Obama vs. Gorbatschow

Obama und Gorbatschow – einstige Hoffnungsträger und charismatische Superstars auf der politischen Weltbühne, zunächst frenetisch bejubelt und verehrt, später an der Unbill der Realität gescheitert, entzaubert und schließlich schmählich vom Olymp der politischen Heilsbringer vertrieben.

Die Karriere des US-Präsidenten Obama erinnert mich auf seltsame Weise an die glücklose Amtszeit von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion gegen Ende der 80er Jahre. Auch jener war einst in seinem Herrschaftsgebiet als charismatischer, jugendlich wirkender Hoffnungsträger der Politik angetreten.
Nach dem Ableben seiner greisen Vorgänger – allesamt der Betonkopffraktion angehörende Altkommunisten – erhoffte man sich Mitte der 80er Jahre von Gorbatschow, einem „aufgeklärten“ Kommunisten, dass er die riesige Supermacht im Osten wirtschaftlich reformieren, ihr wieder zu gebührender Stärke und zu neuem Ansehen verhelfen möge.
So wie zu Anfang seiner Karriere der „heiligenscheinbewehrte“ Barack Obama, stieg in den 1980er Jahren auch Gorbatschow schnell zum medialen Politsuperstar auf, der auf der Weltbühne als umgänglicher Reformer gefeiert und auf internationalem Parkett von westlichen Staatschefs hofiert wurde.
Und doch beschleunigte Gorbatschow mit seiner zögerlichen Innenpolitik und seinen richtungslosen wirtschaftspolitischen Entscheidungen letztlich nur den Zerfall und den Untergang seiner Partei sowie letztlich des gesamten sozialistischen Staatenblocks.
In weiten Teilen der Bevölkerung Russlands ist Gorbatschow bis heute zutiefst unbeliebt, was angesichts des verzerrten, glorifizierten Gorbatschow-Bildes im Westen vielen unverständlich ist. Das Versagen Gorbatschows in seinem eigenen Land hat sich nur zufälligerweise für das Ausland und den Westen als besonderer Glücksfall der Geschichte erwiesen.

Der damals frische und sympathisch wirkende Gorbatschow war 1985 nach jahrelanger wirtschaftlicher Stagnation der Breschnew-Ära und den kurzen Amtszeiten seiner greisen Vorgänger Andropow und Tschernenko als vermeintlicher Erneuerer vom Politbüro ins Amt gehievt worden. Frischen Wind versprach er, eine neue Kultur von Offenheit und Reformen sollte in die Gemächer des Kreml einziehen.
Mit „Glasnost“ und „Perestroika“, Offenheit und Umgestaltung, beabsichtigte er, den Sozialismus nicht abzuschaffen, sondern von Grund auf zu erneuern und für die Zukunft fit zu machen.

Es ist als Ironie der Geschichte einzustufen, dass der linientreue und wohlmeinende Kommunist Gorbatschow durch seine konfuse und unüberlegte Umsetzung vermeintlicher Reformideen letztlich den Zerfall der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks beschleunigte. Möglicherweise hat er den Kollaps des sowjetischen Imperiums durch Inkompetenz, Entschlussschwäche und katastrophale wirtschaftspolitische Entscheidungen sogar maßgeblich verschuldet. Die deutsche Einheit wäre unter einem gewiefteren Parteiführer oder einem Hardliner im Kreml undenkbar gewesen oder zumindest deutlich teurer geworden.

Von der Verehrung und Überhöhung Gorbatschows im Ausland, insbesondere in Deutschland, ist in Russland und den Nachfolgestaaten der SU verständlicherweise nichts zu spüren. Gorbatschow gilt vielen älteren Russen als Verantwortlicher für den Niedergang ihrer Heimat und als Totengräber der Sowjetunion.
Gegen Ende der Gorbatschow-Ära, Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, herrschten in Russland wirtschaftliches Chaos und anarchische Zustände, Lebensmittelgeschäfte fielen durch gähnende Leere auf, der Kurs des Rubel befand sich im freien Fall, die Inflationsrate explodierte förmlich, die Auszahlung von Renten und Löhnen wurde monatelang verzögert, auf den Straßen sah man Bettler und Hungernde, ein Anblick, der zu geregelten Sowjetzeiten undenkbar gewesen war und die Menschen tief traumatisierte.
Kurz danach implodierte die Vielvölkerunion Sowjetunion und zerlegte sich komplett in unabhängige Einzelstaaten.

