Dennis Rodman in Nordkorea

Ich war noch nie in Nordkorea und kenne auch niemanden, der dort war. Ich werde wahrscheinlich auch nie dort hinreisen können. Alle Koreaner, die ich jemals gekannt habe, stammten aus Südkorea und waren interessante und angenehme Menschen…

Alles, was ich über Korea weiß, stammt aus dem medialen Mainstream oder aus den englischsprachigen Pressemitteilungen der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur. Da ich in letzter Konsequenz beiden Seiten nicht wirklich traue, weiß ich, dass ich im Grunde nichts weiß. Wahrscheinlich ging es westlichen Journalisten ähnlich, die früher über Entwicklungen hinter dem Eisernen Vorhang berichten mussten, ohne dort gewesen zu sein. Wie mag es wirklich aussehen in den Hinterhöfen und Wohnungen von Pjöngjang? Was geht wirklich in den Köpfen der Nordkoreaner vor? Was mögen sie über ihren eigenen Staat und über den Westen denken?

Heute müsste jedenfalls Dennis Rodman in Pjöngjang eintreffen. Schon zum dritten Mal reist er nun, der schillernde US-Basketballstar im Ruhestand, nach Nordkorea, um seinen Freund fürs Leben, den obersten Befehlshaber und Führer des nordkoreanischen Volkes Kim Jong-Un zu besuchen und die nordkoreanische Basketballmannschaft zu trainieren. Fit machen soll er sie für ein Freundschaftsspiel gegen eine US-Profi-Auswahl, das für Anfang Januar angesetzt ist. Die nordkoreanischen Spieler, wahrscheinlich relativ chancenlos, sollten sich besser richtig ins Zeug legen, um ihren „Supreme Commander“ Kim Jong-un, der angeblich ein glühender Basketballfan ist, nicht durch eine schwache Leistung zu vergrätzen. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein…

Dennis Rodman meint, er könnte über seine persönliche Freundschaft zu Kim eine Art „Pingpong-Diplomatie“ in Gang setzen und so die Beziehungen Nordkoreas zu den USA verbessern. Vielleicht glaubt er das wirklich.
Wie auch immer. Ich wüsste nicht, wo Kim Jong-Un im Vergleich mit anderen Diktatoren einzuordnen wäre. Ist er z. B. schlimmer als Gaddafi, der jahrzehntelang von westlichen Staatschefs hofiert wurde, oder Saddam Hussein oder Ramsan Kadyrow, zu dessen 35. Geburtstag sogar das deutsche Fernsehballett auftrat? Wenn der tschetschenische Diktator die deutschen Puppen tanzen ließ, kann sich auch Kim Jong-Un einen amerikanischen Toyboy zulegen. Nichts dagegen einzuwenden. Trotzdem frage ich mich, wie denn wohl ein typisches freundschaftliches Gespräch zwischen den beiden Buddys ablaufen mag.
Wird oder darf Rodman in seiner Eigenschaft als „Freund“ nach den Hinrichtungen der letzten Woche fragen, oder wird das brisante Thema elegant umschifft?

Warum hat nun Kim Jong-Un seinen Onkel, Jang Song-Thaek, erschießen lassen? Ging es nur um einen Machtkampf der Spitze von Armee und Staat, wie die meisten Kommentatoren mutmaßen, oder darum, einen Reformer aus dem Weg zu räumen, was eher meine Vermutung wäre.

Vielleicht wird Rodman im Gegenzug auch eingeladen, den nächsten Exekutionen persönlich beizuwohnen. Oh, zufällig finden gerade wieder welche statt. That’s a must-see, Dennis.

Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht. Der sportlich interessierte Diktator ist schließlich gut erzogen.
Als sicher kann meines Erachtens aber gelten, dass Dennis Rodman wissentlich oder unwissentlich von CIA oder NSA als wertvolle Quelle abgeschöpft wird. Kenntnisse aus erster Hand aus einem völlig abgeschotteten Land sind schließlich unverzichtbar für die CIA. Zur Erarbeitung eines psychologischen Profils, das man über maßgebliche ausländische Politiker erstellt, wird man in irgendeiner Weise auf das Insider-Wissen Rodmans zugreifen. Hoffen wir, dass dies die Beziehung zwischen die beiden Basketballexperten nicht trüben wird.
Aber eine echte Freundschaft ist ja sowieso durch nichts zu erschüttern.

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