Precht vs. di Fabio (II)

Zu diesem Gespräch noch ein letzter Gedanke, der mir im Gedächtnis haften blieb und den ich daher schnell notiere, bevor ich ihn vergesse (oder bevor ich wieder die Lust verliere, was zu schreiben): Mir ist an Prechts Einlassungen unangenehm aufgefallen, dass er versucht hat, einen Gegensatz zwischen einer (durch US-Konzerne wie Facebook, Amazon, Google symbolisierten) sog. Silicon-Valley-Mentalität und unserem westlichen Bewusstsein zu konstruieren. Er stellt ja zu Beginn auch gleich die Frage, was die Konzerne mit unserem „demokratischen Bewusstsein“ anstellen würden. Precht sieht also einen Widerspruch zwischen unserem bzw. seinem „demokratischen“ Bewusstsein, das eher an moralischen Werten ausgerichtet sei, und einem schnöden profitorientierten technokratischen Silicon-Valley-Bewusstsein der US-Amerikaner (sofern ich ihn da richtig interpretiert habe).

Dazu brachte er folgende interessante Analogie (die wohl einem Werk des weißrussischen Autors Jewgeni Morosow entnommen ist):
In der New Yorker U-Bahn (wie auch weltweit in vielen anderen Städten) sind an allen Bahnhöfen bekanntlich fest installierte Zugangsbarrieren und Schranken angebracht, die ein Betreten des Bahnsteigs ohne Fahrschein verhindern. Man hat also wirksame technische Vorkehrungen geschaffen, die ein regelwidriges Verhalten der Fahrgäste (Prellen des Fahrpreises) präventiv unterbinden.
Dagegen steht das liberale sog. Berliner Modell, das natürlich keinerlei Zugangsbarrieren oder Absperrungen vorsieht. In Berlin kann jeder problemlos auch ohne Fahrschein in eine beliebige S- und U-Bahn einsteigen; ein Fahrgast müsse daher in Berlin vor jeder Fahrt für sich persönlich eine moralisch fundierte Entscheidung treffen (Fahrschein kaufen oder nicht kaufen).

Ein erwischter Berliner Schwarzfahrer wird nachträglich für seine moralisch falsche Entscheidung bestraft, während der New Yorker U-Bahnpassagier aufgrund der dortigen technischen Installationen von vornherein nicht in Versuchung geführt wird, gegen die Beförderungsbedingungen zu verstoßen.

In Berlin habe somit das Individuum die Freiheit, anhand einer moralischen Abwägung seine eigene Entscheidung zu treffen, während dies in New York durch eine technokratische Bevormundung des Menschen durch Schranken und Drehkreuze verhindert werde – so stellt Precht, wenn ich ihn richtig verstanden habe, sinnbildlich den Gegensatz zwischen einem US-zentrierten technokratischen Bewusstsein und unserem westlichen (freiheitlichen) Bewusstsein dar.

Was an diesem Beispiel aber m. E. falsch oder von der Schlussfolgerung her trügerisch ist: In Berlin trifft man als potenzieller Schwarzfahrer in der Regel überhaupt keine moralische, sondern vor allem eine nüchtern rationale Entscheidung: Wie hoch ist das Risiko, erwischt zu werden? Dazu kommt, dass Schwarzfahren seit neuestem nicht mehr als Straftat gilt, sondern lediglich als Ordnungswidrigkeit. Inwiefern kann ich mich also mit den sozialen und finanziellen Konsequenzen des Erwischtwerdens arrangieren? Bezahle ich klaglos das Bußgeld und lache drüber, nachdem ich schon das ganze Jahr durch’s Schwarzfahren gut gespart habe? Laufe ich den Kontrolleuren einfach davon? Drohe ich den Kontrolleuren vielleicht einfach Gewalt an, oder gebe ihnen eins auf die Fresse und schaue mal, was passiert? Das sind nüchterne rationale Erwägungen, die der Berliner schwarz fahrende Fahrgast möglicherweise anstellt – jenseits von Gut und Böse. Die moralische Dimension eines Regelverstoßes ist hier belanglos oder tritt zumindest in den Hintergrund.

Auch die Existenz des Berliner „Freifahrtmodells“ liegt ja nicht in unserer freiheitlichen Mentalität begründet, sondern ist ausschließlich an die rationale Frage gebunden, ob die Einnahmenverluste der S- und U-Bahnbetreiber durch Schwarzfahrer die enormen Kosten eines flächendeckenden nachträglichen Einbaus von Zugangsbarrieren und Drehkreuzen an den Bahnhöfen überhaupt rechtfertigen würden. Wenn dies bejaht wird und auch der Steuerzahler nicht für entsprechende Verluste und Einnahmenausfälle aufkommt, wird man auch entsprechende Zugangsbeschränkungen einführen – das Berliner Modell wäre dann Geschichte. Hat nach meinem Empfinden überhaupt nichts mit einem moralischen Bewusstsein zu tun, sondern nur mit zweckmäßigen, rationalen Handlungsstrategien (Opportunität) als Reaktion auf vorgefundene Gegebenheiten in New York oder Berlin.

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