitzender (jetzt schreiend): „Ach, halten Sie doch den Mund. Man sollten Ihnen Ihr freches Lügenmaul ein für allemal… Wissen Sie, was Sie sind?“
(kurze Stille)
„Ein verkommenes Subjekt und unverbesserlicher Querulant, der sich außerhalb unserer reformierten Gesellschaft stellt. Ein Fossil, das die Segnungen von Freiheit, Friedensreligion, Genderismus und auch die Friedenswährung Euro nicht zu schätzen weiß. Ein gefährlicher Europafeind, Klima- und Genderleugner, der sogar russischen Agenten in die Hände spielt, ja das sind Sie.“

„Lassen Sie uns dieses unwürdige Schauspiel abkürzen, liebe Gemeinde.
Hoher Untersuchungsausschuss, ich beantrage hiermit, den vorgeladenen Bürger Maximilian Meiersheimer angesichts der lückenlosen Beweislage und der Schwere der ihm zur Last gelegten Straftaten unverzüglich in Gewahrsam zu nehmen. Auch wenn die monierten europa- und demokratiefeindlichen Hetzschriften, Artikel und Beiträge, die er in Foren, Blogs und Kommentarspalten des sogenannten Internet vor Jahren verbreitet hat, damals nach geltender Rechtslage noch FDGO-konform waren, so sind sie doch nunmehr von unseren Rechtsgelehrten und Religionswächtern rückwirkend als verabscheuungswürdige Meinungsverbrechen des höchstens Schweregrades eingestuft worden. Da der Beklagte nicht geständig ist und noch heute keine Reue für seine Missetaten empfindet, erlasse ich daher in meiner Eigenschaft als erster Friedensrichter folgendes unwiderrufliches Urteil:
Da dem Beklagten die Gnade eines frühen natürlichen Todes nicht zuteil wurde, sollte nun im Rahmen weiterer Untersuchungen festgestellt werden, ob dieser Überzeugungstäter für eine therapeutische Behandlung in Frage kommt (Vorsitzender verzieht angewidert das Gesicht) oder ob dessen Körper einer geeigneten Anschlussverwendung zum Nutzen der Gesellschaft, inklusive Verwertung gebrauchsfähiger Organe und Gewebeteile, zugeführt werden kann.“
Nach kurzer Pause: „Das Vermögen des Beklagten wird eingezogen und zur Deckung der Verfahrenskosten…“
(Die Stimme wird nun leiser, der Bildausschnitt des Raumes verkleinert sich allmählich auf Punktgröße.)
Mein Herzschlag beruhigt sich wieder, ich schlafe vorerst weiter den Schlaf des Gerechten und wechsele zu einer anderen Traumsequenz…

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