Die schmutzige Flut

Als wären die jüngst über Deutschland hereingebrochenen sintflutartigen Regenfälle und Überschwemmungen für sich allein noch nicht genug, schwärmen Publicity-süchtige Politiker nun einer biblischen Heuschreckenplage gleich in die Überschwemmungsgebiete aus, um sich mit herrischem Gestus nach dem Stand der Arbeiten zu erkundigen und sich im Vorwahlkampf in ihren quietschbunten Regenjacken und Gummistiefeln als zupackende Katastrophenmanager zu gerieren.

„Never waste a good catastrophe“, so könnte das Credo jener Politiker lauten, die um die Macht guter Bilder wissen und nicht davor zurückschrecken, jede Vorlage zur eigenen Profilierung dankbar aufzunehmen und gerade in Zeiten der Not auf Wählerfang zu gehen.
So ist es wohl kein Zufall, dass das geplagte Volk nach dem diesjährigen fatalen Hochwasser zu allem Unglück auch noch von wahlkämpfenden Politikern heimgesucht wird, die sich beim Befüllen eines Sandsacks ablichten lassen und die echten Helfer bei ihrer Arbeit behindern.

Seit den Zeiten eines gummigestiefelten Gerhard Schröder, der nach der Jahrhundertflut 2002 in grüner Regenjacke mit seinem politischen Tross medienwirksam durch die ostdeutsche Landschaft marschierte und sich dadurch seinen Wahlerfolg sicherte, kann es sich kein(e) Aspirant(in) auf das höchste politische Amt der Bundesrepublik und kaum ein Spitzenpolitiker mehr leisten, auf Bilder und Filmsequenzen zu verzichten, die ihn oder sie in feldherrenähnlicher Pose auf einem Erdhügel stehend oder durch eine Regenpfütze schreitend zeigen.

Obwohl der Hochwassertourismus der Politik ein lächerliches, durchschaubares Theater ist und vielleicht auch von eigenen Versäumnissen bei der Hochwasserprävention und der unzureichenden Aufarbeitung der Lehren aus der letzten Jahrhundertflut ablenken soll, kann er oder sie in öffentlichkeitswirksamer Weise Tatkraft demonstrieren, denn jetzt komme es schließlich darauf an, den Menschen zu signalisieren, dass man zu ihnen stehe, ihre Nöte verstehe und unbürokratisch Hilfe leiste.

Leider bleibt es meist beim schönen Schein. Der hochgelobte SPD-Deichgraf Mathias Platzeck beispielsweise, einst sogar als Kanzlerkandidat im Gespräch, der durch seinen öffentlichkeitswirksamen Einsatz beim Oderhochwasser 2002 gefeiert worden war, versagte ebenso kläglich wie sein Parteifreund Klaus Wowereit bei der Kontrolle des Berliner Flughafenprojekts, das sich zu einem ungeahnten Desaster für die Steuerzahler entwickelt hat und dessen Gesamtschaden noch nicht einmal bezifferbar ist, da sein Fertigstellungstermin noch in nebulöser Zukunft liegt.

Unsere Schönwetterpolitiker sind leider schnell überfordert, wenn es um mehr geht, als vollmundige Statements abzugeben und Unterschriften unter Bürgschaftserklärungen zu setzen.
In der heutigen Zeit zählen Bilder mehr als Taten.
Was einst dem Diktator die Fotos mit einem frisch gewickelten Baby auf dem Arm, sind dem modernen Postdemokraten die Facebook-Bilder, die ihn mit besorgter Miene posierend auf einem durchfeuchteten Deichwall zeigen.

Wenn man einen derartigen medienwirksamen Ausflug in die Niederungen des hochwassergeschädigten Pöbels noch mit einigen finanziellen Versprechungen und Hilfsangeboten würzt, kann man die berechtigte Hoffnung hegen, in der Gunst der Wähler etwas höher zu steigen, oder etwa nicht?

100 Millionen Euro versprach die regenschirmbewehrte Frau Merkel im Flutgebiet spontan als unbürokratische Nothilfe. Wow! Sehr mutig und generös von Frau Merkel, diese Steuergelder im Staatsfernsehen zuzusagen, auch wenn es nur Brosamen im Vergleich zu den Summen sind, die den flutgeschädigten Steuerzahlern zwangsweise genommen wurden und werden.
Das ist etwa ein Fünftel der Summe, die im militärischen Drohnenprojekt „Euro Hawk“ bereits verschwendet wurde – um nur ein einziges der zahlreichen gescheiterten Großprojekte zu nennen, in denen unsere irrlichternden Politiker Jahr für Jahr Milliarden Euro an Steuergeldern versenken, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für die Verursacher und Schuldigen hätte…

Nun, aber seien wir nicht undankbar. Deutschland kann sehr dankbar sein, dass wir solche Politiker haben, die Flutkatastrophen so entschlossen bewältigen.
Bei soviel Entschlossenheit kann das Wasser gar nicht anders, als zurückzuweichen. Bis zur nächsten Hochwassersaison jedenfalls.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>