Precht vs. di Fabio

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio war zu Gast beim ZDF-Philosophen Richard David Precht – ein Gespräch, bezüglich dessen der Blogger Hadmut Danisch in der ihm eigenen höflichen und zurückhaltenden Art lediglich auf einen „Kontrast stark unterschiedlich geistiger Niveaus“ verwies. Ich habe mir die Sendung gestern nebenbei in der Mediathek angeschaut. Für mich war’s auch irgendwie enttäuschend, da ich den Herrn Precht als philosophisch vorgebildeten Sachbuchautor früher recht sympathisch fand. Hatte schon mal eines seiner Bücher gelesen (das, was eh jeder kennt), aber noch nie eine volle Sendung mit ihm gesehen. Aber gegen di Fabio, der ihm zu Anfang gleich „unterkomplexes Denken“ attestierte, sah Precht schon ziemlich alt aus. Erschwerend kam hinzu, dass er zu wenig Kenntnis vom Thema der Sendung (soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Internet) hatte und auch Marktwirtschaft offenbar nicht so sein Ding ist; aber das sollte man ja einem linken Philosophen, dessen Einkünfte sich auch marktfern aus GEZ-Geldern speisen, vielleicht nicht zum Vorwurf machen.

Die Forderung nach einer europäischen Suchmaschine, die wir da mal mit Steuergeld aus dem Boden stampfen und die dann dem Platzhirsch Google Paroli bieten wird, ist ja nicht neu. Das ist Schnee von gestern; wie so vieles, über das man da in den ganzen Quasselshows und Talkrunden lamentiert. Es gab und gibt längst diverse europäische Suchmaschinen und auch Google-Alternativen. Kann man sogar googeln. Die haben sich nun aber am Markt aus verschiedenen Gründen nicht in dem erhofften Maße durchsetzen bzw. nur geringe Marktanteile erobern können. Google hatte nun einmal von Beginn an die überlegene Suchtechnologie und einen langen Atem, verbunden mit der richtigen Strategie; die anderen kamen halt zu spät, zumal sich Google mittlerweile längst in einen international agierenden Konzern bzw. eine Beteiligungsgesellschaft transformiert hat, bei dem das Suchmaschinengeschäft nur noch eine Sparte unter vielen ist. Hätte ja auch anders verlaufen können: Durchaus vorstellbar, dass die einst beste Suchmaschine Excite heute den Status von Google hätte, wenn deren Bosse 1996 das Angebot zum Kauf von Google für 1 Mio. Dollar angenommen und nicht den später fast wertlosen Grußkartenversender Blue Mountain Arts für über 700 Mio. Dollar übernommen hätten.
Da man aber Nutzer hierzulande nicht (wie im guten alten Nordkorea) zwingen kann, etwa eine staatliche Suchmaschine oder den Suchkatalog der Antonio-Amadeo-Stiftung für Suchanfragen nach „sicheren“ Webseiten zu nutzen – ist es eigentlich sinnlos, im Jahre 2018 solche Forderungen aufzustellen. Denn was Richard David Precht m. E. implizierte, wenn er im Gespräch mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Udo di Fabio seine Vorstellung von einer staatlicherseits beauftragten bzw. initiierten europäischen Suchmaschine äußerte (die da im Gegensatz zu Google keine personenbezogenen Daten speichern solle – außer für polizeiliche Zwecke, na klar), war, dass man Steuerzahler erstens zwingen müsse, über Abgaben und Steuern derlei sinnlose marktverzerrende Projekte zu finanzieren, und dass man die Benutzer dann auch irgendwie nötigen, also zu ihrem Glück zwingen müsse, das sich in der Nutzung einer staatlich geförderten „europäischen“ Suchmaschine manifestiere …
Bei modernen linken Philosophen erfüllen offenbar freie Wirtschaft und Markt lediglich die Funktion eines riesigen Produktionsraumes und Bereitstellungslagers für Waren jeglicher Art, aus dem alle Bedürfnisse automatisch und fair befriedigt werden. Folglich müsse man sich eigentlich nur noch Gedanken darüber machen, wie man die in ihren Smart Cities nachhaltig lebenden Massen, die gelangweilt in ihren Smart Homes vor sich hin dämmern bzw. sinnieren und zuweilen in selbstfahrenden Elektroautos durch die Gegend cruisen, vor einem Missbrauch ihrer personenbezogenen Daten durch übermächtige US-Konzerne bewahren könne. Irgendwie doch erstaunlich, welche Realitätsferne man sich als ZDF-Philosoph leisten kann.

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