Michail Gorbatschow wurde 1990 wie zum Trost der Friedensnobelpreis verliehen.
Barack Obama bekam bereits zu Beginn seiner ersten Amtszeit den Friedensnobelpreis hinterhergeworfen. Man munkelte damals, das alleinige Verdienst, „nicht George Bush zu sein“, sei dem Nobelpreiskomitee bereits als hinreichender Grund für die Preisvergabe erschienen. Der mächtigste Mann der Welt taumelt nun, wie einst Gorbatschow, von einer Krise zur nächsten und scheint bestenfalls glücklos zu agieren, ist schlimmstenfalls überfordert und inkompetent. Die Enthüllung der jüngsten NSA-Spionageaktivitäten, die selbst vor dem Handy der deutschen Kanzlerin keinen Halt machen, ist nur eine weitere traurige Episode in einer verheerenden Bilanz der doppelten Amtszeit des ersten schwarzen US-Präsidenten.

„Auf Bush konnten wir uns immerhin verlassen. Er hat uns nie belogen“, soll Kanzlerin Merkel im kleinen Kreise geäußert haben. Das spricht Bände über den Vertrauensverlust, den Obama erlitten hat, er, der doch im Wahlkampf seinen jubelnden Anhängern nicht mehr und nicht weniger als die Wiederbelebung des amerikanischen Traums versprochen hatte.
Die ekstatische Verzückung, in die fortschrittliche Weltbürger angesichts des geradezu messianisch verehrten Obama gerieten, ist längst breiter Ernüchterung oder gar tiefer Enttäuschung gewichen.
Wahlversprechen? War da nicht noch irgendwas, für das die USA in der Nach-Bush-Ära stehen sollten, abgesehen von Kriegen, Foltergefängnissen, Finanzkrisen, Staatsbankrott und Spähaffären?

Seit einigen Tagen spukt mir jedenfalls der Gedanke im Kopf herum, dass es diese bemerkenswerten Parallelen zwischen den Amtszeiten des letzten sowjetischen Staatsführers und des ersten schwarzen US-Präsidenten zu geben scheint.
Ja, es mag ja seltsam klingen, aber ähnelt nicht Obamas Aufstieg und Niedergang auf seine eigene Weise der Regentschaft von Michail Gorbatschow?
Ähnliche womöglich unerfüllbare Hoffnungen, wie sie einst in Gorbatschow gesetzt worden waren, wurden auch auf Obama projiziert. Wie der vermeintliche Reformer Gorbatschow einst in der UdSSR, so wurde auch der afroamerikanische Hoffnungsträger Obama mit Unmengen an Vorschusslorbeeren bedacht.
Anstelle von „Glasnost“ und „Perestroika“ betörte nur Obama seine Anhänger mit „Hope and Change“, Hoffnung und Wandel. Sein lautes „Yes, we can“ – gleichermaßen griffiger und sinnentleerter Schlachtruf – tönt vielen seiner einstigen Anhänger noch heute in den tinnitusgeplagten Ohren.

Sind sie nicht beide, wenn auch aus verschiedenen Zeiten stammend und gegensätzliche politische Ansichten vertretend, traurige Symbolfiguren eines medial beeinflussten Politiktheaters ihrer Zeit, das sich immer überzeugendere und flexiblere Marionetten schafft und sie mit unerfüllbaren Erwartungen überfrachtet? Ihr Scheitern belegt jedoch, dass der Schein letztlich doch nicht über das Sein siegen kann.

Gorbatschow und Obama – von dem einen bleiben frenetische „Gorbi, Gorbi“-Rufe vor dem asbestverseuchten Berliner Palast der Republik in Erinnerung, mit denen sich die Hoffnung auf einen reformierten Sozialismus verband, von dem anderen hingegen verbleibt, wie ein verklingendes Echo in den Ohren der enttäuschten Weltgemeinde, der dumpfe Nachhall eines schallenden „Yes, we can“, mit dem unerfüllbare Hoffnungen auf ein neues und zugleich altes Amerika geweckt wurden, das man endlich wieder lieb haben kann.

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